In der Warteschlange

Beim Anstehen an der Migroskasse habe ich das Warten genauer betrachtet und in verschiedene Kategorien aufgeteilt.

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Bild: Martina Basista

Bild: Martina Basista

Beim Anstehen an der Migroskasse habe ich das Warten genauer betrachtet und in verschiedene Kategorien aufgeteilt.

Erstens: das kurze absehbare Warten. Wir wissen, wann das Erwartete eintreffen wird. Bald ist es so weit. Das ist zum Beispiel am Bahnhof der Fall, wo uns die Abfahrtszeit des Zugs bekannt ist, und wir über allfällige Verspätungen informiert werden sollten. Die Zeit können wir mit Zeitunglesen, SMS- Schreiben, Reisende-Beobachten oder Telefonieren verbringen. – Alles halb so schlimm.

Zweitens: das unbestimmte Warten. Wir wissen, nicht wann das Erwartete eintrifft. Es sollte aber in absehbarer Zeit geschehen. Ein Beispiel für das unbestimmte Warten ist ein Erlebnis, das ich in den Ferien in Österreich gemacht habe: Der Plan war, mit einer Seilbahn auf einen Berg zu fahren und von dort aus eine Wanderung zu unternehmen. In der Seilbahn – auf halber Stecke – war aber ein ungeplanter Zwischenhalt angesagt. Die Bahn hielt mit einem Ruck an, und erst einmal passierte gar nichts, bis schliesslich eine Männerstimme aus den Lautsprechern zu vernehmen war: «Achtung, Achtung, die Bahn fährt in Kürze weiter.» «<In Kürze>, das können dann ja nicht viel mehr als fünf oder zehn Minuten sein», dachten wir und täuschten uns gewaltig. In der Seilbahn wurde es immer heisser und stickiger, die Durchsage «Achtung, Achtung, die Bahn fährt in Kürze weiter, bitte haben sie Geduld» wurde noch ein paarmal wiederholt, und wir spekulierten über mögliche Rettungsszenarien, am besten eine Evakuierung mit dem Helikopter. Dann, nach einer knappen Stunde, wurden wir erlöst. Da das unbestimmte Warten unvorhergesehen eintritt, kann es nur mit Spielen wie «Ich sehe was, was Du nicht siehst» überbrückt werden. – Ziemlich mühsam.

Drittens: das lange absehbare Warten. Wir wissen, wann das Erwartete eintrifft, es liegt aber noch in weiter Ferne. Beispiele dafür sind der Geburtstag, das Konzert der Lieblingsband oder die Ferien. Die Zeit bis dahin totzuschlagen, ist schwierig, denn die Gegenwart steht nicht still, auch wenn wir mit den Gedanken einige Wochen weiter sind. Höchstens einen Countdown können wir erstellen und die Zeit bis zum Erwarteten in Etappen aufteilen. – Eher mühsam, aber mit viel Vorfreude verbunden.

Viertens: das latente Warten. Wir wissen nicht, wann das Erwartete eintrifft und auch nicht, ob es schon bald oder noch lange nicht der Fall ist. Bekanntestes Beispiel: das Warten auf die grosse Liebe.

Von der Frage «Händ Sie e Cumulus-Charte?» werden meine Überlegungen jäh unterbrochen.

Antonia Baumgartner

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