In der Türkei einen Traum erfüllt

Fussballvereine aus ganz Europa weilen für ihr Trainingslager in der Türkei. Der Ostschweizer Roland Leemann, der auch schon in Bazenheid wohnte, organisiert die meisten und ist für drei Monate vor Ort, um seinen Kunden ein perfekter Gastgeber zu sein.

Urs Nobel
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Die Trainingslager-Saison in der Türkei endet für Roli Leemann in zwei Wochen. (Bild: Urs Nobel)

Die Trainingslager-Saison in der Türkei endet für Roli Leemann in zwei Wochen. (Bild: Urs Nobel)

Herr Leemann, für die Region sind Sie ein Bazenheider, obwohl Sie kürzlich umgezogen sind. Kennen Sie eigentlich noch richtiges Wohnen und ein Zuhause mit allem Drum und Dran?

Roland Leemann: Das ist bei mir tatsächlich sehr schwierig. Immerhin bin ich berufshalber ein halbes Jahr im Ausland, vorwiegend in Ägypten, der Türkei oder in Brasilien. Meine Wurzeln sind aber tatsächlich in der Ostschweiz, angemeldet bin ich jetzt aber in Uster.

Sie organisieren im Ausland Sportcamps, hauptsächlich Fussball-Trainingslager. War diese Tätigkeit immer Ihr Ziel, oder hat sich das im Verlaufe Ihrer früheren Tätigkeit so ergeben?

Leemann: Heute ist es die Erfüllung eines Traums. Trainingslager habe ich schon viel früher organisiert. Ich wollte jedoch die Qualität steigern und Gesamtpakete anbieten können, ohne einfach alles dem Reiseveranstalter überlassen zu müssen. Ich arbeite vor Ort und ausschliesslich mit Profis zusammen. Während der rund drei Monate, in denen ich in der Türkei weile, betreue ich rund 70 Mannschaften. Es ist mir dabei ein persönliches Anliegen, alle Wünsche meiner Kunden zu erfüllen, und wenn es nur darum geht, im Zimmer eines Spielers eine fehlende Seife zu ersetzen.

Ein Rundumservice also, der frühmorgens beginnt und oft spätabends endet. Haben Sie während dieser Zeit nie den Wunsch, dass es etwas ruhiger zu- und hergehe?

Leemann: Solche Momente kommen jedes Jahr auf. Immerhin bin ich drei Monate nicht in der Schweiz und lebe nur in Hotels (Anm.: Er hat in der Türkei Zimmer in fünf Hotels). Deshalb frage ich mich tatsächlich von Zeit zu Zeit, warum ich das alles auf mich nehme. Die Zufriedenheit der von mir betreuten Vereine gibt mir jedoch dann immer wieder die passende Antwort, und es steht dann jeweils schnell fest, im nächsten Jahr wiederum dasselbe zu tun.

Was heute ein Fussballclub ist, der etwas auf sich hält, macht ein Trainingslager im Ausland. Sie sind seit Beginn dieses «Trainingslager-Hypes» dabei. Wo bestehen die Unterschiede zwischen früher und heute?

Leemann: Am markantesten ist, dass jeder kleine Fussballverein Qualität möchte und dafür möglichst wenig bezahlen will. In früheren Jahren war man in erster Linie froh darüber, dem kalten und nassen Wetter entfliehen zu können, und hat beispielsweise in Spanien oder Tunesien auf Sandplätzen trainiert. Das wäre heute undenkbar. Heute soll es ein All-inclusive-Hotel mit vielen Sternen sein und mit mindestens einem sattgrünen, topfebenen Spielfeld. Mehr als 700 bis 900 Franken möchte man aber für eine Woche (inklusive Flug) nicht ausgeben.

Wie und weshalb sind Sie überhaupt mit der Sportart Fussball verbunden?

Leemann: 1986 habe ich in Räterschen ein Fussballfeld vom Schnee geräumt und deswegen Aufmerksamkeit erlangt, weil dies der einzige Platz weit und breit war, auf welchem man trainieren und spielen konnte. Timo Konietzka trainierte mit seinem damaligen Team darauf, und sogar die Nationalmannschaft benutzte diese Gelegenheit. Besagte Situation schaffte ein neues Beziehungsfeld, das sich schliesslich bis heute stets erweiterte. Ich habe mir damals das, was ich heute mache, zu einem beträchtlichen Teil erschaffen. Ich kenne heute die Bedürfnisse der Mannschaften und der Vereine und kann – weil ich stets vor Ort bin – auf die Wünsche meiner Kunden eingehen.

Dann hat sich die Frage nach dem Zugang zu den Vereinen, für die Sie im Sommer auch Vorbereitungsspiele organisieren, wohl auch schon beantwortet?

Leemann: Das ist so. Die Beziehungen untereinander werden stets aufrechterhalten. Ich gebe den Fussballvereinen viel und bekomme bei passender Gelegenheit von ihnen auch wieder etwas zurück.

Lohnmässig dürfte es sich um einen Risikojob handeln.

Leemann: (schmunzelt) Es kann aber trotzdem rentabel sein. Nicht zuletzt wegen der geringen Lebenshaltungskosten, die ich im Ausland habe. In der Türkei esse und trinke ich gratis, wohne gratis, man stellt mir auch ein Fahrzeug zur Verfügung. Auch im Verlauf des Jahres darf ich oft von guten Sponsoren profitieren, die sich in den Dienst des Fussballs stellen und sich massgeblich engagieren. Ich werde so zwar nie ein Millionär. Aber ich kann– auf meinem Level – ganz gut von dieser Tätigkeit leben.

Blicken wir auf eine Zeit zurück, an die Sie sich wahrscheinlich nicht mehr so gerne erinnern. Sie waren auch einmal Spielerberater und -vermittler?

Leemann: Als Spielervermittler muss man die Vereine anlügen. Darf nie die Wahrheit sagen. Dies hat mir keine Freude bereitet. Besagte Tätigkeit war ein ewiges Versteckspiel, mit dem ich schlecht zurechtkam. Froh bin ich deshalb, dass nach der Zeit, in welcher ich sogar im Gefängnis war, wieder alle zu mir hielten und mir halfen, wieder auf die Beine zu kommen. Ich war und bin kein schlechter Mensch, musste aber eine schwierige Zeit überstehen, um heute da zu stehen und auch darüber reden zu können.

Die Trainingslagerzeit in der Türkei neigt sich ihrem Ende entgegen. Ist die Freude gross, wieder eine Weile nach Hause gehen zu dürfen?

Leemann: Die Freude ist gross. Ich liebe zwar diese Zeit, die ich in der Türkei verbringen kann, freue mich aber auch auf das Zuhause. Vor allem auf das Zusammensein mit meiner Frau. Und ich freue mich darauf, wieder Fussballspiele in der Schweiz besuchen zu dürfen. Nicht nur Spiele der obersten Liga, sondern auch Partien beispielsweise mit dem FC Sirnach oder dem FC Bazenheid. Mit der Heimkehr sind auch wieder Begegnungen mit Freunden verbunden, von denen ich im Toggenburg und in der Region noch sehr viele habe.

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