Internierte im Appenzellerland

Seit der Aufnahme der gut 87 800 Soldaten der französischen Bourbaki-Armee im Februar 1871 nahm die Schweiz Militärangehörige und Verfolgte aus kriegsführenden Staaten auf. Eine vom Historiker Thomas Fuchs realisierte Ausstellung gibt einen Überblick über diese Internierungen.

Stephan Sonderegger
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Hier kommen die ersten deutschen Internierten am Bahnhof Heiden an. Das Bild entstand am 10. Mai 1916 und lagert im Archiv des Museums Heiden. (Bild: Museum Heiden)

Hier kommen die ersten deutschen Internierten am Bahnhof Heiden an. Das Bild entstand am 10. Mai 1916 und lagert im Archiv des Museums Heiden. (Bild: Museum Heiden)

APPENZELLERLAND. Im Kriegsfall haben Staaten laut Haager Konvention das Recht, auf ihrem Gebiet befindliche Angehörige feindlicher Staaten zu internieren, das heisst ohne Anklage auf unbestimmte Zeit gefangen zu halten. Die Praxis für die Internierungen entwickelte sich in den letzten drei grossen Kriegen. Den juristischen Rahmen gaben zwei völkerrechtliche Schienen vor: zum einen die der Schweiz 1815 vom Wiener Kongress garantierte immerwährende Neutralität, zum andern das sich ab 1864 entwickelnde humanitäre Völkerrecht mit der Genfer Konvention (1864) und der Haager Landkriegsordnung (1899/1907).

Die Internierung der Bourbaki-Armee 1871 bildete einen Testfall für die Schweizer Neutralität. Die deutsche Heeresleitung war bereit, französische Heeresteile auch auf neutrales Gebiet zu verfolgen, falls diese dort nicht entwaffnet und interniert würden. Nach Appenzell Ausserrhoden kamen mindestens 1584 Franzosen. Eine besondere Attraktion bildeten die sogenannten Zuaven und Turkos. «Die braunen Turkos sehen nichts weniger als zahm und furchtsam aus. Sie werden noch manchen Blick auf sich ziehen, wenn sie die Strassen Herisaus durchwandern.» – so der Reporter der Appenzeller Zeitung. Es fanden sich denn auch täglich zahlreiche Schaulustige bei der Kaserne ein.

Erster Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg wurden ausschliesslich kurbedürftige Kriegsgefangene aufgenommen. Diese Art von Hospitalisierung und Internierung in einem neutralen Staat war ein Novum in der Kriegsgeschichte. Sie war eine Teilaktion der sich als humanitäre Friedensinsel positionierenden Schweiz. Von 1916 bis 1918 waren total 45 922 Mann aus Frankreich, Belgien und Grossbritannien sowie 21 804 Mann aus Deutschland und Österreich-Ungarn in Schweizer Hotels und Kurhäusern untergebracht.

Die Schweiz zog auch direkten Nutzen aus den Internierungen. Dem Volkswirtschaftsdepartement gelang 1917 mehrmals, den Import von Kohle, Kartoffeln und Düngemitteln zu erhöhen. Profitieren konnten auch Hotels und Pensionen. Ihnen boten die Internierten willkommenen Ersatz für die kriegsbedingt wegbleibenden Touristen aus dem Ausland. Finanziert wurden die Internierungen von den betroffenen Kriegsmächten, fast 137 Mio. Franken flossen in die Schweiz.

In Heiden «im Paradies»

In der Ostschweiz traf ein erstes Kontingent von Internierten am 2. Mai 1916 ein; 70 kamen ins Kurhaus Oberwaid bei St. Gallen, 55 ins Bad Sonder in Teufen. Ende Jahr weilten dann 585 Internierte in Appenzeller Hotels. Der Verband Appenzellischer Verkehrsvereine zeigte sich leicht enttäuscht, er hatte sich die Zuteilung von 1400 Internierten erhofft. In der ganzen Region St. Gallen befanden sich damals 1199 Internierte, in der ganzen Schweiz 28 081.

Die im Mai 1916 in Heiden angekommenen deutschen Internierten kamen buchstäblich ins Paradies – ins Hotel «Paradies». «Die bleichen Gestalten in ihren abgerissenen Uniformen» wurden um 10 Uhr bei der Ankunft am Bahnhof Heiden von einer grossen Volksmenge, darunter alt Bundesrat Emil Frey (1838–1922), herzlich willkommen geheissen. «Die Leute waren so still und in sich gekehrt; unter ihnen befinden sich solche, die schon in der Schlacht an der Marne (1914) gefangen genommen wurden, andere auch, die die schrecklichen Angriffskämpfe vor Verdun mitgekämpft haben», berichtete der Appenzeller Anzeiger.

Strukturierter Alltag

Der Alltag der Internierten wurde strukturiert und kontrolliert. Wer gesundheitlich im Stande war, arbeitete. Man bot die Mithilfe bei Landwirten und in Gewerbe- und Industriebetrieben an und zog selber eine Kleinindustrie auf. Hergestellt wurden zum Beispiel orthopädische Apparate für die Physiotherapie im Bezirkskrankenhaus Heiden. Eine Besonderheit bildete die Technische Schule in Walzenhausen mit der schweizweit einzigen Abteilung für Gas- und Heizungswesen sowie mit einer Baugewerkschule.

Komplexer als im Ersten war die Situation im Zweiten Weltkrieg. Für die Internierungen entstanden zwei Lagersysteme: für Militärpersonen und für Zivilflüchtlinge. Im Appenzellerland gab es unter anderem ein Hochschullager für polnische Internierte in Herisau sowie ein Offiziersstraflager in Oberegg. Speziell zu erwähnen sind ferner Arbeitslager, die sich einige Zeit im Steinbruch Schachen in Herisau (italienische Internierte), am Stoss in Gais (Sanierung Erdrutschgebiet durch Italiener, Russen) und auf Alpen im Alpstein (Alpverbesserungen durch Franzosen, Zyprioten, Italiener) befanden; ebenso ein Quarantänelager für Deutsche, das im Sommer 1944 in zwei Textilfabriken in Bühler eingerichtet war.

Präsident Historischer Verein Heiden

Spazierwegbau im Auftrag des örtlichen Verkehrsvereins durch deutsche Internierte in Walzenhausen, 1916. (Bild: Museum Herisau)

Spazierwegbau im Auftrag des örtlichen Verkehrsvereins durch deutsche Internierte in Walzenhausen, 1916. (Bild: Museum Herisau)

Internierte polnische Offiziere auf einem Ausflug nahe Schwellbrunn, 1942. (Bild: Polenmuseum Rapperswil)

Internierte polnische Offiziere auf einem Ausflug nahe Schwellbrunn, 1942. (Bild: Polenmuseum Rapperswil)