In die USA gereist und geblieben

Nach der Kindheit in Ulisbach ist Verena Takekoshi-Anderegg viel gereist. In den USA geblieben ist sie letztlich wegen ihres japanischen Ehemannes. Sie hat ihn1963 in New York kennen gelernt. Mit ihm und vor allem den zwei gemeinsamen Söhnen hat sie das Toggenburg oft besucht.

Barbara Anderegg
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Bild: Barbara Anderegg

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Ulisbach/Schenectady. «An den Geruch der Gülle muss ich mich jeweils schon wieder gewöhnen», sagt Verena Takekoshi-Anderegg und rümpft lachend die Nase. Sie kniet im Blumenbeet vor ihrem Ferienhaus in Ulisbach und pflanzt Blumen. Gewöhnlich gärtnert die 72-Jährige an einem Ort, wo es fast keine Landwirtschaft mehr gibt: In Schenectady, USA.

Per Zufall USA

Aufgewachsen ist Verena als ältestes von vier Kindern in Ulisbach, im Haus an der Olensbachstrasse, in welchem auch die Schreinerei ihres Vaters untergebracht war. Nach der Lehre als Textilzeichnerin bei der Firma Heberlein ging sie auf Reisen. «Ich ging mal hierhin, mal dorthin. So zum Beispiel nach Norwegen, wo ich halbtags in einem Altersheim arbeitete und den anderen halben Tag eine Kunstschule besuchte», erzählt sie. Als ihr Onkel und seine Frau in Boston das dritte Kind erwarteten, habe er sie 1963 zu sich geholt. «Ich sollte seiner Frau etwas zur Hand gehen. Aber als ich dort war, gab es nur wenig zu tun», erinnert sich Verena. Eine deutsche Freundin, die sie in Wattwil kennen gelernt hatte, war in der Zwischenzeit in New York verheiratet und überzeugte Verena ebenfalls dorthin zu ziehen. Die Freundin arbeitete in der Textilbranche und half Verena in der amerikanischen Metropole eine Stelle als Textilzeichnerin zu finden. In der amerikanischen Metropole fand die junge Schweizerin erstmals nach der Lehre eine Anstellung als Textilzeichnerin. «Die Arbeitskollegen in diesem Studio kamen aus allen Herren Ländern, viele sprachen Spanisch. Wir versuchten uns in Englisch zu verständigen so gut es eben ging», erinnert sie sich schmunzelnd.

Über den japanischen Ehemann der deutschen Freundin lernte Verena den ebenfalls aus Japan stammenden Tohru Takekoshi kennen, der zu diesem Zeitpunkt gerade seinen Doktor in Chemie abgelegt hatte. Wie es mit ihnen beiden weitergehen sollte, war dem so unterschiedlichen Paar damals noch nicht ganz klar.

Verena Takekoshi-Anderegg kehrte nochmals in die Schweiz zurück. «Ich konnte mich hier für einen Job vorstellen. Als ich dann aber vor dem grossen Pult des Chefs stand, war mir plötzlich klar: Nein, das will ich nicht», erzählt sie und begründet, die Arbeitsbedingungen in der Schweiz seien damals für Frauen nicht die besten gewesen. Und so entschied sie sich für ihre Arbeit und den Freund in New York und flog dorthin zurück.

Heirat und Familie

Im Herbst 1965 trat Tohru seine erste Stelle bei General Electric in Schenectady, New York an und Verena zog mit ihm dorthin. Im Frühjahr darauf heirateten die beiden. 1968 kam der erste Sohn Tetsu, zwei Jahre später der zweite Sohn Ken zur Welt. Sie sind beide auch Schweizer Bürger geworden. Eine Stelle als Textilzeichnerin gab es in Schenectady nicht. «Aber ich habe immer etwas gemacht», sagt Verena. So beispielsweise fand sie in New York eine Vermittlerin, die Bestellungen für ihre handgemalten Glückwunschkarten aufnahm und an sie weiterleitete. Auch gab sie Batik-, Web- und Fotografie-Unterricht für Kinder in der Innenstadt. «Meine eigenen Kinder konnte ich dabei einfach mitnehmen», sagt sie. Im Laufe der Jahre absolvierte sie dann den «Bachelor of Art in humanities und social science» an der New York State University in Albany.

Während der ersten Jahre wohnte die Familie in der Stadt zur Miete, aber: «Unsere amerikanischen Bekannten konnten das nicht verstehen. Wir sollten doch ein Haus kaufen, meinten sie.» Das taten die Takekoshis dann auch und wiederum ein paar Jahre später bauten sie dann ein neues Haus nach ihren Vorstellungen.

Leidenschaft Garten

Der grosse Umschwung brachte Gartenarbeit mit sich. Dieses neue Hobby machte Verena Takekoshi später zu ihrem Beruf. Sie bildete sich in Gartengestaltung weiter und bot während 15 Jahren zusammen mit einer Freundin, die sie durch das Kunsthandwerk kennen gelernt hatte, Gartenplanungen und -unterhalt an. Letztes Jahr haben sie damit aufgehört, aber Gärtnern ist noch immer eine von Verenas Leidenschaften. Sie engagiert sich in einer Gruppe von Freiwilligen, die in der nahe gelegenen Stadt Saratoga Springs einen Park unterhalten. Auch als Präsidentin dieser Organisation war sie bereits aktiv. Das Engagement in der Freiwilligenarbeit sei typisch amerikanisch, sagt sie. Die amerikanischen Frauen seien äusserst effizient organisiert in Bezug auf Arbeitseinteilung, der Suche nach Spenden und so weiter.

Besuche in der alten Heimat

Als die Kinder klein waren, kam Verena mit ihnen jedes Jahr für mindestens sechs Wochen in die Schweiz, um den Grossvater zu besuchen. Dadurch blieb sie immer verbunden mit ihrer Heimat. Diese Verbundenheit hat sich auch auf ihren älteren Sohn Tetsu übertragen. Er arbeitet inzwischen als Physiker in Innsbruck und kommt oft in das Haus seiner Mutter in Ulisbach. Auf die Frage, wo für sie die «Heimat» sei, antwortet Verena: «Ja, diese Frage bringt mich etwas in Verlegenheit. Mir scheint rein sprachlich kann man nicht von zwei «Heimaten» sprechen. Tatsache ist aber, dass ich in den USA eine zweite, neue Heimat gefunden habe, gleichzeitig aber noch immer verbunden bin mit der alten. Ich freue mich immer auf meine Verwandtschaft und die Freunde.» Aber auch das Toggenburg habe sich in einigen Belangen in der Zwischenzeit wohl oder übel «amerikanisiert» sagt sie. So unterscheide sich beispielsweise ein Schweizer Supermarkt von einem amerikanischen einzig noch durch die Grösse des Parkplatzes. In den Schweizer Supermarkt muss Verena bei jedem Besuch, denn etwas bekommt sie hier, was es in den USA nicht gibt: Das Aromat. «Ohne Aromat kann ich keine anständige Salatsauce machen. Und allein dafür würde ich den Güllegeruch immer wieder gerne in Kauf nehmen», sagt sie lachend.