Interview

«Ich wusste nicht, wann ich dort wieder rauskomme»: Wie eine 19-jährige Appenzellerin die Angst vor dem Corona-Virus in China erlebt hat

Gwendoline Flückiger verbrachte das letzte Halbjahr in China, um eine Sprachschule zu besuchen. Wie sie das Corona-Virus miterlebt hat und warum sie wieder in der Schweiz ist, erzählt sie im Interview.

Eva Wenaweser
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Gwendoline Flückiger ist am 27. Januar quasi alleine in einer U-Bahn in China unterwegs.

Gwendoline Flückiger ist am 27. Januar quasi alleine in einer U-Bahn in China unterwegs.

Bild: PD

«Lieber bin ich in der Schweiz krank, als in China.» Das sagt die 19-jährige Gwendoline Flückiger nach ihrem Aufenthalt im Reich der Mitte. Dank eines Wettbewerbs hat die junge Appenzellerin vor zwei Jahren ein Stipendium für eine Uni in China bekommen, um eine Sprachschule zu machen. Neben einigen Reisen im letzten Monats ihres Aufenthalts, befand sich Flückiger hauptsächlich in Kunming, das liegt in der Provinz Yunnan in Südchina. Obwohl sie sich damit nicht in einer Risikozone befand, hat sie sich entschlossen, zurück in die Schweiz zu kommen.

Wo befinden Sie sich zurzeit?

Gwendoline Flückiger: Seit Donnerstag bin ich wieder in der Schweiz. Genauer gesagt, zu Hause im Appenzellerland bei meinen Eltern.

Warum haben Sie sich entschieden, zurückzukommen?

Weil ich nicht wusste, wann ich dort sonst wieder rauskomme. Grundsätzlich hatte ich keine Angst, krank zu werden. Aber weil alles abgeriegelt wird, wusste ich nicht, wie lange ich dann in China festsitze. Ein Hotel ist auf Dauer sehr teuer und da überall sehr viele Läden und Touristenattraktionen geschlossen sind, wäre es auf Dauer auch langweilig geworden. Ausserdem: Falls ich mich wirklich angesteckt habe, wäre ich lieber in der Schweiz krank als in China, wo die Ärzte anscheinend überfordert sind.

Die 19-jährige Gwendoline Flückiger in China.

Die 19-jährige Gwendoline Flückiger in China.

Bild: PD

Wieso überfordert?

Ich habe es zwar nicht selber miterlebt. Aber anscheinend haben die Ärzte die Patienten am Anfang wieder nach Hause geschickt, mit der Anweisung, das Haus nicht zu verlassen. Damals waren sie noch nicht so überfordert, aber jetzt werden die Krankenhäuser regelrecht überrannt. Wie ich es mitbekommen habe, ist es auch das, was viele in China aufregt. Sie sind davon überzeugt, dass der Virus verhindert werden hätte können, wenn man von Anfang an konsequent geblieben wäre. Ich bin keine Expertin, aber so habe ich das es erlebt und so wurde es mir erzählt. Mittlerweile hat die World Health Organisation (WHO) sogar bekanntgegeben, dass das Coronavirus eine «international public health emergency» sei.

Wie haben Sie reagiert, als Sie davon erfahren haben?

Ehrlich gesagt habe ich erst sehr spät davon erfahren. Eben auch weil die chinesische Regierung anfangs vieles heruntergespielt hat. Zum ersten Mal habe ich am 21. Januar in Xi'an davon gehört. Ich bin mit meinen Eltern, die zu Besuch waren, ein wenig umhergereist und dort wurden wir dann darauf hingewiesen, Masken zu tragen. Das haben wir ab dem nächsten Tag auch getan und wir haben uns jeweils noch eine neue gekauft, welche man dann für eine Woche tragen konnte.

Haben Sie auch andere Vorsichtsmassnahmen getroffen?

Die offiziellen Massnahmen in China lauten, dass man die Maske tragen soll, um andere nicht anzustecken, wenn man bereits infiziert ist. Zudem sollte man sich oft die Hände waschen, wenn möglich drinnen bleiben und sich trotzdem sportlich betätigen, damit das Immunsystem gestärkt wird. An diese Empfehlungen habe ich mich eigentlich immer gehalten.

Fühlten Sie sich dadurch geschützt?

Ja und eigentlich habe ich nicht das Gefühl, mich angesteckt zu haben. Ausserdem wurde mir bei meiner Rückreise beim Zwischenstopp in Doha Fieber gemessen. Ich bin aber lieber zu vorsichtig. Daher habe ich nach meiner Landung in der Schweiz, auf dem Weg nach Hause, noch einen Zwischenstopp im Spital Herisau gemacht, um mich durchchecken zu lassen – natürlich mit dem Hinweis auf meinem Aufenthalt in China. Allerdings ist es im Vorfeld schwierig, den Virus zu erkennen, weil man auch infiziert sein kann, wenn man noch keine Symptome zeigt.

Wie haben Sie die Stimmung in China selbst erlebt?

Es war absolut untypisch. Als ich mit meinen Eltern am 23. Januar nach Shanghai reiste, wurde uns im Hotel das Fieber gemessen und alle Angestellten trugen Masken. Als wir dann die Stadt anschauen wollten, waren fast alle touristischen Attraktionen geschlossen und bei denen die offen waren, betrug die Wartezeit gleich mehrere Stunden. In Shanghai war kaum jemand zu Fuss unterwegs und auch die Strassen waren hauptsächlich leer.

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Eine komische Situation also.

Definitiv, Shanghai glich einer Geisterstadt. Zwar war zu dieser Zeit auch das chinesische Neujahr und dann sind grundsätzlich schon weniger Geschäfte offen, weil alle nach Hause gehen, um zu feiern. Das wiederum heisst aber auch, dass Millionen Menschen in kürzester Zeit durch das ganze Land reisen und sich ein Virus so sehr gut ausbreiten kann. Daher hat die Chinesische Regierung vor ein paar Tagen auch alle Festlichkeiten untersagt.

Wissen Sie bereits, wann und ob Sie zurück nach China gehen?

Das ist noch offen. Meine Uni hat bis auf unbestimmte Zeit Ferien. Denn niemand weiss so genau, wie lange man vorsichtig sein muss wegen des Virus. Grundsätzlich würde ich aber gerne zurückgehen und noch ein weiteres Semester in Kunming den Sprachkurs besuchen.

Zur Person

Gwendoline Flückiger ist 19 Jahre alt. Sie wohnt im Appenzellerland und war das vergangene Halbjahr Studentin an einer Sprachschule in Kunming. Davor hatte sie bereits drei Jahre lang Chinesischunterricht an der Kantonsschule. 2017 hat sie an einem Sprachwettbewerb teilgenommen, dessen Vorrunde in der Schweiz und der Rest in Kunming stattfand. Durch diesen Wettbewerb erhielt sie ein Ein-Semester-Stipendium des Konfuzius-Instituts. Weil es ihr so gut gefallen hat, plant sie ein weiteres Semester in Kunming, welches sie dann aber selbständig finanzieren müsste.

Gwendoline Flückiger berichtet zudem ihn ihrem Blog über ihre Zeit in China: https://hin.khh.mybluehost.me/blog/

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