Jagd nach hohem Abschussziel

Heuer muss die Rothirsch-Hegegemeinschaft 1, zu welcher auch das Toggenburg gehört, deutlich mehr Hirsche schiessen als in den vergangenen Jahren. Der Abschussplan ist mit 400 Stück hoch angesetzt, zusätzliche Massnahmen sind wahrscheinlich.

Thomas Schwizer
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Mit hoher Abschussquote vorbeugen: Wo sich viel Rothirsche aufhalten, ist die Gefahr von Schäl- und Verbissschäden im Wald gross. (Bild: Thomas Schwizer)

Mit hoher Abschussquote vorbeugen: Wo sich viel Rothirsche aufhalten, ist die Gefahr von Schäl- und Verbissschäden im Wald gross. (Bild: Thomas Schwizer)

OBERTOGGENBURG. Ende August hat das Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen bekannt gegeben, dass im Gebiet zwischen Walensee, See-Gaster, Toggenburg und Rheintal zur Stabilisierung des Rotwild-Bestandes ausserordentliche Massnahmen notwendig seien. Das Ziel, den Bestand nicht weiter ansteigen zu lassen, sei mit der bisherigen Bejagung nicht erreicht worden.

Im nördlichen Verbreitungsgebiet des Kantons St. Gallen wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Rothirsche gezählt. Die Rudeltiere ziehen im Winter bevorzugt in die Tallagen, wo es vorübergehend zu grösseren Ansammlungen kommt. In diesen schneearmen Überwinterungsgebieten kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu negativen Wildeinflüssen am Wald. Erst im Juni dieses Jahres konnten mehrjährige gerichtliche Streitigkeiten wegen Schäl- und Verbissschäden mit einem Vergleich beigelegt werden.

Ambitionierte Vorgaben

In der aktuellen, bis am 15. Dezember dauernden Jagdsaison soll der stetig wachsende Rotwildbestand zumindest stabilisiert werden. Um dies zu erreichen, hat die Rothirsch-Hegegemeinschaft 1 (RHG) in ihrem Gebiet eine hohe Abschusszahl zu erfüllen. Das Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen hat eine hohe Vorgabe von 400 zu schiessenden Tieren festgelegt. Primär sollen Rothirsche geschossen werden – zur Stabilisierung des Bestandes vorwiegend Kahlwild, also Hirschkühe und -kälber. Die Jägerschaft sei intensiv bemüht, die ambitionierten kantonalen Vorgaben zu erfüllen. Trotzdem werde es schwierig, das Soll zu erfüllen, stellt der Toggenburger Wildhüter Urs Büchler auf Anfrage fest.

Mit Stand am Dienstagmittag letzter Woche wurden laut Köbi Rutz, Präsident der Rothirsch-Hegegemeinschaft 1, 270 Tiere geschossen, 45 mehr als zum gleichen Zeitpunkt in der Jagdsaison 2011. Allein im Werdenberg sind 200 Stück Rotwild zu schiessen, davon waren hier bis Dienstagmittag 152 Stück erlegt.

Das Wild besser «verteilen»

Um den Rothirsch-Bestand stabilisieren zu können, wird auch im kantonalen Wildasyl Gamsberg gejagt. Dabei handelt es sich laut Wildhüter Urs Büchler um konzentrierte Eingriffe. Damit möchte das Amt für Natur, Jagd und Fischerei ebenfalls einen Beitrag zur Erfüllung des hohen Abschussziels für die Rothirsch-Hegegemeinschaft 1 leisten. «Wir haben bisher 16 von den 20 vorgegebenen Abschüssen im Wildasyl getätigt. Wir sind hier also auf Kurs», stellt der Toggenburger Wildhüter Urs Büchler fest. Die Wildhut wurde bei dieser «Spezialjagd» teilweise von Revierjägern unterstützt. Die Abschüsse in diesem ältesten der drei grossen Nicht-Jagdgebiete im Kanton St. Gallen wurden vom kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei angeordnet. Bereits im vergangenen Jahr wurden im Wildasyl Gamsberg zwölf Stück Rotwild erlegt.

«Ziel dieser Jagd ist es, eine bessere Verteilung der Tiere während der Jagdzeit zu erreichen», erklärt Urs Büchler. Insbesondere Rothirsche würden nämlich rasch erkennen, dass sie in diesem Wildasyl sicher sind. Mit den aktuellen jagdlichen Eingriffen wolle man erreichen, dass sich nicht zu viele Tiere der Bejagung entziehen können. Damit soll auch der Druck auf den forstlichen Bereich, also die Wälder, gemildert werden, der sich durch Schäl- und Verbissschäden zeigt.

Stabilisieren bis reduzieren

Zu den 20, laut den amtlichen Vorgaben im Wildasyl Gamsberg zu erlegenden Tieren, kommen weitere 380 im Gebiet der Rothirsch-Hegegemeinschaft 1 (RHG 1) zwischen Walensee, See-Gaster, Toggenburg und Rheintal. So will man den Zuwachs an Rotwild «abschöpfen» und in erster Linie den heute (zu) hohen Bestand stabilisieren.

Im Werdenberg, wo in den letzten Jahren vom Rotwild angerichtete Schäden zu langen – im Juni dieses Jahres gütlich beigelegten – Streitereien über die Entschädigung für betroffene Waldbesitzer führten, soll der Wildbestand sogar möglichst etwas reduziert werden. Durch den jetzigen Bestand an Rothirschen sehen die Waldeigentümer die forstlichen Ziele beeinträchtigt, so Urs Büchler.

Das vom Amt formulierte Ziel dieser ambitionierten Anzahl Abschüsse ist es, «einen gesunden, artgerechten und dem Lebensraum angepassten Bestand zu erreichen». Dabei können die Jäger nicht einfach jedes Tier erledigen, das ihnen vor das Gewehr kommt. Hauptsächlich werden weibliche und junge Tiere erlegt. «Es wird ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und ein natürlicher Altersklassenaufbau angestrebt», begründet Urs Büchler die jagdlichen Ziele

Derzeit, rund drei Wochen vor Ende der Jagdsaison am 15. Dezember, ist das Erreichen der gegenüber den Vorjahren deutlich heraufgesetzten Abschussvorgabe im Gebiet der RHG 1 noch unsicher. Dafür hat Urs Büchler Verständnis. «Die Hirschjagd verlangt von den Jägern einen grossen zeitlichen Aufwand», hält er fest. Die Jagdgesellschaften müssten deshalb in dieser Saison deutlich mehr Aufwand leisten. Erschwerend komme hinzu, dass derzeit im grossen Jagdgebiet der Rothirsch-Hegegemeinschaft 1 erst in den höchsten Lagen Schnee liegt. Deshalb befinden sich die Hirsche noch weit im Berggebiet oben, was für die Jäger aufwendig ist. Viel Schnee in der Höhe treibt jeweils die Tiere in tiefere Lagen, was die Arbeit der Jäger erleichtert.

Weitere Massnahmen in Sicht

Welche Massnahmen vorgegeben werden, falls der ambitionierte Abschussplan nicht erreicht wird, steht derzeit noch nicht fest. Für das Amt für Natur, Jagd und Fischerei ist klar, dass Schritte in Betracht gezogen werden, falls die 400 Stück Rotwild trotz der intensiven Bemühungen der Jagdgesellschaften nicht erlegt werden können. Welche das sein können, werde in Absprache mit der Hegegemeinschaft geprüft. «Wir wollen eine konzentrierte, nicht zu lange Jagdzeit», hält Wildhüter Urs Büchler fest. Die Tiere würden im Winter Einstandgebiete brauchen, in denen sie Ruhe finden und sich während der Notzeit sicher fühlen können. Er spricht von einer «Gratwanderung zwischen soviel Jagddruck wie nötig und so wenig Eingriffen in den Winterlebensräumen wie möglich».

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