Jagdbanngebiet Säntis
Für den Schutz des Hirsches: WWF will Alpwirtschaft und Tourismus im Jagdbanngebiet einschränken

Die Weiden im Jagdbanngebiet Säntis werden durch die Alpwirtschaft und die Rothirsche übernutzt. Die Standeskommission hat das Bau- und Umweltdepartement darum angehalten, mehr Rotwild zu schiessen. Doch der WWF ist dagegen.

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Mit bis zu 200 Kilogramm Körpergewicht gehört der Hirsch zu den grössten einheimischen Wildtieren

Mit bis zu 200 Kilogramm Körpergewicht gehört der Hirsch zu den grössten einheimischen Wildtieren

Bild: PD

Die Standeskommission hat die Alpbewirtschaftung im Innerrhoder Teil des eidgenössischen Jagdbanngebiets Säntis auf deren Nachhaltigkeit untersuchen lassen. Resultat: Die Bewirtschaftung der Sömmerungsbetriebe kann als angepasst bezeichnet werden – sofern die Rothirsche ausgeblendet werden. Diese konnten sich in den vergangenen Jahren im Jagdbanngebiet stark ausbreiten. In der Folge werden die ertragsreichen Weiden durch Alpwirtschaft und Rothirsche teilweise übernutzt, sodass den Bewirtschafterinnen und Bewirtschaftern der Alpen weniger Futter für ihre Tiere bleibt. Die Standeskommission hält in einer Mitteilung fest, dass sie die traditionelle Alpbewirtschaftung erhalten möchte. Damit der hohe Hirschbestand die landwirtschaftliche Nutzung im Sömmerungsgebiet nicht übermässig beeinträchtigt, hat die Standeskommission darum das Bau- und Umweltdepartement angehalten, dass genügend Hirsche geschossen werden.

Doch dagegen regt sich Widerstand. Das Jagdbanngebiet wurde zum Schutz der Wildtiere vor Störung geschaffen. Darum bedürfen Eingriffe in den Wildtierbestand im Jagdbanngebiet auch der Absprache des Bundesamtes für Umwelt und der Zustimmung der Umweltverbände. Die Umweltverbände haben in den vergangenen Jahren den jährlich geplanten Abschüssen von bis zu 40 Hirschkälbern und ein- und mehrjährigen weiblichen Tieren zugestimmt und die Massnahmen mitgetragen, die Teil des «Konzeptes und Massnahmenplan Wald und Hirsch» sind. Doch wie der WWF nun in einer Mitteilung schreibt, sei er «irritiert, wenn die Landwirtschaft gestützt auf das vom Landwirtschaftsamt AI in Auftrag gegebenes Gutachten, noch mehr Abschüsse verlangt».

Toleranzschwelle für Frassschäden muss im Jagdbanngebiet höher sein

Tatsache sei, dass in einem eidgenössischen Jagdbanngebiet die Toleranzschwelle für Frassschäden durch Hirsche höher sein muss als ausserhalb, schreibt der WWF weiter. Gemäss der Verordnung über die eidgenössischen Jagdbanngebiete haben die Kantone dafür zu sorgen, dass «die Lebensräume der Wildtiere land- und forstwirtschaftlich angepasst genutzt werden». Der Kanton habe also eine Verpflichtung zusammen mit den Alpbetreibern für ein Nebeneinander von Nutz- und Wildtieren zu sorgen. Das heisst, dass die Landwirtschaft, der Forst, der Tourismus und die Jagd gemeinsam Massnahmen ergreifen und umsetzen müssen, wie dies im «Konzept und Massnahmenplan Wald und Hirsch» festgelegt wurde. In letzter Konsequenz könnte das auch heissen, so der WWF, «dass die Landwirtschaft die Sömmerungsgebiete mit weniger Vieh bestösst oder grundsätzlich das Alpregime verändert».

Kein Prozess, der schnell Resultate zeigt

Das Problem der Verbissschäden im Weissbachtal besteht schon seit einigen Jahrzehnten. Mit dem «Konzept und Massnahmenplan Wald und Hirsch», das mit breiter Mitwirkung auch seitens des Kantons erarbeitet wurde, habe man erstmals ein vielversprechendes Instrument geschaffen, um die Wildschäden im Jagdbanngebiet Säntis auf ein tragbares Mass zu reduzieren, heisst es in der Mitteilung des WWFs weiter. Das sei nicht von heute auf morgen möglich, sondern werde ein jahrelanger Prozess bleiben. «Wenn dieser Prozess nun durch die Landwirtschaft und den Tourismus torpediert wird, sei niemandem geholfen».

Denn es ist nicht nur die Landwirtschaft, welche dem WWF ein Dorn im Auge ist, sondern auch die touristische Nutzung des Gebiets. So hat er jüngst Einsprache gegen den geplanten Wanderweg im Gebiet Langälpli-Löchli erhoben. Dort möchte der Bezirk Schwende einen neuen Wanderweg schaffen. Dieser liegt aber just im Jagdbanngebiet. Der WWF ist der Auffassung, sollte der Weg in den Netzplan der Fuss- und Wanderwege aufgenommen werden, würde er den Massnahmen von Wild und Wald zuwiderlaufen. Eine Bejagung des Rotwildes würde dann auch keinen Sinn mehr machen, da mehr Wanderer wiederum mehr Störungen hervorrufen werden und der Hirsch seine Einstandsgebiete und Ruheräume verlassen wird.

Das seit 2018 in der Umsetzungsphase befindliche Konzept Wald und Hirsch enthält das Hauptziel, im Kantonsgebiet die Bestände der Rothirsche und die Tragfähigkeit ihrer Lebensräume im Gleichgewicht zu halten. Das im Konzept festgelegte strategische Ziel im Bereich Landwirtschaft besteht darin, die landwirtschaftliche Nutzung im Sömmerungsgebiet ohne einschneidende Beeinträchtigung durch den Rothirsch vornehmen zu können. (pd)

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