Jagd nach einem Alpstein-Biker

ALPSTEIN. Mit den Alpstein-Bikern verhielt es sich dieses Jahr wie mit den eingewanderten Bären: Wer sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort befand, konnte eines der eher seltenen Lebewesen hautnah beobachten.

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Jürgen aus Vorarlberg liess sich vom Regen nicht abschrecken. (Bild: Urs Huwyler)

Jürgen aus Vorarlberg liess sich vom Regen nicht abschrecken. (Bild: Urs Huwyler)

Mit den Alpstein-Bikern verhielt es sich dieses Jahr wie mit den eingewanderten Bären: Wer sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort befand, konnte eines der eher seltenen Lebewesen hautnah beobachten. Auf dem über 90 Kilometer langen Rundkurs über Unterwasser, die Schwägalp, Brülisau und Rüthi sollen sich bei himmeltraurigen Wetterverhältnissen 20 feuchtfröhliche Zweirädler auf die Strecke gewagt haben.

Auch OK-Präsidentin Christiana Sutter machte sich in Begleitung von ex-Skirennfahrerin Ella Alpiger mit einem Flyer-Bike «uf u devo». Eine Woche zuvor hatte sie auf Radio DRS 3 in der gleichnamigen Sendung Werbung für die Schönheiten des Alpsteins und des Toggenburgs betrieben. Schon während der Sendung wurde die Homepage überdurchschnittlich oft angeklickt. Aber statt T-Shirt-Wetter empfingen Kälte, Nässe und ins Gesicht peitschender Regen die Abenteurer.

Wenig Risikopotenzial

Das ultimative Biker-Jagd-Erfolgserlebnis stellte sich auf der Schwägalp ein, nachdem der Checkpoint Unterwasser zwar nicht unter Wasser stand, aber bei Dauerregen niemand aus der Kategorie «Biken ist mein Leben» in Sicht war. Entlang dem Thurweg oder in Stein sorgte ebenfalls niemand für ein Aha-Erlebnis. Die mit dem handschriftlichen Zusatz «Gilt auch für Biker» versehene Tafel «Bitte vorsichtig fahren – alpsteinbike.ch» brauchte es diesmal nicht. Das Risikopotenzial hielt sich in Grenzen.

Im Nationalpark kommt es auch selten zu Zusammenstössen zwischen Bären und Autofahrern.

Rat der Kollegen

Bei Bananen, Kraftriegeln, Biberli und Bouillon herrschte im geheizten Zelt auf der Passhöhe eine gemütliche Atmosphäre. Draussen packte der Velomechaniker seine sieben Sachen zusammen, als plötzlich das Quietschen von Bremsen die Helfer-Equipe aufschreckte. Ein Biker! Tatsächlich näherte sich eine vermummte Gestalt auf zwei Rädern dem Eingang. Unter den Regenschutzschichten kam ein Mann hervor.

Kein Appenzeller oder Toggenburger, sondern ein Vorarlberger. Jürgen war weder verwirrt noch hatte er sich verirrt, sondern er spulte tatsächlich die ganze Strecke ab. Ein Österreicher kennt keinen Schmerz.

Die Handschuhe konnte er auswringen, bei der Nässe auf der Haut war er sich nicht sicher, ob er schwitze oder das Wasser durchdrücke.

Vor einem Jahr hatte er die Strecke mit sechs Arbeitskollegen zusammen absolviert, diesmal kneiften seine weich gestrickten Begleiter. Sie gaben ihm allerdings einen guten Rat mit auf den Weg: Er solle nicht alleine fahren, sondern sich einer Gruppe anschliessen. Aber hallo. Der Mann bekam von Rüthi über Wildhaus, Unterwasser, dem Risi-Pass und der Schwägalp keinen andern Teilnehmer vor die Brille. «Umso wichtiger ist es, dass die Strecke wie am Alpsteinbike perfekt signalisiert ist.

Da kann ich mich auch als Einzelfahrer sicher fühlen», lobte er die Organisatoren. In den letzten Jahren mussten die Bananen wegen des Ansturms teilweise geviertelt werden. Diesmal hätten ganze Affenherden von den Bäumen gelockt werden können. Dem umsorgten Mann von jenseits des Rheins wurde nach dem Kleiderwechsel empfohlen, er solle die nassen Utensilien im Zelt lassen und den Rucksack mit Verpflegung stopfen.

Er entschied sich gegen die Bananen und versuchte mit einer Holzkelle das Futteral in seinen pflotschnassen Fingerhandschuhen herzurichten. Sport ist gesund, völkerverbindend und gibt eine gute Laune.

Absage diskutieren

Nach einer kurzen Umzieh- und Verpflegungspause und der Erkenntnis, dass ein modernes Lesegerät eine stundenlang durchnässte Start(nummern)-karte nicht mehr zu lesen vermag und zu Block und Kugelschreiber gegriffen werden muss, schwang sich der Einzelkämpfer wieder aufs Rad.

Aufgeben? Fehlanzeige. Er habe schon zwei Drittel der Höhendifferenz hinter sich, machte er sich Mut. Und das Erlebnis, an den Checkpoints von aufgestellten Helfern umsorgt zu werden, wollte er nicht missen. Die Idee, den sympathischen «Spinnern» im kommenden Jahr das Startgeld zu schenken, kam nicht schlecht an.

Blieb die Frage, ob bei solch misslichen Verhältnissen, die sich aufgrund der Prognosen seit Tagen angekündigt hatten, die Rundfahrt künftig abgesagt werden müsste.

Das Thema möchte die im Gegensatz zu einigen Helfern und Aktiven (noch?) nicht erkältete Christiana Sutter an der Abschlusssitzung diskutieren. 2011 wird sowieso wieder die Sonne scheinen.

Urs Huwyler