Im Zug telefonieren nervt

Normalerweise lese ich im Zug gerne Zeitung. Nicht immer ist dies jedoch möglich, wie ich erst kürzlich auf der Fahrt nach St. Gallen wieder einmal erleben konnte. In Herisau nahm schräg gegenüber eine junge Frau, nennen wir sie Sarah, Platz.

Jesko Calderara
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St. Gallen - Jesko Calderara Redaktion Appenzell (Bild: Jesko Calderara)

St. Gallen - Jesko Calderara Redaktion Appenzell (Bild: Jesko Calderara)

Normalerweise lese ich im Zug gerne Zeitung. Nicht immer ist dies jedoch möglich, wie ich erst kürzlich auf der Fahrt nach St. Gallen wieder einmal erleben konnte. In Herisau nahm schräg gegenüber eine junge Frau, nennen wir sie Sarah, Platz. Kaum setzte sich die S-Bahn in Bewegung, zückte Sarah ihr rosa Smartphone und rief ihren Freund an. «Schatz, ich sitze jetzt im Zug.» Wow, was für aufregende Neuigkeiten, dachte ich mir. In den nächsten Minuten erfuhren die Mitreisenden Details aus dem Liebesleben («Ich vermisse dich so sehr.»), durften am Klatsch über eine Freundin teilhaben («Sie ist mega falsch und verlogen.») und konnten sich die tollsten Shopping-Erlebnisse anhören. («Leider gibt es das Top bei Zara nicht mehr in meiner Grösse.»)

Auf ihre Umgebung nahm das junge Fräulein mit starkem Mitteilungsbedürfnis keine Rücksicht. In einer unüberhörbaren Lautstärke handelte sie Thema für Thema ab. Den anderen Passagieren blieb gar nichts anderes übrig, als dem Gespräch zu folgen. Ein fragendes «Was hesch gseit» beim Gübsensee liess darauf schliessen, dass die Verbindung schlechter wurde. Deshalb wiederholte Sarah das Gehörte, so dass ich gleich noch aufschnappte, was ihr Freund am Ende der Leitung zu sagen hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit beendete sie das Telefongespräch mit den Worten: «Also, wir sehen uns später.» Mir reicht's. In St. Gallen steige ich aus. Leute, die im Zug telefonieren, nerven. Einige Tage später vermeldet die grösste Gratiszeitung der Schweiz, dass die SBB das Telefonieren in den Regionalverkehrszügen verbessern wollen. Die grenzenlose Kommunikation soll 2022 Realität werden. Dann wird es mit der Ruhe beim Zugfahren definitiv vorbei sein.