«Ihr haltet Latein lebendig»

WATTWIL. Im Rahmen des Lateinischen Kulturmonats sind am Samstag die Siegertexte des Mittelschul-Lateinwettbewerbs gekürt worden. Die Festrede hielt Jeffrey R. Cellars, Botschafter der USA. Er zeigte, dass Latein alles andere als tot ist.

Mirjam Bächtold
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Die drei Besten jeder Klasse erhalten eine Auszeichnung von der Glücksgöttin Fortuna. (Bild: Mirjam Bächtold)

Die drei Besten jeder Klasse erhalten eine Auszeichnung von der Glücksgöttin Fortuna. (Bild: Mirjam Bächtold)

«Ich bin nicht hierhergekommen, um die lateinische Sprache zu begraben, sondern um sie zu loben.» Mit diesen Worten eröffnet Jeffrey R. Cellars am Samstag seine Festrede in der Aula der Kantonsschule Wattwil. Gelobt hat der stellvertretende Botschafter der USA auch die Jugendlichen, die am Ostschweizer Mittelschul-Lateinwettbewerb «Certamen Translatorium» teilgenommen haben. «Durch euch lebt diese Sprache weiter.» Die Mittelschüler haben einen lateinischen Text übersetzt, von dem es bisher keine deutsche Übersetzung gab.

Latein beeinflusst USA

Der Wettbewerb findet jedes Jahr im Rahmen des Lateinischen Kulturmonats des Vereins IXber statt und stand dieses Mal unter dem Thema «Latein – America». Dabei ging es nicht um das geographische Lateinamerika, sondern um die Bezüge, welche die «Muttersprache Europas» mit der «Neuen Welt» sowie deren Sprache und Kultur verbinden. Jeffrey R. Cellars war mit seinem Abschluss in klassischer Altertumswissenschaft der Stanford University prädestiniert für die Festrede. Der kundige Lateiner zeigt zu Beginn einen Filmausschnitt aus «Tombstone». In diesem amerikanischen Western wechseln die Revolverhelden plötzlich vom Englisch ins Lateinische. «Das mag manchen überraschen. Doch diese Szene ist nicht so überraschend, wenn man bedenkt, wie stark der römische Einfluss in den USA ist», sagt der Diplomat. Er nennt einige Beispiele, etwa Gemeinsamkeiten in der Architektur des Capitols, das einem römischen Tempel nachempfunden ist oder gewisse Ausdrücke im Recht und beim Militär, die aus dem Lateinischen stammen. Zum Schluss seiner Rede lädt der Diplomat die sechs Sieger, die später gekürt werden, zu einer Führung und einem Essen in die US-Botschaft nach Bern ein.

Text aus dem 17. Jahrhundert

Der emeritierte Professor Peter Stotz hat am Samstag den Ursprungstext vorgestellt, den die Schüler im Wettbewerb übersetzt haben. Es war ein Auszug aus den 18 Büchern über die Neue Welt, verfasst vom Niederländer Johannes de Laet. Dieser wurde 1581 als Sohn eines Kaufmanns geboren, studierte Latein und beförderte später lateinische Texte der Antike zum Druck. Später studierte er Theologie und verfasste kirchengeschichtliche Schriften. Pastor wurde er aber nie: Er trat in die Fussstapfen seines Vaters und wurde Kaufmann. 1621 war de Laet einer der Gründungsdirektoren der Westindien-Kompanie und reiste in die Neue Welt, nach Amerika. Hier entstand sein Werk «Novus Orbis», das er 1625 zuerst auf Holländisch, acht Jahre später in Latein veröffentlichte. De Laet beschreibt darin die Geographie, die Flora und Fauna der einzelnen Regionen sowie die Lebensweise, Ernährung, Siedlungsformen und das Aussehen der Ureinwohner Amerikas. Aus dem dritten Buch «Virginia» stammt der Text, der am Wettbewerb übersetzt wurde. Er schildert das Leben der Kolonisten, die Probleme, denen sie sich stellen mussten und die Beziehungen zu den Indianern.

«Asterix» für die Sieger

Peter Stotz war gemeinsam mit Helena Müller in der Jury, die den Siegertext kürte. «Bei der Bewertung zählten gutes Textverständnis, also ein möglichst fehlerfreier Text, aber auch ein schöner und der Zeit angemessener Ausdruck in der Zielsprache Deutsch», sagt Helena Müller. Dabei hätten oft Feinheiten den Ausschlag gegeben. Gekürt wurden die drei besten Texte der dritten sowie der vierten Klassen. Zudem erhielten die besten drei Schüler jeder Klasse eine Auszeichnung. Die Präsidentin des Vereins IXber, Regula Steinhauser, überreichte als Glücksgöttin Fortuna die Preise: Büchergutscheine und für die Sieger den Asterixband «Die grosse Überfahrt» auf Englisch, in dem die Comichelden nach Amerika fahren. Diese Bücher liessen die Sieger nach dem Festakt von Jeffrey R. Cellars unterschreiben.