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In einer Nacht

Nächte pflege ich allein zu verbringen, ich mag die vielen Massenvergnügungen, die sich allerorten anbieten, nicht. Ich sitze gern im Drehfauteuil in meinem verrauchten Studierzimmer, bei einem Glas Wein, bei Belcanto.
Paul Gisi

Nächte pflege ich allein zu verbringen, ich mag die vielen Massenvergnügungen, die sich allerorten anbieten, nicht. Ich sitze gern im Drehfauteuil in meinem verrauchten Studierzimmer, bei einem Glas Wein, bei Belcanto. Meistens lese ich auch, manchmal schreibe ich, schreibe meine Gisiaden, lyrisch oder prosaisch. Oft lasse ich meinen Gedanken freien Lauf, sinniere dem Vorsokratiker Herakleitos nach, der schrieb: «Der Herrscher, dem das Orakel in Delphi gehört, verkündet nichts und verbirgt nichts, sondern er deutet nur an.» Was für eine Herrlichkeit dieser Satz doch ist! Oder vom Quetzal (das ist ein südamerikanischer Vogel mit rotem Bauch und einer grünen Schwanzschleppe, die über einen Meter lang sein kann) zu träumen, wie er in den Ruinen der Mayas umherhüpft; oder was will ich in einem lauten Restaurant bei zu warmem Weisswein hocken und mit meinem Vis-à-Vis mühsam ein Gespräch führen, wenn ich doch bei mir schweigen kann bei einem Duett von Gaetano Donizetti. Ich erlebe immer wieder, wie beredt Schweigen sein kann. In meinen Gedanken spricht das romanisch-gotische Meisterwerk der Kathedrale von Chartres, oder mich zu fragen, was die «Liegende Figur» von Francis Bacon so anziehend und geheimnisvoll macht. Manchmal erbost mich eine Fliege, die zum hundertsten Mal mich stört, und wünsche sie ins Pfefferland. Als ein Marienkäfer mich besuchte, nahm ich ihn liebevoll in meine Hand und setzte ihn auf einen grossen Pflanzentopf auf meinem Balkon und wünschte dem wunderbaren fliegenden Glückskäfer alles Gute. Wenn ich in den Ausgang gegangen wäre, hätte ich diese herrliche Unerwartetheit jämmerlich verpasst. Manchmal hüpft auch mein Rabenkakadu auf meinen Bücherbrettern umher und blinzelt mir einvernehmlich verständnisvoll zu und ich winke ihm. Ich erwarte nachts keine Unerwartetheiten, doch wenn sie sich einstellen, freut es mich. So fuhr letzthin ein Zug durch mein Zimmer voller fahrenden Heringssalmler, Moderlieschen, Seehechten und Schmetterlingsfischen: ein Fest für Auge und Gemüt.

Alleinsein gibt es eigentlich gar nicht, die ganze Welt ist bei mir.

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