Ist ein Volksentscheid nach 22 Jahren verjährt?

Im Gemeindehaus Wattwil liegen gegenwärtig Unterlagen zur neuen Zonenplanung «Chirchenbüchel» auf. Genauer: Es geht um die Wiese hinter dem Altersheim Risi, auf der Bauplätze für elf Einfamilienhausparzellen geschaffen werden sollen.

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Im Gemeindehaus Wattwil liegen gegenwärtig Unterlagen zur neuen Zonenplanung «Chirchenbüchel» auf.

Genauer: Es geht um die Wiese hinter dem Altersheim Risi, auf der Bauplätze für elf Einfamilienhausparzellen geschaffen werden sollen. Eine kleine Landreserve für das Altersheim ist sichergestellt. Die Privathäuser sollen durch eine Strasse «von oben» erschlossen werden. Der Historiker erinnert sich.

Argument aktive Bodenpolitik

Im Jahre 1987 hatte der Gemeinderat Wattwil eine Umzonung dieser Parzelle aus der «Zone für öffentliche Bauten» in eine «Wohnzone für Ein- und Zweifamilienhäuser» geplant. Aus allen Parteien hatte sich Widerstand organisiert, die FDP hielt sich neutral zurück, um ihren Gemeindepräsidenten nicht zu «versalzen». Der Gemeinderat argumentierte, eine aktive Bodenpolitik betreiben und Baulandreserven schaffen zu müssen.

Die Gegenargumente waren klar: In einem Dorf, das sich zur Stadt entwickelt, sind landschaftlich und dorfgestalterische Grünflächen wichtig. Grundbesitz der Gemeinde an guter Lage soll nicht leichtfertig eines augenblicklichen Vorteils wegen verschleudert, sondern für spätere Generationen erhalten werden. Unter dringenden Umständen sei das auch in 50 Jahren noch möglich.

Es ist im Augenblick (1987/88) nicht abzusehen, wie sich Altersvorsorge, Betreuung und Wohnen im Alter entwickeln wird. Nachdem sich die Wattwiler Bevölkerung definitiv durch Volksabstimmung für den Standort Risi entschieden hatte und der Neubau im Entstehen war, sollen Entwicklung und Zukunft nicht durch Bodenverkauf verunmöglicht werden.

Klar abgelehnt

Der ETH-Architekt H. M. Schwarzenbach sprach sich – wenn schon gebaut werden sollte – für ein verdichtetes Bauen in Hanglage aus, da sonst zu viel kostbarer Boden verloren gehe. So entstehe lediglich ein grosser Flächenbedarf für verhältnismässig wenig Wohnraum. Am 4. Dezember 1988 verwarf die Wattwiler Bevölkerung mit über 50 Prozent Stimmbeteiligung das Projekt des Gemeinderates wuchtig: 1577 Nein standen lediglich 684 Ja entgegen. Das entspricht einer Ablehnung von rund 70 Prozent. Soweit die Geschichte.

Nicht durch die Hintertüre

Gegenwärtig arbeitet der Gemeinderat Wattwil an einer Neuauflage des Vorhabens. Und wir fragen den Gemeinderat, ob sich ein einziges Argument aus den Jahren 1987/88 verändert hat. Im Gegenteil: Das Thema Wohnen im Alter hat überraschende neue Komponenten erfahren.

Und wir fragen uns, ob Referendums-Politik eine adäquate Handlung ist, einen «historischen» Volksentscheid zu ersetzen.

Eigentlich dürfte diese Frage doch nur durch einen Volksentscheid der Wattwiler Bevölkerung und nicht durch die Hintertüre des Referendums entschieden werden. Vielleicht nicht rechtlich zwingend – das wäre noch abzuklären – aber als Akt der Fairness und um sich für die Zukunft zu entlasten.

Rückblickend muss dem früheren Projekt etwas Positives zugute gehalten werden: Die Erschliessung der Parzellen war «von unten», vom Altersheim her, geplant worden.

Die Abzweigung von der Büelstrasse ist aus diesem Grund breit und grosszügig angelegt worden. Die Neuauflage des Projektes sieht eine Erschliessung «von oben» vor. Nach 300 Metern zusätzlicher Fahrt und Emissionen durch ein Wohnquartier! Energiestadt Wattwil, wo bleiben deine Taten?

Hans Büchler, Historiker

Wattwil

Jürg Brunner, Techniker TS

Wattwil

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