«Ihre Pflege ist sehr komplex und personalintensiv»: Im Coronazentrum Herisau liegen derzeit elf Patienten

Am Spital Herisau werden drei Coronapatienten auf der Intensivstation behandelt, acht weitere auf der Corona-Bettenstation. Ärzte und Pflegeteam erleben derzeit die Ruhe vor dem Sturm.

Mea McGhee
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Morgenvisite auf der Intensivstation für Coronapatinten am Spital Herisau.

Morgenvisite auf der Intensivstation für Coronapatinten am Spital Herisau.

Bild: Urs Bucher

Pflegerinnen in blauer Schutzausrüstung sowie Ärztinnen mit Gesichtsmasken halten auf der Intensivstation (IPS) des Spitals Herisau Morgenvisite. Sie besprechen die Behandlungsmassnahmen für die drei Covid-19-Patienten, die hier liegen. Simon Ritter, Departementsleiter Innere Medizin am Spital Herisau, sagt:

«Ihre Pflege ist sehr komplex und personalintensiv. Sie erfordert umfassende Schutzmassnahmen für die Mitarbeitenden.»

Zwei der Intensivpatienten sind intubiert und werden künstlich beatmet, einer ist nach einem Nierenversagen zusätzlich auf eine Hämodialyse angewiesen. «Das Ärzteteam arbeitet interdisziplinär zusammen, das Zusammenhaltsgefühl ist stärker geworden», erklärt Ritter.

Die Intensivpatienten sind mit Monitoringgeräten verkabelt, haben Katheter und werden mittels Medikamentenpumpen versorgt – etwa mit Schlaf- und Schmerzmitteln oder kreislaufstützenden Medikamenten. Zwischendurch sind Töne der medizinischen Geräte zu hören, sonst ist es auf der Intensivstation ruhig.

Im Gang vor der Intensivstation des Spitals Herisau ist nur wenig Betrieb.
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Stephan Blumenthal, Departementsleiter Anästhesiologie, Rettungsdienst und Schmerztherapie am Spital Herisau erklärt die Geräte der Intensivstation.
Morgenvisite auf der Intensivstation für Coronapatienten in Herisau.
Kabel, Schläuche, Katheter: Die Pflege der Intensivpatienten ist komplex.
Claudia Eberhart empfängt im Container vor dem Eingang zur Notfallstation die Patienten. Dann nehmen Ärzte die Triage vor.
Am Spital Herisau ist es ruhig. Das Personal ist gut gerüstet für den erwarteten Sturm.
Simon Ritter, Departementsleiter Innere Medizin am Spital Herisau, in der Intensivstation für Patienten ohne Coronanachweis.
Ein genesener Mann wird beim Haupteingang von einem Taxi abgeholt.
Ein grün-weisser Dank an das Personal des Spitals Herisau.

Im Gang vor der Intensivstation des Spitals Herisau ist nur wenig Betrieb.

Bilder: Urs Bucher

Akribisch vorbereitet

Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Wann kommt die Welle? Wie gross wird sie? Diese Fragen stellt man sich hier. Darauf hat sich der Ausserrhoder Spitalverbund (SVAR) in den vergangenen Wochen akribisch vorbereitet. Seit Februar gibt es einen Krisenstab. Abläufe wurden neu definiert, Strukturen verändert, nicht dringende Behandlungen verschoben. Der Technische Dienst hat für Sauerstoffreserven gesorgt.

Mit dem Amt für Gesundheit, den Privat- und Rehabilitationskliniken im Kanton und dem Spital Appenzell wurde ein neues Spitalnetz aufgebaut. Herisau wurde als primäres Coronaspital definiert, im Spital Heiden werden die meisten Erkrankten ohne Coronanachweis behandelt, wenn sie einen stationären Aufenthalt benötigen.

An beiden Standorten sei die Notfall- und Grundversorgung gewährleistet, und auch die Geburtsabteilungen arbeiten normal, betont Paola Giuliani, CEO des SVAR. Dank des Klinikpools stehen zusätzliche Betten bereit. «Alle Vorkehrungen dienen dazu, die medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung im Appenzellerland sicherzustellen und zu verhindern, dass wir von der Welle überrollt werden», sagt Giuliani. So wird etwa Anästhesiepersonal aus den Privatkliniken ins Spital Herisau eingeschleust und geschult.

Paola Giuliani, CEO des Spitalverbundes Appenzell Ausserrhoden.

Paola Giuliani, CEO des Spitalverbundes Appenzell Ausserrhoden.

Bild: Urs Bucher

Zivilschutz und Militär leisten wichtigen Beitrag

Auch Zivilschutz und Militär leisten einen wichtigen Beitrag: Zivilschützer halfen beim Zügeln von Abteilungen und dem Aufbau der Triagecontainer vor den Spitälern. Neun Sanitätssoldaten übernehmen mit zwei Armeefahrzeugen den Patiententransport zwischen den Spitalstandorten.

Notfälle und instabile Patienten werden weiter durch den Rettungsdienst transportiert. Dessen Mitarbeitende schulen die Soldaten laufend. «Alle sind sehr motiviert. Diese Rettungskette ist eine Erfolgsgeschichte», freut sich Stephan Blumenthal, Departementsleiter Anästhesiologie, Rettungsdienst und Schmerztherapie am Spital Herisau.

Stephan Blumenthal, Chefarzt Anästhesie am Spital Herisau.

Stephan Blumenthal, Chefarzt Anästhesie am Spital Herisau.

Bild: Urs Bucher

Seelsorge und telefonische Stresshotline

«Isolationszone», heisst es auf einem Schild an der Türe zur Intensivstation in Herisau. Sechs Betten mit Beatmungsgeräten gibt es hier. Sechs weitere in der alten Notfallabteilung. Im Gang vor der Intensivstation ist wenig Betrieb. Eine Seelsorgerin sitzt mit einem Patienten in einer Fensternische ins Gespräch vertieft.

Die Seelsorger der reformierten und katholischen Landeskirche sowie Fachleute aus der Psychiatrie und Psychologie können Patienten und Angehörigen eine wichtige Stütze sein. Und wo finden die Mitarbeitenden des SVAR Beistand? «Das Careteam wurde erweitert, und wir haben eine telefonische Stresshotline eingerichtet», sagt Paola Giuliani.

In der Schweiz profitiere man von den Erfahrungen, die im Ausland gemacht wurden, findet Chefarzt Ritter. Er lobt den Informationsaustausch der Fachleute und sagt:

«Die Ungewissheit, wie gross der Patientenanfall sein wird, ist die grösste Herausforderung.»

Im SVAR sei man fachlich und organisatorisch gut aufgestellt, genügend Medikamente und Schutzmaterial seien vorhanden. «Wichtig ist es, durch Schutz- und Hygienemassnahmen den Ausfall von Gesundheitspersonal zu verhindern», betont Ritter. Als «Hochrisikosituation» bezeichnet er die Intubation und weitere Handhabungen an Atemwegen. Dies Aufgrund der Aerosolbildung mit ansteckenden Partikeln.

Palliative Behandlung wurde gewünscht

Simon Ritter, Chefarzt Innere Medizin am Spital Herisau.

Simon Ritter, Chefarzt Innere Medizin am Spital Herisau.

Bild: Urs Bucher

Acht Menschen, sie gehören wie die drei Intensivpatienten einer Risikogruppe an, liegen auf der Corona-Bettenstation im vierten Stock. Alle sind bei Bewusstsein. Die meisten erhalten zusätzlichen Sauerstoff mittels Masken, manche benötigen Infusionen mit Flüssigkeit oder Antibiotika.

Trotz aller Massnahmen sind in Ausserrhoden bisher drei Coronapatienten gestorben. Alle wurden palliativ behandelt, da sie verfügten, nicht auf der Intensivstation therapiert zu werden, sagt Simon Ritter. «Wir führen diesbezüglich Gespräche mit den Patienten, und wenn dies nicht möglich ist mit den Angehörigen.»

Eine Handvoll Appenzeller Coronapatienten hat das Spital als genesen verlassen. Dazu gehört jener Mann, der an diesem sonnigen Morgen mit seinem Koffer beim Spitaleingang auf das Taxi wartet.