Im Land der kleinen Wassermelonen

Für Giuseppe Costantini ist Bütschwil zur Heimat geworden. Hier arbeitete und lebt er seit 1958, hier wohnt er in einer Eigentumswohnung – nur einen Katzensprung vom Soorpark entfernt, wo der ehemalige Landwirt über dreissig Jahre lang in der Textilbranche gearbeitet hat.

Matthias Giger
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Bild: Matthias Giger

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Bütschwil. Es gibt nicht viel, das Giuseppe Costantini im Toggenburg an Italien vermisst. Nur die grossen Wassermelonen fallen ihm ein. «Alles andere bekommt man heute hier in der Schweiz auch», sagt er. «Aber eine Wassermelone muss mindestens zwölf Kilo wiegen, sonst schmeckt sie nicht. In Italien kann man sie auf dem Markt zuerst probieren, bevor man sie kauft», erzählt er. Auf seine neue Heimat, Bütschwil, lässt er nichts kommen. «Seit 1958 bin ich in Bütschwil und hier will ich sterben. Die Schweiz hat mir in meinem Leben viel mehr gegeben als Italien», sagt er. Die Steuern seien hier zwar höher als in Italien, dafür sehe man in der Schweiz, was mit dem Steuergeld passiert. «Ist heute ein Riss in der Strasse, so wird das sofort repariert», nennt er ein Beispiel.

Der 79-Jährige kam 1955 mit 23 Jahren in die Schweiz. Zuerst nach Fischingen. Aufgewachsen ist Giuseppe Costantini auf einem Bauernhof im Bergdorf Valle San Giovanni in den Abruzzen. Während des Militärdienstes entschloss er sich, den elterlichen Bauernhof zu verlassen und sein Glück in der Schweiz zu suchen. Im zweiten Brief schrieb er seinen Eltern, dass er nach dem Militärdienst ins Ausland gehen werde. Damals, in den Fünfzigerjahren, waren italienische Arbeitskräfte gefragt – nicht nur in der Schweiz. «Eigentlich wollte ich nach Belgien. Mein Bruder und meine Eltern rieten mir aber davon ab, da es in Belgien vor allem im Bergbau Arbeit gab und viele – auch mein Bruder – dort krank wurden», erzählt er.

Ausreise wurde organisiert

In Italien habe es damals in jeder grösseren Stadt ein Büro gegeben, das die Formalitäten für die Ausreisewilligen erledigte und ihnen im europäischen Ausland eine Stelle vermittelte. Im März 1955 reiste er mit dem Zug und Postauto in die Schweiz. In Chiasso wurden die Einwanderer aus Italien medizinisch untersucht und einem Begleiter zugeteilt, der dafür sorgte, dass sie am richtigen Ort ausstiegen. Nach einer Nacht in einem Hotel in Sirnach ging es mit dem Postauto nach Fischingen. Hier traf er auf seinen ersten Chef, einen Landwirt, dessen Hof oberhalb von Fischingen lag. «Es waren nette Leute. Mein Chef sprach sogar etwas Italienisch. Er meinte, dass ich alleine mehr arbeiten würde als die anderen beiden Knechte, ein Deutscher und ein Österreicher, zusammen», erzählt er stolz.

Nur die Landjäger, die er jeweils von der Bäuerin mit einem Stück Brot und einer Flasche Süssmost zur Verpflegung erhielt, hätten ihm anfangs wegen des Raucharomas überhaupt nicht geschmeckt. «Ich warf sie jeweils im hohen Bogen weg, weil ich vor der Bäuerin nicht als wählerisch dastehen wollte. Heute habe ich mich aber an Landjäger und Cervelats gewöhnt», sagt er. 1956 habe er den schlimmsten Winter erlebt. «Ich arbeitete im Wald und machte <Böscheli>. Es war 30 Grad unter Null und ich konnte die Axt keine Minute halten, ohne mir zwischendurch die Hände in den Achselhöhlen zu wärmen. Ich hoffte nur noch, dass der Winter möglichst schnell vorbei geht», erinnert sich Giuseppe Costantini.

Einer der ersten Männer

1957 arbeitete er für das Restaurant Sonne in Fischingen. Er betreute die zwei Pferde, sieben Kühe, melkte diese und ging heuen. Nebenan habe ein Bub aus Dietfurt seine Lehre gemacht. «Ich kannte ihn gut und fragte ihn, was sein Vater arbeite», erzählt er. Der Junge sagte ihm, dass sein Vater im Soor in Bütschwil arbeite. «Ich bat den Jungen, seinen Vater zu fragen, ob sie im Soor Arbeit für mich hätten. Der Vater des Jungen meinte, ich solle am besten selbst vor Ort fragen. So fuhr ich mit dem Velo – ein Auto und die Fahrprüfung konnte ich mir damals nicht leisten – nach Bütschwil», erzählt Giuseppe Costantini. Dort sagte man ihm, dass es momentan noch etwas schwierig sei, man aber ab dem nächsten Jahr auch Männer einstelle. «Ich war erst der dritte Mann, der im Soor als einfacher Arbeiter angestellt wurde. Und das nur, weil sie langsam keine Frauen aus Italien mehr fanden», sagt er.

1959, mit 28 Jahren, lernte er seine Frau Anna Cecilia kennen. «Ein Jahr später heirateten wir.» Zuvor habe er zwar auch schon Freundinnen gehabt, einige sogar, aber das sei nichts Ernstes gewesen. Nach der Heirat meinte er zu seiner Frau: «So, jetzt wird eine Familie gegründet, fertig Schluss», lacht er. Costantinis haben zwei Kinder, Tochter Lorena (Jahrgang 1963), die im Tessin lebt, und Sohn Roberto. Er lebt in Wattwil.

«Meine Frau lernte ich bei der Arbeit kennen. Da wir beide abwechselnd Schicht hatten, teilten wir uns die Hausarbeit – und zwar genau gleich», betont Giuseppe Costantini. «Wenn sie um 8.30 Uhr in der Pause vorbei schaute, hatte ich die Wäsche bereits draussen an der Wäscheleine hängen», sagt er stolz. In der Freizeit hat er gegärtnert, was er heute noch tut.

Zwischendurch in Italien

Von 1970 bis 1972 hatten Costantinis in Italien ein kleines Lebensmittelgeschäft. «Meiner Frau gefiel es aber nicht so gut und wir beschlossen, wieder in Bütschwil zu arbeiten, wo wir so einen schönen Lohn hatten», erzählt er. «Vier Tage bevor unsere Niederlassung ablief, waren wir wieder hier», lacht er.

In Porto San Giorgio an der Adria, dem Heimatdorf seiner Frau, haben die beiden eine Ferienwohnung. «Mit im Gepäck sind immer Bratwürste, wenn wir nach Italien fahren», gesteht Giuseppe Costantini, der von den jüngeren Einwohnern von Porto San Giorgio schlicht «lo svizzero» (der Schweizer) genannt wird.

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