Ivo Müller, Speicher – der Vollblutpolitiker

Im Alter von 65 Jahren ist Ivo Müller am 23. November 2014 nach langer Krankheit gestorben. Aufgewachsen in St. Gallen, absolvierte er nach der «Flade» ein altphilologisches Studium. Der Speicherer engagierte sich im Gemeinderat, ab 1999 im Ausserrhoder Kantonsrat. Er wurde auch «Mister Proporz» genannt.

Hanspeter Strebel
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Ivo Müller, 1949-2014. (Bild: apz)

Ivo Müller, 1949-2014. (Bild: apz)

Einige Wochen sind vergangen seit dem allzu frühen Tod von Ivo Müller aus Speicher. Mit ihm verstummte eine zwar im Ton eher leise, aber ausgesprochen profilierte und gehörte Stimme in Gemeinde und Kanton, die man im künftigen politischen Konzert noch lange im Ohr haben und bei Gelegenheit weiter zitieren wird. Nachfolgend der Versuch einer vorab politischen Würdigung eines vorbildlich dem Gemeinwohl verpflichteten Menschen und Humanisten.

Der in einem Arzthaushalt in St. Gallen aufgewachsene Ivo Müller absolvierte nach der «Flade» (Katholische Kantonsrealschule) und der Kantonsschule St. Gallen ein klassisches und inzwischen eher selten gewordenes altphilologisches Studium mit Deutsch, Latein, Griechisch und Philosophie an den Universitäten Zürich und Heidelberg. Als Gymnasiallehrer wirkte er unter anderem an der Schweizer Schule in Mailand und zuletzt (seit 1984) an der Kantonsschule Trogen in seinen Schwerpunktfächern.

«Arbeit und Freizeit, Herausforderung und Entspannung bringen meinem Leben Rhythmus», schrieb Ivo Müller einmal in einem Wahlprospekt. Zum Hobbyrhythmus gehörten auch seine musikalische Tätigkeit als Sänger im Chor Speicher und im Domchor St. Gallen sowie seine Auftritte und Moderationen bei Konzerten und Aufführungen, wozu er sich speziell ausbilden liess. Müller genoss es als Intellektueller ohne Berührungsängste stets, mit anderen Leuten zusammen zu sein.

Das Herz schlug links

Wohnhaft war der mit der Logopädin Regula Müller-Murlot verheiratete Ivo Müller, Vater dreier längst erwachsener Kinder, im Speicherer Quartier Sägli. Sein bis zum Tod dauerndes Engagement in der Öffentlichkeit begann mit dem Präsidium der Kantonalen Personalkommission AR, also einer eher gewerkschaftlichen Tätigkeit. Sein in der Kantonsschule entdecktes «linkes Herz» (zuvor lebte er eher dem FDP-Gedankengut seines Vaters nach) hatte ihn politisch rasch zur SP geführt. Neun Jahre präsidierte er die in Speicher relativ starke örtliche Sektion – und kreuzte dabei die Klingen nicht nur mit den bürgerlichen Gegnern, sondern des öftern auch mit der in der Kantonalpartei dominierenden Herisauer Sektion, die eher eine etwas pragmatischere Politik verfolgte. Als Müller dann (nach einer sportlich genommenen ersten internen Niederlage gegen einen Herisauer Vertreter) im Jahre 2005 doch noch zum Kantonalpräsidenten gewählt wurde, konnte er seine Integrationskraft und sein Organisationstalent überzeugend unter Beweis stellen und natürlich auch für das Gelingen des Wiedereinzugs der Partei in die Regierung mit Matthias Weishaupt 2006 reihum Anerkennung ernten.

In der kommunalen Politik engagierte sich Ivo Müller nach seinem frühen Einsatz für den Kinderhort Pinocchio von 1997 bis 2001 im Gemeinderat und präsidierte in dieser Funktion die Jugend- und Kulturkommission. Bleibende Verdienste erwarb er sich dabei mit dem Konzept und dem Aufbau eines professionellen Jugendtreffs, der sich nach den üblichen «Kinderkrankheiten» einer derartigen Institution erfolgreich weiterentwickelte und unter dem Namen «Le coin» bis heute viel genutzt ist.

Kantonswohl im Auge

1999 wurde Ivo Müller als einer von vier Speicherer Vertretern in den Kantonsrat gewählt und fand hier seine zweifellos liebste politische Wirkungsstätte, nachdem ihm der Sprung ins eidgenössische Parlament, wo er sich sicher auch ausgesprochen wohl gefühlt hätte, angesichts der starken bürgerlichen Konkurrenz versagt geblieben war. Seine bevorzugten Arbeitsgebiete waren staatspolitische Fragen wie die Volksrechte oder die Organisation von Regierung, Parlament und Verwaltung, aber auch Problemkreise wie Finanzausgleich und Finanzaufsicht. Als einer der wenigen Ratsmitglieder wirkte er dabei trotz seines zeitweisen Doppelmandats nicht einfach als «verlängerter Arm» der Interessen seiner Wohngemeinde oder Region, sondern hatte stets das Wohl des Gesamtkantons im Auge. Keinen Erfolg hatte er mit seinem Kernanliegen, einer stärkeren Gewichtung der politischen Minderheiten. An sämtlichen Vorstössen für eine Umsetzung des Proporzgedankens war er massgeblich beteiligt. Er stürzte sich derart intensiv in das komplexe Gebiet, dass er zum eigentlichen Experten wurde und das Etikett «Mister Proporz» zweifellos bei künftigen Vorstössen in diesem Bereich posthum wieder eingebracht werden wird.

Unbeirrte Beharrlichkeit

Als zeitweiser Chef der kleinen Fraktion diskutierte er aber auch in anderen Fragen stets wohl vorbereitet auf Augenhöhe mit, vorab natürlich auch in der Sozial- und Kulturpolitik. Als einer der wenigen konnte er auch spontan kontern und die Argumente seiner Gegner «zerpflücken». Er war der geborene Debattierer, der dabei gerne auch seine humanistische Bildung einsetzte. Sein Ton blieb im politischen Disput stets fair und sachlich, auch wenn er durchaus zuzuspitzen vermochte. Sicher wirkte er mit seiner Beharrlichkeit und mitunter etwas komplizierten und differenzierten Beweisführung wohl auch hie und da nervig, aber niemand konnte ihm vorwerfen, es gehe ihm nicht um die Sache. Ivo Müller war sich stets bewusst, dass er eine Minderheit vertrat und ihm wenig Chancen gegeben waren, auf der Siegerseite zu stehen. Das schien ihn aber nie zu schrecken oder zu frustrieren, er wollte einfach seine Partei positionieren. Einen letzten politischen Erfolg konnte er aber immerhin zwei Monate vor seinem Tod mit einem erheblich erklärten Postulat feiern, das die Reform der Oberstufe mit einer Reduktion der Standorte wieder auf die politische Agenda gehievt hat. Persönlich konnte er das Anliegen krankheitsbedingt bereits nicht mehr vertreten.

Souveräner Präsident

Seine Leidenschaft und die Lust am Politisieren blieben bis zuletzt bestehen, und im überaus verdienten Amt des Kantonsratspräsidenten und damit «höchsten Ausserrhoders» fand sie 2012/2013 nochmals Erfüllung. Er übte das Amt, trotz seiner schweren Erkrankung, die ihn vermeintlich nicht zu stoppen vermochte, äusserst souverän aus und fand in allen Lagern ohne jeden Mitleidsbonus grosse Anerkennung. Das zeigte sich auch an der eindrücklichen Trauerfeier in Speicher, die zur Folge hatte, dass zahlreiche Würdenträger und Freunde der zeitgleich angesetzten Hauptversammlung der Appenzellischen Gemeinnützigen Gesellschaft (AGG), einem «Must» des gesellschaftlichen Lebens im Kanton, für einmal fernblieben.

Ivo Müller, 1949–2014. (Bild: apz)

Ivo Müller, 1949–2014. (Bild: apz)