«Im Herzen Tirols eine Enklave Appenzell»

Zum Jahreswechsel ein Gespräch mit Markus Wetter, Verwaltungsratspräsident der Luftseilbahn Jakobsbad-Kronberg AG. Markus Wetter kennt man als einen Mann, der ständig an Ideen tüftelt und viele davon auch umsetzt. So handelt auch dieses Gespräch von erstaunlichen Vorhaben.

Monika Egli
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Markus Wetter: «Mir schwebt eine Schlechtwettergarantie vor. Wenn bei himmeltraurigem Wetter Kolonnen an der Talstation anstehen, dann habe ich mein grosses Ziel erreicht.» (Bild: Monika Egli)

Markus Wetter: «Mir schwebt eine Schlechtwettergarantie vor. Wenn bei himmeltraurigem Wetter Kolonnen an der Talstation anstehen, dann habe ich mein grosses Ziel erreicht.» (Bild: Monika Egli)

Sie sind bekannt dafür, ein Macher zu sein. Was ist Ihr nächster «Coup»?

Markus Wetter: Ich bin tatsächlich kurz vor der Verwirklichung einer grossartigen Sache. Ich werde im Herzen von Tirol eine «Enklave Appenzell» einrichten.

Erzählen Sie mehr darüber!

Wetter: Seit einiger Zeit bieten wir mit unserer Spezialitäten-Metzg während fast des ganzen Jahres Wild aus dem Lechtal an. Dabei verarbeiten wir hier Wildtiere aus 35 österreichischen Revieren. Die Nachfrage ist sehr gross, unter anderen beliefern wir national Coop und Globus-Delikatessen. Nun ist das Importieren von ganzen Tieren äusserst aufwendig. Ich habe deshalb die Möglichkeit ergriffen, auf einer Autobahn-Raststätte direkt hinter dem Arlbergtunnel Boden zu kaufen, und werde dort einen Wildzerlegerei- und -veredelungsbetrieb errichten. Zu einer Raststätte gehört zwingend auch ein Laden, in dem ich eine grössere Ecke mit echten Appenzeller Spezialitäten einrichten werde, eben eine «Enklave Appenzell». Eigentlich wollte ich den Betrieb hier verwirklichen, aber ich habe im Moment keine Möglichkeiten gefunden.

Sie haben bestimmt auch Pläne für den Kronberg?

Wetter: Genau. Auf dem Kronberg gibt es einen kleineren Militärbunker. Nachdem ich zuvor die Möglichkeit hatte, mit Bundesrat Ueli Maurer darüber zu sprechen, und nach unzähligen Schreiben mit Bern können wir diesen Bunker nun erwerben. Für seine Verwendung steht eine ganz spezielle Idee im Raum, die ich jetzt noch nicht ganz verraten möchte. Wir werden ihn als Lagerraum benützen, in dem in Zusammenarbeit mit der Firma Appenzeller Alpenbitter AG eine exklusive Spezialität gelagert wird. Das wird ein einzigartiges, edles, aber auch sehr teures, spannendes Produkt. Im Moment läuft die Nutzungsänderung des Bunkers zum Lagerraum auf 1663 m ü.M.

Und sicher haben Sie auch ein Vorhaben am Fusse des Kronbergs?

Wetter: Ja, und zwar haben wir ein Projekt, das den Lauftegg-Skilift betrifft. Diesen haben wir bei der erfolgreichen Neuausrichtung des Wintersports eingestellt. Wir möchten den Skilift in einen Sommerbetrieb umnutzen. Wir haben eine originelle Idee. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen, wir sind noch in der Abklärungsphase mit den Amtsstellen. Ich denke, von Seiten Behörden haben wir den Goodwill, sofern eine Bewilligung möglich sein wird.

Die Wörter «ausruhen» oder «stehen bleiben» kennen Sie nicht!

Wetter: Nein, Stillstand ist Rückschritt. Der Kuchen wird ja nicht grösser. Als wir damals den Seilpark aufstellten, waren wir die einzigen in der Ostschweiz; heute gibt es zahlreiche in nächster Umgebung. Es braucht ständig neue Angebote. Deshalb haben wir letzten Mai den ersten Motorikpark in der Schweiz errichtet. Auch da ein Fernblick: den grössten Kronberg-Aktivpark (Motorik-Park) von Europa zu erstellen.

Beim Pfeil- und Bogenschiessprojekt haben Sie aber über das Ziel hinausgeschossen.

Wetter: Stimmt, das ging daneben. Ich finde allerdings immer noch, dass dies ein geniales Angebot, nämlich auch ein Lehrpfad für Jung und Alt, geworden wäre. Aber nicht nur die Medien schossen dagegen, es gab auch rund 30 Einsprachen. Deshalb haben wir das Projekt zack-zack wieder abgebrochen. In Österreich, zum Beispiel in Zell am See, ist dieses Projekt erfolgreich umgesetzt worden. Dort fanden die Europameisterschaften statt, und es waren über 1100 Teilnehmer eine Woche lang vor Ort. Auch wir im Appenzellerland hätten die Europameisterschaften bekommen, mit Teilnehmern vom Camper bis zum 4-Sterne-Hotelgast.

Vielleicht hatte man auch Angst vor zu viel Rummel?

Wetter: Es ist unsere erklärte Absicht, dass sich das aktive Leben im Tal abspielt, auf dem Berg hingegen wollen wir Ruhe. Denn der Kronberg ist ein Kraftberg. Wer zwei, drei Stunden oben ist, spürt das, «es chrüselet». Auf dem Kronberg gibt es teilweise bis zu 270 000 Bovis-Einheiten. Sicher ist jedoch, dass wir auch am Fuss des Berges nicht zum Disneyland werden wollen. Die Angebote sollen sympathisch und naturnah bleiben.

Aber Sie bleiben wetterabhängig.

Wetter: Ich finde, wir müssten die Destination Appenzellerland ganz anders vermarkten, weil bei schlechtem Wetter wirklich null und nichts läuft. Mir schwebt eine Schlechtwettergarantie vor. Die Idee dahinter: Schlechtes Wetter ist viel gesünder! Man müsste das schlechte Wetter deshalb als etwas Einzigartiges und Positives verkaufen. Meine Vision ist, dass die Leute im schlechten Wetter auf den Berg gehen, dort gute Kleidung erhalten und dann zum Kreuz wandern, um Energie und Kraft zu tanken. Wenn wir es schaffen, dass bei himmeltraurigem Wetter Kolonnen an der Talstation anstehen – dann habe ich mein grosses Ziel erreicht!

Die längste Bank war ein Erfolg. Schade, dass sie frühzeitig wieder demontiert werden musste, oder?

Wetter: Ja, denn es war eine sympathische Aktion, die unzählige positive Reaktionen ausgelöst hat. Leider fehlte anschliessend der Mut, die Bank noch zwei, drei Jahre stehen zu lassen. Die Abbruchverfügung machte überall Schlagzeilen, in der «Frankfurter Allgemeinen» sogar auf der Frontseite. Leider hat man damals wegen des Entscheids teils zu Unrecht die Umweltverbände als die Schuldigen hingestellt, dabei zeigten diese Kompromissbereitschaft. Ich wollte einen runden Tisch mit den Ämtern, dem Bezirk und allen Einsprechern. Denn auch wir hätten Hand zu einer abgespeckten Variante geboten. Leider kam das Gespräch dann nicht zu Stande.

Nur der Berg, die Bahn und die Restauration: Wären Sie überlebensfähig?

Wetter: Der Bahn ging es einige Jahre lang sehr schlecht. Es brauchte, auch schon von meinen Vorgängern, grosse Visionen, sonst hätte die Kronbergbahn nicht überlebt. Die wirkliche Wende brachte klar die Rodelbahn.

Sie sind ein richtiger Treiber. Überfordern Sie nicht oft Ihren Verwaltungsrat und Ihre Mitarbeiter?

Wetter: Ja, das könnte sein…

Man hört, die Zusammenarbeit unter den Bergbahnen sei gut und man möge sich auch etwas gönnen. Empfinden Sie es auch so?

Wetter: Ja, wir arbeiten gut zusammen, auch, weil jeder ein etwas anderes Gästesegment hat. Als Beispiel kann ich das Jubiläumsjahr nennen. Die Bahn auf den Hohen Kasten und die Kronbergbahn feierten heuer beide das 50-Jahr-Jubiläum. Wir haben einige Aktionen zusammen durchgeführt, um uns nicht gegenseitig die Gäste abzujagen. Zum Beispiel haben wir Billette abgegeben mit einem 5-Franken-Gutschein auf der Rückseite für die jeweils andere Bahn. Noch vor wenigen Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen. Die vier Bahnen haben auch einen Marketingpool für gemeinsame Auftritte. Jeder wäre heute zwar stark genug, alleine gegen aussen aufzutreten, aber es ist sympathischer, wenn wir es gemeinsam tun.

Sie müssen sehr viel bieten, um Gäste anzulocken, nicht wahr?

Wetter: Unsere Gäste wollen immer wieder etwas Neues. Ein Wildkirchli braucht das nicht. Oder der Säntis, dorthin gehen die Leute, weil es der höchste Berg in der Ostschweiz ist. Für uns als Familien- und Freizeitberg braucht es aber zwingend spannende Elemente.

Kann es für das «Produkt Alpstein» nicht auch zu viel werden?

Wetter: Unser Produkt stimmt zwar, aber es ist noch zu wenig nachhaltig. Bei schönem Wetter haben wir jetzt viele Gäste, aber man geht sehr schnell auch wieder vergessen. Das ist wie in der Metzgerei. Ich verkaufe im Moment wahrscheinlich als einziger in der Schweiz original Kobe-Beef aus Japan, das ist höllisch teuer. Aber auch in der Metzgerei muss ich versuchen, etwas Einzigartiges anzubieten, das andere nicht haben. Beim Berg brauchen wir die Frequenzen, sonst funktioniert es nicht.

Wild aus dem Lechtal, Beef aus Japan. Wird damit nicht die Marke Appenzell verwässert?

Wetter: Nein, wir produzieren ja etliche echte Appenzeller Spezialitäten. Alle anderen, auch die Grossverteiler, haben enorm aufgeholt. Wer überleben will, muss sich eine Nische suchen. Die Zeit, als der Tourist einfach kam und sehr viel einkaufte, ist vorbei. Heute muss man die Kunden auch überregional erreichen. Für das Kobe-Beef kommen sie aus der ganzen Schweiz nach Appenzell, und wenn sie hier sind, profitieren auch andere. Ein Dorf Appenzell lebt nicht von Kleiderläden und sieben Anbietern, die Biber verkaufen. Es muss spannend sein mit verschiedenen Geschäften des täglichen Bedarfs. Es kann durchaus auch mehrere Fleischfachgeschäfte haben.

Finden Sie mehrere Fleischfachgeschäfte spannend?

Wetter: Wenn jeder wirklich gut und speziell ist, dann schon.

Zurück zum Alpstein: Wohin führt das «immer noch mehr»?

Wetter: Wir müssen versuchen, einzelne Plätze mit Aktivitäten zu schaffen und diese nicht über den ganzen Alpstein zu verteilen. Aber es stimmt schon, bei gutem Herbstwetter gibt es Orte mit Massen von Touristen. Deshalb würde ich es gut finden, wenn die Leute auch bei schlechtem Wetter kämen. Wir und die Destination Appenzell müssen aber überleben können. Wenn wir nicht mehr aktiv sein können, geht es nicht. «Weniger ist mehr» mag zwar stimmen, trotzdem müssen wir Einnahmen generieren, wenn wir die Arbeitsplätze erhalten wollen.

Wie war das Jahr 2014?

Wetter: Es war ein Erfolgsjahr, obwohl wir im Jubiläumsjahr sehr viele Top-Angebote hatten.

Lässt sich schon etwas zum kommenden Jahr sagen?

Wetter: Wir versuchen wieder, viel Neues umzusetzen. Nächstes Jahr am 20. Juni machen wir zum ersten Mal ein Buebe-Schwingfest. Es ist das Ziel, bei der ersten Durchführung etwa 300 Jungschwinger zu haben, die mitmachen. Und ein weiteres Ziel, das mir vorschwebt: Es soll keinen eidgenössischen Schwingerkönig mehr geben, der nicht am Kronberg-Buebe-Schwingfest war.

Wo mangelt es im Gästebereich noch?

Wetter: Wir müssen dem Leitbild FQF folgen: Freundlichkeit, Qualität, Flexibilität. Wir müssen top Wanderwege haben zum Beispiel. Oder die Gastfreundlichkeit: Wir sagen von uns selber, wir seien gastfreundlich. Aber wir sind noch bei weitem nicht so weit, wie wir sein könnten. Der Nachbar ist uns in einem voraus: Er gibt zuerst, bevor er nimmt. Und das können viele Schweizer einfach nicht. Wenn wir etwas geben sollen, fangen wir sofort an zu rechnen. Geht es auf? Stimmt der Businessplan noch? Das wurde uns von klein auf so vermittelt. Aber was man gibt, kommt meistens vielfach retour.

Sie sprechen oft vom «Appenzellerland». Umfasst dies für Sie beide Appenzell?

Wetter: Ja, Ausser- und Innerrhoden sind gegen aussen eine Einheit. Punkt. Die schöne Gegend müssen wir als Ganzes verkaufen. Wir müssen unbedingt ins gleiche Boot, denn wir haben grosse Chancen, wenn wir gemeinsam und mutig agieren.

Was ist Ihre tägliche Motivation?

Wetter: Brauche ich nicht! Ich finde es einfach enorm spannend, etwas praktisch Unmögliches zu machen.