«Ja, ich bin ein Monster»

Das Ensemble des Chössi-Theaters studiert Urs Widmers Stück «Top Dogs» ein. In der Probe, die der Berichterstatter besuchte, ging es um ein Rollenspiel, das zum Kampf jeder gegen jeden ausartet. Das Chössi-Ensemble probt im ehemaligen Schalterraum des Bahnhofs Lichtensteig.

Martin Knoepfel
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Kampf ums Handy: Marlene Burlet, Urban Kressibucher, Micheline Schneider, Stefan Rüsch, Andrea Vieritz und Cilgia Kobelt (von links). (Bild: Martin Knoepfel)

Kampf ums Handy: Marlene Burlet, Urban Kressibucher, Micheline Schneider, Stefan Rüsch, Andrea Vieritz und Cilgia Kobelt (von links). (Bild: Martin Knoepfel)

LICHTENSTEIG. Plötzlich bellt ein Hund auf dem Bahnsteig, was seine Lunge hergibt. Er gehört aber nicht zum Stück, obwohl es «Top Dogs» heisst. Das Chössi-Ensemble probt im ehemaligen Schalterraum des Bahnhofs Lichtensteig Urs Widmers Werk über acht entlassene Topmanager, die mit Hilfe einer Outplacement-Firma möglichst rasch eine neue – natürlich gleichwertige – Stelle zu erhalten versuchen. Diese Zeitung besuchte die Probe vom vergangenen Donnerstag.

«Energie behalten»

«Die Arme ausschütteln. Die Zunge lockern. Vokale laut aussprechen. An den Ohrläppchen zupfen. Und nicht vergessen, sich selber auf Arme, Rippen, Beine und Schultern klopfen»: Regisseurin Barbara Bucher lässt die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler – zwei waren verhindert – Lockerungsübungen absolvieren, bevor einige Szenen geprobt werden.

Die Menschen schnüffeln wie die Hasen und hecheln wie die Hunde. «Wenn ihr auf der Bühne steht, müsst ihr die Energie behalten, scharf, bestimmt und deutlich sprechen. Man redet auf der Bühne nie so wie im gewöhnlichen Leben», sagt Barbara Bucher.

Im Rollenspiel schildert eine der entlassenen Managerinnen die Kündigung, die offenbar für sie völlig überraschend kommt und die gespickt ist mit kriegerischer Rhetorik und angereichert mit einigen Beleidigungen. «Ich bin ein Monster», ruft sie schliesslich aus. Die anderen belauern sie derweil, Hundemasken tragend, wie wenn sie ein Beutetier wäre. Erst als die Schauspielerin zu weinen beginnt, heben die anderen langsam die Masken und scharen sich um die Frau, um sie zu trösten. Es ist ja nur ein Rollenspiel. Die «Hunde» müssen ins Publikum schauen. «Nur das wirkt», sagt die Regisseurin.

Karibik-Ferien und ein Porsche

Doch als das Handy läutet, ist plötzlich alles anders. Die Aussicht auf ein Stellenangebot führt in einer wahrhaft absurden Choreographie zum Kampf jeder gegen jeden. Alle reissen sich um das Smartphone, von dem sie sich die Erlösung versprechen, wobei sie Schlagworte wie «Management Buy-out» oder «Topsalär» quasi herausbellen und dabei alle Hemmungen fallen lassen – immer in Zeitlupe.

Nur einer der Ex-Manager verliert die Fassung, als die anderen erzählen und damit bluffen, wie locker sie die Kündigung aufgenommen haben. Er versinkt im heulenden Elend – Griff zum Flachmann inbegriffen – und schildert, wie die Frau ihn nach der Kündigung verlassen und die Kinder mitgenommen hat. Auch das Auto ist natürlich bald weg.

Apropos Auto: Einer der Bluffer kauft sich nach der Kündigung gleich einen Porsche und schwärmt wie ein Vorstadtmacho von der brachialen Beschleunigung. Eine Darstellerin prahlt damit, dass sie nach der Kündigung als erstes Ferien in der Karibik gemacht und sich so gut erholt habe. «Sonst hätte ich nie Zeit gehabt dafür.»

Die Aufführungen finden im Chössi-Theater, Lichtensteig, statt: Donnerstag, 12. November, und Freitag, 13. November: jeweils 19.30 Uhr; Samstag, 14. November, 20.15 Uhr; Sonntag, 15. November, 17 Uhr. Abendkasse eine Stunde vorher.