Jäger und Förster als Partner?

Reibungen zwischen den Jägern und den Förstern hat es schon immer gegeben. Förster Ernst Aerne und Jäger Roland Tremp zeigen im Gespräch auf, wo aus ihrer Sicht die Problematik liegt und wie der Dialog zwischen den Partnern viel zum Verständnis beitragen kann.

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Unbenannt-1, page 1 @ Preflight ( Einfaches CMYK ) (Bild: m.stampfli)

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Herr Tremp, wann gehen Sie in den Wald?

Roland Tremp: Ich bin das ganze Jahr über im Wald anzutreffen. In der Freizeit suche ich im Linthgebiet Erholung. Für die Jagd bin ich im Toggenburg unterwegs und dort bin ich auch ohne jagdliche Absichten im Wald. Dann beobachte ich die Tiere.

Wie sieht denn ein Besuch im Wald aus, wenn Sie auf der Jagd sind?

Roland Tremp: Ich entscheide mich im Vornherein, in welchem Teil des Waldes ich jagen will. Es kann sein, dass ich auf einem Hochsitz auf das Wild warte. Oder dann laufe ich auf der Pirsch langsam durch den Wald. Dabei bin ich natürlich auch ausserhalb der Wanderwege und Waldstrassen unterwegs.

Herr Aerne, Sie sind fast jeden Tag im Wald. Was ist dabei Ihre Hauptaufgabe?

Ernst Aerne: Wir Förster sind zum einen Forstpolizei und zum anderen beraten wir die Waldbesitzer in Sachen Waldnutzung oder Schutzwald. Mir obliegt zudem die Betreuung des Reservats der Kreisalpenkorporation.

Sehen Sie bei Ihrer Arbeit im Wald häufig Tiere?

Ernst Aerne: Ja, ich sehe viele Tiere. Ich bin meistens alleine im Wald unterwegs und dadurch verursache ich wenig Lärm. Daher fliehen die Tiere selten.

Sie wissen also, wo die Tiere stecken. Ist das ein Vorteil bei der Ausübung Ihres Hobbies Jagd?

Ernst Aerne: Sicher. Wenn ich Fährten und Tiere sehe, dann weiss ich, wo ich ansitzen muss. Das ist sicher ein Vorteil gegenüber den Jagdkollegen von auswärts. Aber wer meine Abschussliste sieht, merkt schnell, dass ich nicht der Stärkste in meiner Jagdgesellschaft bin.

Woran liegt das?

Ernst Aerne: An der fehlenden Zeit. Ich verbringe zwar viel Zeit im Wald, aber meistens nicht mit dem Gewehr.

Wäre es ein Traum für Sie, Herr Tremp, jeden Tag im Wald zu sein und Tiere beobachten zu können?

Roland Tremp: Eine Tätigkeit in der Natur würde mir sicher gefallen. Durch meine Funktion im Waldrat erhalte ich nun einen Einblick ins Forstwesen. Ich sehe die Arbeit eines Försters als anspruchsvoll und streng an, sie hat aber auch ihre schönen Seiten.

Wo sehen Sie als Jäger und Waldratspräsident Reibungspunkte zwischen der Jagd und der Forstwirtschaft?

Roland Tremp: Ein Problem sind sicher die Wildschäden. Wobei ich hierzu sagen muss, dass sich diese in unserem Revier in Massen halten. Wir mussten bisher keinen grossen Aufwand betreiben, um Verbisse zu verhindern und auch nie massive Wildschäden vergüten. Für Förster, die wenig Bezug zur Jagd haben, ist der Verbiss immer zu gross. Wohingegen Förster, die nebenbei auch Jäger sind, beide Seiten kennen. Die Jagdgesellschaften machen ihr Möglichstes, aber es gibt Jahre wie dieses, wo wir die Abschusszahlen kaum erreichen. Dies, obwohl wir Jäger einen grossen zeitlichen Aufwand betreiben. Die Problematik Jagd/Wald hat es schon immer gegeben. Einige Förster hätten den Wald am liebsten wildfrei, aber das kann nicht die Lösung des Problems sein.

Wie gehen Sie, Herr Aerne, als Förster und Jagdobmann mit dieser Problematik um?

Ernst Aerne: Seit ich selber jage, beurteile ich die Wildschäden anders. Ich nehme Stichproben, die für alle nachvollziehbar sind. Ich führe auch regelmässig Gespräche mit den Jagdgesellschaften. Beide Seiten kennen sich und gehen im Wald miteinander anders um. Als ich als Förster begonnen habe, hatte ein guter Jäger Streit mit dem Förster und umgekehrt. Weil hier im Obertoggenburg alle Förster auch Jäger sind, ist das Verständnis füreinander und der Umgang miteinander viel besser. Zudem ist die Ausbildung der Jäger heute auch besser. Sie verstehen viel vom Wald und das weckt das Verständnis füreinander und erleichtert die Diskussion.

Roland Tremp: Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Denn der Anspruch an den Wald nimmt zu. Nicht nur Jäger und Förster sind im Wald, sondern auch immer mehr auch Spaziergänger und Biker und diese verursachen zum Teil massive Störungen des Wilds. Sie tragen so indirekt zu Wildschäden bei, denn die Tiere fliehen ins Dickicht, wo wir sie nicht jagen können und wo sie fressen, was sie finden. Das erschwert es uns, unseren Auftrag zu erfüllen. Und wenn uns dies nicht gelingt, kommen die Förster auf uns Jäger zurück. Obwohl wir wenig zu den Störungen beitragen.

Ernst Aerne: Dem kann ich beipflichten. Die indirekten Schäden durch die intensive Waldnutzung kann man nicht nachweisen. Die Förster stellen den Verbiss an den Bäumen fest und verlangen von den Jägern einen höheren Abschuss. Der Ursprung der Schäden liegt aber oft an einem anderen Ort, nämlich bei den Störungen. Trotzdem kommt es zwischen den Jägern und den Förstern zu Reibereien.

Gibt es von der forstlichen Seite her Ansprüche an die Jäger, die sie befolgen müssten?

Ernst Aerne: Wir diskutieren jedes Jahr über die Abschusszahlen. Wenn wir grössere Wildschäden feststellen, dann fordern wir, dass die Jäger mehr Tiere abschiessen.

Sind Sie als Jäger in diesem Punkt mit dem Förster einig?

Roland Tremp: Ja, wenn wir miteinander den Konsens und die Zusammenarbeit finden. Beide Seiten müssen miteinander reden, aber nicht erst um fünf nach zwölf. Durch die regelmässigen Gespräche hat sich die Situation in unserem Revier recht gut eingespielt. Beide Seiten sind lösungsorientiert und kompromissbereit. Weil wir Jäger die bestehenden Abschusspläne möglichst erfüllen, gibt es kaum mehr Situationen, wo wir so sehr aneinander geraten, dass es nicht mehr weiter geht und Weisungen nötig sind. Unsere Jagdgesellschaft möchte die Vorgaben des Kantons erfüllen und bringt viele Stunden dafür auf. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir in der Natur sind und viele Komponenten stimmen müssen, damit wir das Abschussziel auch erreichen.

Welche Konsequenzen gäbe es, wenn Ihre Gesellschaft den Abschuss bei weitem nicht erfüllen würde?

Roland Tremp: Dann müssten wir nach den Gründen suchen. Wenn die Witterung nicht passt, beispielsweise durch einen frühen Wintereinbruch, könnten wir das rechtfertigen. Es kann aber auch sein, dass die Tiere von den Menschen zu sehr gestört werden. Da können weder die Förster noch die Jägerschaft Abhilfe schaffen. Wenn der Abschuss in einem Jahr nicht erfüllt ist, obwohl die Jägerschaft die nötigen Anstrengungen unternommen hat, droht der Kanton nicht mit rigorosen Massnahmen. Ich denke, der Aufwand der Jäger wird von weiten Kreisen verkannt. Wir leisten stundenmässig einen grossen Aufwand, um die geforderten Tiere zu jagen.

Die Jäger leisten nebst dem Abschuss auch Hegearbeit. Was fällt unter diesen Begriff?

Roland Tremp: Es gibt verschiedene Arbeiten, die zur Hege zählen. Unsere Gesellschaft half schon beim Holzen mit. Wir erstellten Baumschütze und Zäune rund um Jungwuchsflächen. Gemeinsam mit dem Förster schlugen wir auch Freihalteschneisen. Das sind Flächen, auf welchen wir Jäger Schussfreiheit haben.

Können Jäger oder eine Jagdgesellschaft auch Massnahmen wünschen?

Ernst Aerne: Ja, sie können wünschen, aber wir können nicht alles erfüllen. Der Wald hat einen Besitzer und dieser hat häufig ein wirtschaftliches Interesse am Wald. Privatwaldbesitzer möchten gerne Nadelholz ernten, denn dieses erzielt die höchsten Erträge. Aus forstwirtschaftlicher Sicht wäre ein naturnaher Waldbau am besten. Dies wiederum macht dem Jäger das Leben schwer, denn im naturnahen Waldbau gibt es ein grosses Nahrungsangebot und somit wird die Jagd schwieriger. Da gehen die Interessen natürlich auseinander. Bei uns wünschen Jäger vor allem Jagdschneisen. Wir müssen diesbezüglich offen sein. Wenn wir von den Jägern fordern, dass sie genügend Tiere erlegen, dann müssen wir ihnen auch die Möglichkeit dazu geben.

Was würde denn passieren, wenn es keine Jagd mehr gäbe?

Ernst Aerne: Dann müssten wir den Luchs und den Wolf wieder haben.

Es braucht also zwingend eine Regulierung?

Ernst Aerne: Natürlich. Der Jäger ist der Ersatz von Raubwild. Wenn es zu viele Tiere gibt, brauchen sie mehr Nahrung und verursachen Wildschäden. Aus diesem Grund fordern wir einen höheren Abschuss, wenn wir zu viele Schäden im Wald haben. Wenn also niemand das Wild reduzieren würde, gäbe das für uns im Wald grosse Probleme.

Wäre für Sie als Jäger ein Jagdmoratorium eine Option, damit es mehr Tiere gäbe, um so die Jagd einfacher zu machen?

Roland Tremp: Mehr Tiere im Wald bedeutet nicht, dass die Jagd einfacher wäre. Es gäbe wohl einen Verdrängungskampf und daraus würden Orte folgen, mit hohen Verbissschäden. Ein Moratorium wäre keine Lösung, weder für den Forst noch für den Waldbesitzer, denn der Jungwald könnte sich nicht mehr entwickeln. Das wäre verheerend für den Wald. Vor allem dort, wo es einen Schutzwald gibt.

Wie sieht aus Ihrer Sicht der ideale Wald aus?

Ernst Aerne: Das ist eine schwierige Frage. Er sollte naturnah und stabil sein. Wo es Reservate gibt, müssen wir diese entsprechend bewirtschaften. Natürlich gehören auch Tiere in diesen Wald. Ein Wald ohne Tiere wäre langweilig.

Was sagt der Jäger dazu?

Roland Tremp: Ich unterstütze die Meinung von Ernst Aerne. Ein Ideal, das für alle stimmt, wird es sicher nie geben. Aber die Förster machen ihr bestes und die Jäger tragen ihres dazu bei, damit der Wald für alle Benützer weiterhin als Erholungsgebiet zählt. Die Tiere machen den Reiz des Waldes aus, denn viele Erwachsene gehen mit ihren Kindern in den Wald, denn sie sehen immer wieder ein Eichhörnchen oder einen Fuchs. Die Zusammenarbeit zwischen den Förstern und den Jägern ist sehr wichtig und daher müssen beide Seiten miteinander reden. Wenn wir einen fairen Umgang miteinander pflegen, können wir auch Forderungen stellen und auf diese eingehen. Bei unserem Revier hier im Toggenburg funktioniert das sehr gut. Wenn sich der Förster und der Jäger als Partner sehen, die gemeinsam für das gleiche arbeiten, dann funktioniert das auch.

Ernst Aerne: Ich denke, das Problem lässt sich nicht auf die Jagd und den Forst reduzieren, denn es gibt verschiedene Interessen am Wald. Und es dünkt mich, dass diese stetig mehr werden. Wir haben den Waldbesitzer mit seinen legitimen wirtschaftlichen Interessen. Wir haben die Jäger, die viel bezahlen, um eine Pflicht zu erfüllen, denn sie müssen das Raubwild ersetzen. Dann haben wir die Erholungssuchenden, vom Schneeschuhläufer bis zum Biker. Jeder will seine Erholung im Wald und dort gibt es Reibungsflächen. Entweder müssen wir einen naturnahen Wald ausscheiden, wo das Wild Ruhe findet oder wir öffnen den Wald für alle Bedürfnisse und die Menschen können sich darin ungehindert bewegen.

Interview: Sabine Schmid