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In 22 Tagen zu Fuss von Tibet nach Nepal

1963 kamen bis zu 1000 Tibeter in die Schweiz. Darunter auch Lobsang Zatul. 50 Jahre später flüchtete die 40jährige Dolma über die Berge aus Tibet nach Nepal. Sie liess Eltern, Geschwister, ihren Mann und ihren 12jährigen Sohn in Tibet zurück. Nach einem Jahr fühlt sich die Tibeterin wohl in ihrer neuen Heimat.
Christiana Sutter

Dolma und Lobsang Zatul, was veranlasste Sie zur Flucht aus Tibet?

Lobsang Zatul: In der Region, in der wir wohnten, waren mein Vater und mein Bruder angesehene Persönlichkeiten. Wir haben erfahren, dass die Chinesen Vater und Bruder verhaften wollten. Zu der Zeit wussten wir noch nicht, dass in Lhasa ein Aufstand der Tibeter war.

Dolma: Ich hatte grosse Probleme in Tibet. Mein Grossvater väterlicherseits wurde umgebracht und der Grossvater mütterlicherseits angeschossen. Danach war er behindert. Alles, was ich machen wollte, wurde von den Chinesen unterdrückt. Beispielsweise wurde dort, wo unser Haus stand, plötzlich eine Strasse gebaut oder wir durften den Acker nicht mehr bestellen. Es gab nur noch Vorschriften.

Dolma, wie sah Ihre Flucht aus?

Dolma: Zuerst bin ich bis Lhasa mit einem Lastwagen mitgefahren. Dann während 22 Tagen zu Fuss über die Berge bis nach Kathmandu. Ein Guide, den ich bezahlt habe, hat mich geführt. Wir sind nur in der Nacht gelaufen. Am Tag haben wir uns versteckt. Von Kathmandu aus bin ich in die Schweiz geflogen.

Sie sind ohne Mann und Kind geflohen. Kommen sie später nach?

Dolma: Das weiss ich noch nicht. Denn ich spreche noch zu wenig gut Deutsch und weiss auch nicht, welche Möglichkeiten ich diesbezüglich habe.

Warum haben Sie die Schweiz als neue Heimat gewählt?

Zatul: Das war Zufall. Ein bundesrätlicher Entscheid im März 1963 ermöglichte 1000 Tibetern die Einreise in die Schweiz. Wir folgten meinem Bruder Zatul Rinpoche, der in einer ersten Gruppe 1961 in die Schweiz einreisen konnte.

Dolma: Auf meiner Flucht habe ich in Nepal einen Verwandten getroffen. Dieser hat mir gesagt, dass es ein Land gibt, wo ich es sicher schön hätte. Mit «Schweiz» konnte ich nichts anfangen, ich wusste nicht, was das ist.

Was konnten Sie Persönliches auf die Flucht mitnehmen?

Zatul: Nichts, nur gerade das, was ich anhatte.

Dolma: Ausser ein paar warmen Kleidern und etwas Geld hatte ich nichts dabei.

Welche Gefühle begleiteten Sie auf der Flucht?

Zatul: Vor allem Angst vor der Gefangenschaft. Denn die Chinesen sind uns gefolgt. Wir mussten also schneller sein als die Chinesen. Sogar die Glocken der Pferde haben wir zugestopft, damit uns die Chinesen nicht hören konnten.

Dolma: Ich hatte grosse Angst, denn ich wusste nicht, wohin mich die fremden Leute bringen.

Was war Ihr erster Eindruck von der Schweiz?

Zatul: Das war ein schönes Gefühl. In Kloten hat uns mein Bruder empfangen. Ich fühlte mich sofort sicher und gut aufgehoben in der Schweiz.

Dolma: Mein erster Eindruck war sehr gut. Alles war schön und friedlich. Auch im Empfangszentrum in Kreuzlingen merkte ich, dass die Menschen nett sind, obwohl ich die fremde Sprache nicht verstand. Nach ein paar Tagen wurde ich innerlich auch ruhiger. Später bin ich in den Thurhof nach Oberbüren gekommen und dann in eine Wohnung mit schwarzen asylsuchenden Frauen nach Gommiswald. Seit zwei Wochen wohne ich in meiner eigenen Wohnung in St. Gallen. Da fühle ich mich sehr wohl. (Dolma strahlt.)

Lobsang Zatul, wie war das 1963 bei der Ankunft in die Schweiz? Gab es viele Formalitäten?

Zatul: (lacht) Wir hatten Glück. Denn die ganzen Formalitäten waren für uns bereits erledigt. Das war ganz anders als jetzt. Jetzt müssen viele Formulare ausgefüllt werden.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich heimisch gefühlt haben?

Zatul: Nur ein paar Monate. Bereits von Beginn weg habe ich mich sehr wohl gefühlt. Sicher auch, weil ich mit meiner Familie zusammen war.

Dolma, fühlen Sie sich schon etwas heimisch?

Dolma: Ja. Ich habe jetzt das Gefühl, dass die Schweiz mein neues Zuhause ist.

Warum wurden die Tibeter vor 50 Jahren von der Schweizer Bevölkerung so gut aufgenommen?

Zatul: In der Presse wurde viel Positives über die Tibeter geschrieben. Das hatte sicher Einfluss. Der Eindruck hat sich dann sicher bestätigt, als die Schweizer die Tibeter gesehen haben.

Inwiefern ist heutzutage eine Integration schwieriger als 1963?

Zatul: Wenn die Tibeter heute in die Schweiz kommen, haben sie noch kein Asylrecht, der Entscheid, ob sie überhaupt Asyl bekommen, ist dann noch nicht vollzogen. Wenn der Entscheid dann positiv ausfällt, haben sie es leichter. Denn heute gibt es Integrationsprogramme. Das hatten wir noch nicht. Bei uns gab es damals viele junge Tibeter, die jünger als 20 Jahre alt waren. Nach ein paar Monaten waren diese schon am Arbeiten, auf dem Bau oder in einer Fabrik. Dies, obwohl sie die Sprache noch nicht beherrschten.

Dolma, konnten Sie schon an Integrationsprogrammen teilnehmen?

Dolma: Bis jetzt noch nicht. In Gommiswald besuchte ich während drei Monaten einen Sprachkurs.

Dolma, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dolma: Am meisten wünsche ich mir eine Arbeit. Ich bin nicht glücklich, wenn ich nur essen und schlafen kann. Ich möchte nicht vom Staat abhängig sein, denn für meinen Lebensunterhalt will ich selber aufkommen.

Lobsang Zatul, welchen Tip geben Sie Dolma für die Zukunft

Zatul: Den habe ich ihr schon gegeben. Auch wenn sie 40 Jahre alt ist, darf sie sich nicht entmutigen lassen, Deutsch zu lernen. Es ist wichtig, die Sprache zu sprechen in dem Land, in dem man lebt.

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