Inseln fürs Weltall

In jedem Leben gibt es Ruhepunkte, in denen die Seele aufatmen kann, wo es keine Probleme mehr gibt, alkyonische Tage, wo das Meer ruht, Stunden, in denen nichts geleistet werden muss, alle Erfordernisse nichtig sind, Weh und Ach und Mühnisse des Alltags keine

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

In jedem Leben gibt es Ruhepunkte, in denen die Seele aufatmen kann, wo es keine Probleme mehr gibt, alkyonische Tage, wo das Meer ruht, Stunden, in denen nichts geleistet werden muss, alle Erfordernisse nichtig sind, Weh und Ach und Mühnisse des Alltags keine Bedeutung mehr haben, wo man tief aufatmen, einatmen darf, fern von allen Geboten der Aktualität. Zeit ist wie ausgelöscht, einen Terminkalender gibt es nicht mehr. Ruhepunkte, in denen man ahnt, was Glück ist, unabhängig von allen Beziehungen oder Beziehungslosigkeiten, weit ab vom Gehetze der Zeit. Das grosse gefürchtige Weltall als ruhende Insel eines jeden Menschen, der Frieden sucht.

Letzthin hörte ich die Messe op. 80 in E-Dur von Johann Nepomuk Hummel und begegnete dem Weltall in seiner ganzen Grösse, ruhend auf einer Insel des Glücks und der Friedfertigkeit. Das Benedictus, der Hymnus, Lobgesang des Zacharias, Lukas 1, 67, sprengt die Fesseln des bloss ans Irdischsein-Gebundenen, da werden alle Bombastereien und Aufgeblähtheiten nichtig. Bei tibetischen Mönchsgesängen, bei Mantras, ruht das Weltall sich tief in der Seele aus.

Oder wenn ich Gedichte lese von Vicente Aleixandre – «Singt, Vögel»: «Singt für mich, schillernde Vögel, / die ihr im glühenden Wald die Freude ruft / und trunken vor Licht aufsteigt wie Zungen / im wartenden Blau, das euch annimmt» – da ruht sich das Weltall auf einer Insel aus. Da versucht das Weltall, sich in einem menschlichen Herzen auszuruhen.

Es kann auch die Malerei sein – zum Beispiel Marc Chagall oder Joan Miró – wo die Seele aufatmet und eine Insel fürs Weltall wird. Oder ein Liebesgeflüster.

Es liegt an mir, es liegt an Dir, ob es diese Inseln gibt.