Interview
«Das grosse Potenzial liegt auf den kleinen Dachflächen»: Landammann und Baudirektor Dölf Biasotto widerspricht dem Ausserrhoder Heimatschutz

Der Ausserrhoder Heimatschutz fordert beim Bau von Solaranlagen eine einheitlichere Gestaltung und kritisiert die Bewilligungspraxis. Im Interview nimmt nun Landammann und Baudirektor Dölf Biasotto Stellung. Beim Bau von Solaranlagen seien die Energieziele grundsätzlich höher zu gewichten als die Ästhetik, findet er.

Claudio Weder
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Solaranlagen seien einheitlich und ganzflächig zu gestalten, sagt der Ausserrhoder Heimatschutz. Wie hier in Speicher.

Solaranlagen seien einheitlich und ganzflächig zu gestalten, sagt der Ausserrhoder Heimatschutz. Wie hier in Speicher.

Bild: PD

Der Heimatschutz findet, beim Bau von Solaranlagen werde zu wenig auf die Ästhetik geschaut. Stimmen Sie dem zu?

Dölf Biasotto: Es gibt Einzelfälle, wo die Ästhetik tatsächlich zu wenig Beachtung fand. Im Raumplanungsgesetz ist definiert, dass die Interessen an der Nutzung der Solarenergie auf bestehenden oder neuen Bauten den ästhetischen Anliegen grundsätzlich vorgehen. Diesem Grundsatz soll insbesondere dort, wo keine Schutzzonen und Schutzobjekte betroffen sind, im Sinne der energetischen Ziele nachgelebt werden.

Dölf Biasotto, Ausserrhoder Landammann und Baudirektor

Dölf Biasotto, Ausserrhoder Landammann und Baudirektor

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Solaranlagen, die das Dorfbild stören, sind also kein akutes Problem im Kanton?

Heute nehme ich die Situation nicht als problematisch wahr. Auch habe ich bis heute keine einzige Reaktion von Bewohnerinnen und Bewohnern erhalten, die sich an einer Fotovoltaikanlage ausserhalb oder innerhalb der Bauzone gestört hätten. Ich meine, den Leuten ist heutzutage bewusst, wie wichtig jeder einzelne Quadratmeter eigene Stromproduktion mit erneuerbarer Energie ist.

Was unternimmt der Kanton, um Konflikte mit den Anliegen des Heimatschutzes künftig zu minimieren?

Der Kanton überarbeitet aktuell den Leitfaden «Gestaltungsgrundsätze bei Solaranlagen», der in Bezug auf die Kompaktheit von Solaranlagen die Leitplanken definieren wird. Ebenso stehen Anpassungen im Baugesetz zur Diskussion, um den Gemeinden den Rahmen zu geben, dass sie auf ortstypische Situationen mit Verschärfungen oder Vereinfachungen in den kommunalen Bauverordnungen reagieren können. Gewisse Gemeinden haben Vorgaben, was die Ästhetik von Solaranlagen betrifft. Die meisten Gemeinden richten sich auch jetzt schon nach den Vorgaben und Empfehlungen des bestehenden Leitfadens.

Heute nehmen Sie die Situation nicht als problematisch wahr. Und wenn Sie in die Zukunft blicken?

Die Verordnung des Raumplanungsgesetzes definiert, dass Solaranlagen nur als kompakte Fläche und mit einem maximalen Abstand von 20 Zentimetern von der Dachfläche ohne Baubewilligung erstellt werden können. Diese Regelung unterbindet im Grundsatz bereits negative Auswüchse. Im Fall eines Baubewilligungsverfahrens ist es primär Sache der Baubewilligungsbehörde, zu entscheiden, was gestalterisch verträglich ist. In einem solchen Fall gibt es einen Ermessensspielraum, der jedoch kaum Erleichterungen gegenüber der Verordnung bringt. Eine Bedrohung für den Kanton, unser Landschaftsbild oder die Streusiedlungen sehe ich nicht.

Laut Heimatschutz muss der Ausbau dort erfolgen, wo das Potenzial am grössten ist und andere öffentliche Interessen gering sind. Also: in Industrie- und Gewerbezonen. Stimmen Sie dem zu?

Die Aussage stimmt nicht in allen Belangen. Richtig ist, dass sicherlich primär das grösste Potenzial genutzt werden sollte. Falsch ist: Oft wird davon ausgegangen, dass Dächer von Industrie- und Gewerbebetrieben das grösste Potenzial aufweisen. Der Kanton hat die Dachflächen aller Gebäude im Kanton ausgewertet, und dabei wird unbestritten klar: Das grosse Potenzial liegt auf den kleinen Dachflächen – vorab auf dem Einfamilienhaus in den Bau- und Landwirtschaftszonen. Mehr als die Hälfte des gesamten Potenzials entfällt auf die kleinen Anlagen.

Ebenso wird die Bewilligungspraxis bei Solaranlagen in sensiblen Gebieten kritisiert. Müssen sich die Gesetze ändern?

Das Raumplanungsgesetz definiert, dass Solaranlagen auf Kultur- und Naturdenkmälern von kantonaler oder nationaler Bedeutung stets einer Baubewilligung bedürfen. Sie dürfen solche Denkmäler nicht wesentlich beeinträchtigen. Die gesetzliche Grundlage ist aus meiner Sicht bereits vorhanden. Es gibt im Übrigen sehr gute Beispiele im Kanton, wo Solaranlagen in Bezug auf den Ortsbildschutz sensibel umgesetzt wurden. Hier hat auch die kantonale Denkmalpflege stets zu einer konstruktiven Lösung beigetragen.