JAGD: Ein Kanton ohne Abschussfreigabe

Der Wolfsrüde M75 hat in der Ostschweiz ein Gebiet, in dem er zurzeit sicher wäre: Innerrhoden. Der kantonale Jagdverwalter Ueli Nef führt aus, weshalb man keine Abschussverfügung erlassen hat.

Margrith Widmer
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In Innerrhoden hat noch nie ein Wolf Nutztiere gerissen und es ist auch noch keiner in eine Fotofalle geraten. (Bild: PD)

In Innerrhoden hat noch nie ein Wolf Nutztiere gerissen und es ist auch noch keiner in eine Fotofalle geraten. (Bild: PD)

Margrith Widmer

redaktion@appenzellerzeitung.ch

Die vier Kantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen, Graubünden und Tessin haben für den Wolfsrüden M75 Abschussverfügungen erlassen. Sie begründen dies mit der «eindeutigen Schadenslage». Der Wolf M75 soll in seinem Streifgebiet in den vergangenen vier Monaten 55 Schafe gerissen haben. Betroffen seien «betreute Herden» gewesen, «die sich auf elektrisch gesicherten Weiden und in der Nähe von Häusern befanden.»

M75 zeige das typische Verhalten eines nicht stationären Wolfs. Wegen der häufigen und schnellen Wanderungen über grössere Distanzen, sei auch ein «plötzliches Wiederauftauchen von M75 im Gebiet von Appenzell Ausserrhoden möglich», so der Ausserrhoder Jagdverwalter Heinz Nigg. Wölfe können pro Tag bis zu 70 Kilometer zurücklegen; junge Wölfe wandern oft bis zu tausend Kilometer – beispielsweise auf der Suche nach einer Wölfin.

Innerrhoden ohne gesicherten Wolfsnachweis

Appenzell Innerrhoden beteiligt sich zurzeit noch nicht an der Aktion Abschussverfügungen: «Wir haben noch keinen gesicherten Wolfsnachweis; das ist in Appenzell Ausserrhoden anders», sagt der Innerrhoder Jagdverwalter Ueli Nef. Weder habe ein Wolf in Innerrhoden je Nutztiere gerissen, noch sei einer in eine Fotofalle geraten. Man habe auch keine gerissenen Wildtiere gefunden. Klar sei es möglich, dass mal ein Wolf von Ausserrhoder Territorium auf Innerrhoder Boden gelangt sei.

Hingegen ist Ueli Nef der Meinung, M75 verfüge über Eigenschaften, «die dem Ansehen seiner Art abträglich sind». «Wölfe sind Opportunisten.» Dass M75 aber in Ställe eindringe, «gehört sich nicht und geht entschieden zu weit.» Ueli Nef verweist auf die Wölfin F18, «die zwischen Chur, Bergün und Celerina nachgewiesen wurde und ein scheinbar anonymes Leben führt.» In Graubünden sprang der Wolf M75 über eine halbhohe Stalltür in den Stall. Der betroffene Schafhalter hat inzwischen den offenen oberen Türteil mit einem Gitter verschlossen.

Ausbau des Herdenschutzes ist nötig

«M75 ist ein Wolf, der im Vergleich zu den meisten seiner Artgenossen gelernt hat, gewisse Herdenschutzmassnahmen zu umgehen», sagt der Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, Schafhirte David Gerke. «Namentlich überwindet er auch Zäune, die andere Wölfe fernhalten können. Aus dieser Optik ergibt eine Abschussbewilligung theoretisch Sinn.»

M75 sei aber auch ein Wolf, der sich ausgesprochen rasch und weit verschiebe. «Dies macht es fast unmöglich, ihn abzuschiessen. Sein Beispiel zeigt, wie untauglich Abschüsse sind, um Konflikte mit Wölfen zu vermeiden. Dieser Wolf kann wohl auch mit grossem Aufwand nicht geschossen werden, reisst aber weiter Schafe. Deshalb ist es nötig, den Herdenschutz bestmöglich weiter auszubauen: Mit hohen elektrifizierten Zäunen und insbesondere auch dem Einsatz von Herdenschutzhunden. Nur so kann Konflikten vorgebeugt werden.»

In den sozialen Medien haben die Abschussverfügungen in der Wolfs-Fangemeinde Empörung ausgelöst: «Mmmmh, das ist ja pro Tag nicht mal ein halbes Schaf! Ein ausgewachsener Wolf braucht das. Und wenn er irgendwo noch eine Familie hat, sowieso. Also hat er nicht zum Ver­gnügen getötet. Aber es ist halt einfacher, ihn abzuknallen, statt die Schafe besser zu schützen. Unglaublich, dass es das schweizerische Gesetz nicht schafft, diesem Treiben ein Ende zu bereiten», schrieb einer der Kommentatoren.

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