Internat in Appenzell
Das Internat in Appenzell hat vergangenen Sommer seine Pforten geschlossen: Fünf Schülerinnen bleiben weiterhin als Externe am Gymnasium St.Antonius

Eines der letzten Ostschweizer Internate wurde vor rund einem Jahr, aufgrund sinkender Schülerzahlen geschlossen. Nun stehen die Zimmer im Internat des Gymnasiums St.Antonius in Appenzell seit letztem Sommer leer. Für die verbliebenen fünf ehemals internen Schülerinnen hat das Gymnasium alternative Wohnmöglichkeiten gefunden. Noch ist unklar, was mit den Räumlichkeiten des ehemaligen Internats geschehen soll.

Lilli Schreiber
Merken
Drucken
Teilen
Wo sonst ein buntes Treiben herrschte, ist nun Stille eingekehrt: Die vier Internatstrakte des Gymnasiums St.Antonius sind vor gut einem Jahr stillgelegt worden. Die Einrichtung der Zimmer und Gemeinschaftsräume steht noch.

Wo sonst ein buntes Treiben herrschte, ist nun Stille eingekehrt: Die vier Internatstrakte des Gymnasiums St.Antonius sind vor gut einem Jahr stillgelegt worden. Die Einrichtung der Zimmer und Gemeinschaftsräume steht noch.

Bild: Lilli Schreiber

Der Schliessungsentscheid für das Internat des Gymnasiums St.Antonius Appenzell wurde bereits 2017 bekanntgegeben. Vergangenen Sommer wurde das Internat geschlossen, und für die zwei letzten Internatsschülerinnen, die bereits vor 2017 im Internat gewohnt haben, musste eine alternative Wohnmöglichkeit gefunden werden. Das Gymnasium stellte dabei den Kontakt zu potenziellen Gastfamilien her und leistete so, unter der Leitung des ehemaligen Internatspräfekts Michel Corminboeuf, eine Hilfestellung für die verbliebenen Internen. Wirklich überraschend kamen dann, nach dem Schliessungsentscheid, die Anfragen dreier weiterer ausserkantonaler Schülerinnen, die ihre Matura ebenfalls in Appenzell absolvieren möchten.

Michel Corminboeuf ist Lehrperson für Religionswissenschaft, Schulseelsorger und Prorektor am Gymnasium St.Antonius.

Michel Corminboeuf ist Lehrperson für Religionswissenschaft, Schulseelsorger und Prorektor am Gymnasium St.Antonius.

Bild: PD

«Es hat uns sehr gefreut, als wir trotz des Schliessungsentscheids drei weitere Anmeldungen von externen Schülerinnen bekommen haben», sagt Michel Corminboeuf, ehemaliges Mitglied der Internatsleitung, Lehrperson für Religionswissenschaften und Prorektor am Gymnasium St.Antonius. «Damit hatten wir gar nicht gerechnet», sagt er. Aktuell hat das Gymnasium somit auf fünf der sechs Jahrgänge verteilt jeweils eine ehemals interne Schülerin. Mit der erfreulichen Nachricht, dass es auch weiterhin Schülerinnen und Schüler aus anderen Kantonen ans Gymnasium in Appenzell zieht, kam aber auch die Frage nach der Unterbringung der neuen Externen.

Weiterhin Hilfestellung bieten

«Im Vorfeld wurden bereits verschiedene Familien in Appenzell und der näheren Umgebung für die Aufnahme der externen Schülerinnen als Wochenaufenthalterinnen angefragt», berichtet Corminboeuf. «So können wir den Familien der externen Schüler eine Hilfestellung für die Unterbringung ihrer Kinder anbieten.» Der Kontakt zur Gastfamilie werde vom Gymnasium hergestellt, für alles Weitere seien die Familien der Schülerinnen und Schüler selber zuständig, sagt der ehemalige Internatspräfekt.

Die Idee, eine Wohngemeinschaft für die externen Schülerinnen und Schüler in den ehemaligen Internatsräumlichkeiten anzubieten, wurde schnell verworfen, sagt Corminboeuf. Dafür seien Gymnasiastinnen und Gymnasiasten eben noch etwas zu jung. Ausserdem sei zu Internatszeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Bezugs- und Ansprechperson vor Ort gewesen. Im Falle einer WG wären die Bewohner ganz auf sich allein gestellt, was man bei Jugendlichen in diesem Alter noch nicht verantworten könne.

Eine spezielle Bindung bleibt

Auch wenn es kein Internat mehr gibt, ist und bleibt Michel Corminboeuf Ansprech- und Bezugsperson für «seine Internen». «Falls es irgendwelche Fragen gibt, können sich die ehemaligen Internen immer an mich wenden», sagt Corminboeuf. Nach all den Jahren als Internatspräfekt habe er eine spezielle Bindung zu den internen Schülerinnen und Schülern entwickelt, das bleibe auch jetzt so, da es kein Internat mehr gebe, sagt Corminboeuf.

Er denkt, dass dem Gymnasium seit der Schliessung des Internats im letzten Sommer etwas fehle: «Jetzt ist es am Abend viel ruhiger im Haus», berichtet Cormiboeuf, «keine angenehm lärmenden Jugendlichen mehr, die bis spät abends durch die Gänge des Gymnasiums rasen.» Corminboeuf sagt:

«Das Gymnasium St.Antonius ist jetzt kein Lebensraum mehr, sondern vielmehr nur noch eine Schule.»

«Auch den anderen Lehrpersonen fehlt der Kontakt zu den Internen. Viele Lehrer bleiben auch nach dem Unterricht noch länger in ihren Büros hier im Gymi, um zu arbeiten. Die meisten haben sich da immer gefreut, den einen oder anderen Internatsschüler, abseits des Unterrichts, noch in den Gängen anzutreffen.» Das falle nun weg, erzählt Corminboeuf.

Aber nicht nur die Lehrerschaft des Gymnasiums St.Antonius bedauert die Internatsschliessung. Auch die Schülerinnen und Schüler vermissen den Kontakt zu den Internen. Seien es die ein oder andere Information über spät abends arbeitende Lehrer, mit Hinblick auf eine bald anstehende Prüfung, die lustigen Geschichten aus dem Internatsleben oder einfach der Austausch mit Lernenden, die aus einem anderen Umfeld kommen.

Ein Kapitel Schulgeschichte geht zu Ende

Michel Corminboeuf bedauert an der Schliessung des Internats vor allem, dass damit ein Kapitel Schulgeschichte des Gymnasiums St.Antonius zu Ende gehe. «Ich finde ein Internat nach wie vor eine gute und wichtige Institution», sagt er. Das Internat habe dem Gymnasium gutgetan, indem es für frischen Wind unter den Lernenden gesorgt habe. Schülerinnen und Schüler aus anderen Kantonen, Verhältnissen und mit unterschiedlichen Hintergründen habe das Gymnasium stets als Bereicherung angesehen.

Was mit den Räumlichkeiten des ehemaligen Internats geschehen solle, ist noch ungewiss. Eine Prüfungskommission des Kantons Appenzell Innerrhoden liess bereits abklären, wie man die Internatsräumlichkeiten in Zukunft nutzen könnte. Mit dem Ergebnis, dass die Räume für Bürozwecke untauglich sind. Die Räumlichkeiten der vier Internatstrakte liegen allesamt in den obersten Stockwerken des Gymnasiums, was bedeutet, dass alle Wege nach oben, direkt durch die Schule führen würden.

Ein Schulwechsel kam nie in Frage

Linda Schwyter ist ehemals interne Schülerin am Gymnasium St.Antonius und wohnt bei einer Gastfamilie in Appenzell.

Linda Schwyter ist ehemals interne Schülerin am Gymnasium St.Antonius und wohnt bei einer Gastfamilie in Appenzell.

Bild: PD

Linda Schwyter ist eine der ehemaligen Internatsbewohnerinnen. Die 18-Jährige besucht zurzeit die Klasse 5b des Gymnasiums St.Antonius. Für Schwyter stand von vornherein fest, dass sie auch nach der Schliessung des Internats weiterhin in Appenzell zur Schule gehen und auch hier ihre Matura absolvieren möchte. «Ich war einen Grossteil meiner Jugend hier am Gymnasium, ich fühle mich Appenzell sehr verbunden», sagt Schwyter.

«Die Zeit am Gymnasium in Appenzell ist sehr prägend, ich werde das immer im Herzen tragen.»

Als die Schliessung des Internats bekanntgegeben wurde, hätten Schwyters Klassenkameraden sogar angeboten, dass die 18-Jährige von nun an bei ihnen wohnen könne, erinnert sich Schwyter. Ihre Familie wohnt im Kanton St.Gallen. Für sie wäre eine tägliche Zugfahrt nach Appenzell zu weit gewesen. Daher wohnt die 18-Jährige seit Anfang dieses Schuljahres, zusammen mit einer ebenfalls ehemaligen Internatsbewohnerin und Freundin, bei einer Gastfamilie in Appenzell. Dort gefalle es beiden sehr gut. Der Umzug aus dem Internat in eine Gastfamilie sei für Schwyter kein Problem gewesen, sagt sie. Die letzten Internen des Maturajahrgangs hätten im Sommer sowieso das Internat verlassen, und somit wäre es für Linda und ihre Schulfreundin zu zweit in den grossen Internatsräumlichkeiten viel zu einsam gewesen, erklärt sie.

Trotzdem vermisse Schwyter die Internatszeiten ein bisschen. «Die anderen Internen waren wie meine Geschwister», sagt sie. «Wir haben uns immer gegenseitig geholfen, das war toll.» An ihrer neuen Wohnsituation schätze Schwyter vor allem, dass sie nun keine festen Lern- und Hausaufgabenzeiten mehr habe, sagt sie und lacht. «Ich bin nun schon ein wenig selbstständiger als noch zu Internatszeiten», sagt Schwyter. Das sei gut so, auch wenn sich ihr Schulweg nun etwas länger gestaltet.