In Speicher daheim

Hanni Brogle wollte eigentlich nur ein paar Jahre in Speicher bleiben, nun sind es schon 36. Gestern ist die engagierte Primarlehrerin in den Ruhestand getreten.

David Scarano
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Speicher. Mit Hanni Brogle trat gestern eine Vertreterin jener Generation Lehrpersonen in den Ruhestand, die sich noch voll mit der Gemeinde identifizieren, dort wohnen und am Dorfleben teilhaben. «Für mich war immer wichtig, dass ich mich im Dorf engagiere, dass ich und meine Schüler mitmachen, wenn etwas los ist», sagt sie.

Aufgewachsen im aargauischen Fricktal wechselte sie 1974 nach Speicher, nachdem ihr ein Jahr zuvor bei einer schweizerischen Lehrerfortbildung die Mittelländer Kollegen Hans Schläpfer und Migg Lämmler die Ostschweiz schmackhaft gemacht hatten.

Zuerst dachte sich Hanni Brogle, sie bleibe nur wenige Jahre. Doch wie das Leben so spielt, wuchsen mit der Zeit die Wurzeln tiefer, wurden die Bindungen fester. Mittlerweile lebt sie 36 Jahre im Dorf. Ans Wegziehen denkt sie schon lange nicht mehr: «Ich bleibe», sagt sie denn auch. Ein Grund ist die schöne Wohnlage mitten im Dorf. Seit sie kürzlich das 230 Jahre alte Bürgerhaus, in dem sie seit 1974 wohnt, mit Bekannten gekauft hat, ist sie stolze Hausteil-Besitzerin. «Ich wurde von Anfang an gut aufgenommen. In Speicher fühle ich mich daheim», sagt sie.

Vielfältiges Engagement

Ihr Engagement für das Gemeinwohl begann früh. Kurz nachdem sie nach Speicher gezogen war, übernahm sie wie bereits im Aargau die Leitung des Damenturnvereins. Danach folgte die Mitarbeit in der Belegungskommission und später in der Bau- und Umwelt-Kommission. Aktuell ist sie Mitglied der GPK.

Das Turnen blieb mehrere Jahre eines ihrer Steckenpferde.

Ein Jahr nach der Übernahme der Frauenriege wurde sie bereits in die technische Kommission des Appenzellischen Kantonalturnverbandes gewählt. Daraus folgte ein nationales Engagement. Sie war in der Gymnastik-Kommission des schweizerischen Verbandes für die Kampfrichterausbildung zuständig. Dies blieb sie 13 Jahre lang bis 1991.

Horizont erweitert

Ein weiteres Standbein war für Hanni Brogle das Militär. Während der Zeit im Lehrerseminar trat sie als Hilfspflegerin in das Rote Kreuz ein. Sie durchlief alle Stufen. Schliesslich wurde sie Frau Hauptmann. Die Zeit beim Roten Kreuz erweiterte ihren Horizont. «Ich hatte nur Schwestern und bin daher in einer eher frauengeprägten Welt aufgewachsen. Das Militär hat es mir ermöglicht, ein männliches System zu erleben. Es hat mir ein Fenster in eine neue Welt geöffnet», sagt sie.

Stark gemacht für den Beruf

Hanni Brogle machte sich auch immer stark für ihren Berufsstand. Sie war Mitgründerin der Kantonalen Unterstufenkonferenz und später während zehn Jahren deren Präsidentin. Sie präsidierte zudem einige Jahre lang die Ortskonferenz der Lehrpersonen in Speicher. Auf nationaler Ebene war sie im Vorstand der Schweizerischen Primarschulkonferenz sowie in der Kurskommission bei den Schweizerischen Lehrerfortbildungskursen aktiv, wo sie für die Bereiche Musik und Sprache zuständig war.

Die Liebe zur Musik und Sprache hat sie stets gepflegt. Sie ist in der Arbeitsgruppe der Ostschweizer Autorenlesung, singt im Frauenchor Speicher, liest gerne und spricht Englisch, Latein, Französisch, Italienisch und Spanisch. Neu hinzu kommen soll Gälisch, dafür will sie nun einen Sprachkurs in Irland absolvieren. «Mein Berufswunsch war eigentlich Dolmetscherin», sagt sie.

«Hektisch»

Auf die Frage, warum sie dann Lehrerin wurde, folgt bei Hanni Brogle eine kleine Denkpause. «Eigentlich bin gar nicht so geeignet. Ich bin zu hektisch», sagt sie. Doch die Zusammenarbeit mit Menschen hat sie immer gereizt, zudem war der Lehrerinnenberuf wie der Slogan der Gemeinde Speicher: naheliegend. Sie wuchs in einer Lehrerfamilie auf.

Hanni Brogle hat in den letzten 36 Jahren miterlebt, wie sich das Schulwesen in Ausserrhoden entwickelt hat. Als sie anfing, gab es in Speicher so viele Kinder, dass im Pfarreizentrum Bendlehn Räumlichkeiten dazugemietet werden mussten. Sie schwärmt von der Zeit unter Erziehungsdirektor Hans Höhener. «Er hat der Lehrerschaft das Beste zugetraut und sie hat es auch geleistet», sagt sie.

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die Bildungsstrategie regional geklärt und dass im Kanton die Verantwortung auf mehrere Köpfe verteilt werde. Rückblickend weiss Hanni Brogle nicht, ob sie den gleichen Weg eingeschlagen hätte. «Niemand sollte 40 Jahre im gleichen Beruf bleiben», sagt sie. Lehrerin wäre sie wohl trotzdem geworden, doch vorher hätte sie eine andere Berufserfahrung gesucht.