Ist die Liebe sich selbst genug?

Nein, man muss sie auch erzählen. Eine muss erzählen dürfen, was Liebe in ihrem Leben so alles anrichtet, und einer muss das lesen wollen. Beste Zeitgenossen vermögen beides: Sie geben und sie nehmen Liebe – und sie dichten davon oder erzählen sie.

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Nein, man muss sie auch erzählen. Eine muss erzählen dürfen, was Liebe in ihrem Leben so alles anrichtet, und einer muss das lesen wollen. Beste Zeitgenossen vermögen beides: Sie geben und sie nehmen Liebe – und sie dichten davon oder erzählen sie. Pedro Lenz und Charles Lewinsky, Eveline Hasler und Theres Roth-Hunkeler – neben einem weiteren guten Dutzend Schweizer Schriftstellern – erzählen vom Liebesgeschehen. Siebzehnmal. Peter Rüedi hat den Band vorgewortet. Und hat Grund, darauf hinzuzeigen, dass in dieser Sammlung eben gerade kein Rösti- und kein Polenta-Graben gezogen seien.

Vom Geschehen zur Geschichte

Wollte jemand, der ausgiebig liest, allen Ernstes behaupten, an Liebesgeschichten herrsche Mangel? Kaum zu glauben. Mangel an Liebeslyrik? Ausgeschlossen. Kann man nicht stets neu den anrührenden Erzählungen begegnen, etwa von Johann Peter Hebel, von Böll oder Siegfried Lenz, von Ramuz oder dem Walliser Maurice Chappaz, von Hohler oder dem Welttheaterautor Tim Krohn, von Wolf Wondratschek oder, keine zehn Jahre her, von Ulrike Draesner («Hot Dogs», München 2004)? Auch im Multipack, also zu siebt oder zu sechst, sind Liebesgeschichten angeboten: klassische von vor dreissig Jahren bei Reclam (Behrens, Herburger, Kaschnitz unter ihnen); rezente und wenn der Erzählbericht unbedingt Mann plus Mann zusammenbringen musste, von Martin Frank (Zürich 1999).

Sammlungen mit Liebeslyrik

Sammlungen mit Liebeslyrik durften unterm Bekenntnistitel «Bin dein liebestropfes Tier» erscheinen oder überschrieben sein mit dem Geständnis «Aber besoffen bin ich von dir». Unlängst sind Erich Renners «Liebesleute» ausgeliefert worden (Wuppertal: Hammer), dieses Jahr haben Polt-Heinzl/Schmidjell «Liebesgedichte aus aller Welt» herausgegeben (Stuttgart: Reclam). Und zwischen all dem sind – in einem vielsagend randständigen Verlag – die «17 Liebesgeschichten aus der Schweiz» ans Licht gekommen: bei den Edizioni Abendstern in Chiasso.

Küsse, Tränen, Flüche, Trauer

Im Vorwort schreibt Rüedi gegen die Auffassung an, Liebesgeschichten seien Geschichten über die Liebe. Tatsächlich, wer nachsinnt, wer an Einschlägiges sich erinnert, dem fällt ein, wie viele Male auf Kuss und Umarmung Tränen folgen, Flüche laut werden, Enttäuschung überwunden und Trauer verarbeitet wird in Texten, die programmatisch davon berichten, «was die Liebe anrichtet» (Rüedi). Da wir im hier anzuzeigenden Band manche neue, aber Maurice Chappaz' überhaupt «schönste Liebesgeschichte» nicht wiederfinden – dafür Erzählungen von Thomas Hürlimann, von Merz, Stamm, M. R. Dean –, mag Chappaz' zwei Seiten kurze Erzählung als Paradigma dienen. Für Kuss und Glück, für Verlust und Depression.

Tragische Liebesgeschichte

In einem Dorf eine junge Frau. Rubens-Formen. Zwei Brüder umwerben sie, der ältere bekommt – ich sollte sagen: heiratet sie. Zweiter Weltkrieg, das Wallis gehört zur verschonten Insel, aber wer beim Schmuggeln ennet der schweizerisch-italienischen Grenze erwischt wird, verschwindet. Im Dorf muss man den Gatten unserer Schönen für gefallen halten – jetzt ist der jüngere Bruder am Zug. Weniger laute Heirat. Irgend leiseres Glück. Dann kehrt der Ältere aus Russland heim. Einer der beiden Männer, folgern wir, sei jetzt zu viel. Aber nichts wird pikant – an einem Kummerschlag stirbt der Heimkehrer, und aus einer verzweifelten Mischung aus Scham, Schuldempfindung, Eifersucht hängt sich der Jüngere auf. Der Sarg mit dem Älteren wird in der Kirche abgedankt, der andere Sarg mit dem «Selbstmörder» muss vor der Kirchtür warten. Begraben, immerhin, werden die Brüder nebeneinander. Die Witwe geht ins Kloster.

Kostbar an der Sammlung, für welche hier geworben wird, ist – trotz der Grenzziehung Schweiz und der Beschränkung auf 17 Texte – der mehrseits offene Horizont: welsche Erzähler, ein Tessiner und ein Unterengadiner Autor kommen zu Wort. Andreas Münzner hat Jacques-Étienne Bovard, Sylviane Chatelain und Daniel de Roulet übertragen, Alex Capus hat Anne Cuneo übersetzt. Giovanni Orellis Geschichte ist, wie mancher Geschwistertext, erstmals veröffentlicht. Der titelstiftende Appell lautet: «Liebe mich».

Rainer Stöckli

Gemeindebibliothek Reute

«Liebe mich: 17 Liebesgeschichten aus der Schweiz», Chiasso: Edizioni Abendstern, 2012. (ISBN 978-88-907709-4-4) 27 Franken Ausleihbar in Ihrer Bibliothek.