Vom Mauerblümchen zur Berühmtheit: Schriftstellerin Helen Meier wird 90

Anlässlich ihres Geburtstags las Helen Meier im Festsaal der Kantonsbibliothek aus ihrem neuen Buch, nahm eine Gratulation von Franz Hohler entgegen – und wartete mit einer Überraschung auf.

Claudio Weder
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Helen Meier liest anlässlich ihres 90. Geburtstages aus ihrem neuen Buch. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Helen Meier liest anlässlich ihres 90. Geburtstages aus ihrem neuen Buch. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

«So viel Anteilnahme habe ich kaum je erfahren», sagte Helen Meier am Mittwoch, ihrem 90. Geburtstag, nachdem sie im gut gefüllten Festsaal der Kantonsbibliothek in Trogen mit Gratulationen überhäuft worden war. Es mache sie beinahe sprachlos, und dies, obwohl sie als Schriftstellerin eigentlich stets zur Sprache tendiere. Dass sie aber genau jene Sprache, von der sie zunächst glaubte, sie sei ihr vor lauter Freude abhandengekommen, noch immer tadellos beherrscht, bewies die in Trogen lebende Autorin, als sie im Anschluss an ihre Dankesworte eines ihrer Märchen vorlas: «Die Kartoffel.»

Auf dieses Märchen nahm denn auch Charles Linsmayer, ihr langjähriger Lektor und Herausgeber des anlässlich ihres Geburtstages erschienenen Märchenbandes «Der weisse Vogel, der Hut und die Prinzessin», in seiner Ansprache Bezug. Darin zeige sich Helen Meier am «allerbescheidensten» und doch am «grössten», sagte er. Das Märchen erzählt die Geschichte einer Kartoffel, die sich «etwas Besonderes dünkt», die auf einer Hurde im Keller jedoch vergeblich darauf wartet, dass sie von der Hausfrau zum Gegessen-Werden oder zu einem sonstigen Zweck heraufgeholt wird. Tatsächlich landet die arme Kartoffel eines Tages auf dem Kompost. Als sie später aus ihrem Todesschlaf erwacht und merkt, dass ein dicker Stengel und viele weitere Kartoffelknöllchen aus ihr gewachsen sind, erkennt sie, «dass ihr Leben nicht nutzlos geblieben war».

Vom Mauerblümchen zur Berühmtheit

Natürlich sei es unzumutbar, Helen Meier mit einer Kartoffel zu vergleichen, auch wenn Pommes frites zu ihren Lieblingsspeisen gehören, so Linsmayer. Doch die Erzählung von der Kartoffel eigne sich tatsächlich hervorragend, um anzudeuten, wie Helen Meier sich aus einer unbeachteten Mauerblümchenexistenz heraus zum Erfolg, ja gar zur Berühmtheit emporgearbeitet hat. Nun, mit 90 Jahren, könne sie tatsächlich sagen, ihr Leben sei nicht nutzlos gewesen. Im Gegenteil: 

«Sie hat sich selber und andere mit einer Fülle kostbarer Texte, Einfällen und literarischen Glücksmomenten beschenkt.»

Tatsächlich ging es Helen Meier lange Zeit so wie der Kartoffel aus dem Märchen. Belastende persönliche Erfahrungen prägten ihr Leben. Als Schriftstellerin fristete sie lange Zeit ein Schattendasein. Genau genommen so lang, bis sie im Jahr 1983, im Alter von 54 Jahren, von Verleger Egon Ammann entdeckt wurde. Mit ihrem Erstlingswerk «Trockenwiese» wurde sie über Nacht zur anerkannten Autorin. Die nun erschienene Märchensammlung «Der weisse Vogel, der Hut und die Prinzessin» sieht Linsmayer als die Krönung ihres Werkes. Und dies, obwohl die Märchen in einer Zeit entstanden sind, als noch niemand den Namen Helen Meier kannte.

Eines dieser Märchen nahm am Mittwoch auch der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler, ebenfalls unter den Gratulanten, zum Anlass, der 90-jährigen Autorin seine Glückwünsche zu überbringen. Weil Helen Meier einst sagte, sie habe alle ihre Märchen vergessen, erzählte Hohler ihr und den Anwesenden seine ganz eigene Version der Geschichte «Der Bauer, die Kuh und die Stute». Er liess darin den Protagonisten, einen Bauern, das Gesamtwerk von Helen Meier lesen und dabei unter anderem zum Schluss kommen: «Das ist meine Dichterin, die erzählt mir die Geschichten, die ich brauchen kann.»

Fotos aus dem Leben der Dichterin

Dass der Märchenband zu einer «literarischen Kostbarkeit» geworden ist, sei nicht zuletzt auch den Illustrationen von Verena Monkewitz zu verdanken, so Linsmayer. Die 23 Bilder der Zürcher Künstlerin würden dabei nicht bloss das Erzählte illustrieren, sondern die Motive und Inhalte von Meiers Märchen auf einer anderen künstlerischen Ebene spiegeln oder erweitern. In der Ausstellung «Helen Meier in Trogen», die am Mittwoch eröffnet wurde und bis 30. April dauert, sind ebendiese Illustrationen als Originale ausgestellt. Viel mehr noch ist die Ausstellung in der Zellwegerstube aber eine Fotoausstellung, die Momente aus dem Leben von Helen Meier zeigt: beim Schreiben in ihrer Wohnung, in ihrer Küche, beim Musikhören, beim Gang durch Trogen, auf der Post oder im Kleiderladen.

Und was wäre ein Geburtstagsfest ohne Überraschungen. Wie Charles Linsmayer nach der Lesung bekanntgab, hat Helen Meier beschlossen, zur Feier ihres Geburtstages etwas für die Jugend zu tun. Sie wird aus ihren Ersparnissen die nächste Pestalozzi-Schüleragenda sponsern, die 2020 erscheinen und den Namen «Zukunft» tragen wird. Mit einem Blick in die Zukunft schloss Helen Meier denn auch die feierliche Lesung ab: «Wir müssen jeden Tag als das sehen, was er ist – ein Angebot des Schicksals.»

Hinweis

Ausstellung «Helen Meier in Trogen» vom 17. bis 30. April in der Zellwegerstube am Landsgemeindeplatz 5 in Trogen.