Innere Freiheit

Was für eine Lust, Bücher zu lesen, alte und verstaubte, Bücher, die ich vor dreissig oder vierzig Jahren oder noch früher erwarb, zum Beispiel die «Illuminationen» von Arthur Rimbaud – «Et la soif malsaine / Obscurcit mes veines», «Und der Durst, der

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

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Was für eine Lust, Bücher zu lesen, alte und verstaubte, Bücher, die ich vor dreissig oder vierzig Jahren oder noch früher erwarb, zum Beispiel die «Illuminationen» von Arthur Rimbaud – «Et la soif malsaine / Obscurcit mes veines», «Und der Durst, der ungute, / Dunkelt in meinem Blute» (grossartig übersetzt von Walther Küchler) –, glühende Verse, die ich als Zwanzigjähriger in Montpellier kennenlernte und die mich ein Leben lang fesselten, Bücher, deren Seiten vergilbt sind und aus denen einzelne Seiten fallen. Ich muss das, was die Kritikerstars heute in den Himmel loben, nicht lesen, es drängt mich nicht, ich halte mich nicht an die Bestseller, ich liebe es, frei zu sein und das zu lesen, wonach mein Sinn strebt. Der grosse spanische Lyriker Juan Ramon Jiménez (1881–1958) schrieb in seinem Gedicht «Ta-gesanbruch»: «Der Himmel war kein Name, / sondern der Himmel», diese kurze Aussage be-glückt mich tief.

Ich bin innerlich frei, das zu lesen, was Platon, Aristoteles und die Stoa, Epikur, Platon, Plotin, Augustinus, Boethius, Spinoza, Kierkegaard, Nietzsche (ja, er besonders!), Bergson, Jean-Paul Sartre, Karl Jaspers, Hans Saner über die Freiheit schrieben, und ich bin frei, Kant abzulehnen, weil ich ihn einfach nicht mag. Mit zunehmendem Alter erlebe ich neue Dimensionen der Freiheit, der Gedankenassoziationen, der Verknüpfungen aller Dinge; eins wird mir das andere und das gleiche. Vorsichtig gesagt: Ich nähere mich einer heitern Desillusioniertheit, potzdonnernochmals. Was für grossartige Weltendurchdringungen bei den Vorsokratikern, bei den Milesiern, bei Heraklit von Ephesus, bei Anaxagoras und den Eleaten. Doch auch die Gedanken- und Kunstäusserungen der Gegenwart können mich begeistern, zum Beispiel die Romane von Patrick Modiano, seine psychologisch fein ziselierten Menschencharakteristika, «voller Spannung, Sehnsucht und Geheimnis», aufwühlend wie ein Film noir. Wie reich ist doch das Leben!

Ich muss als 66-Jähriger überhaupt nichts mehr müssen, ich kann tun und lassen, was ich will, ich bin frei allen Gängigkeiten, allen Verhaltensnormen gegenüber, ich liebe es, innere Grenzüberschreitungen zu wagen. Alles ist eitel, Wind und Wolken sind wesentlich.