«Ich würde gern parallele Leben führen»

Im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Corinne Schatz schilderte die Künstlerin Manon am Sonntag an der Finissage von «Die gesammelten Ängste» in der Station Agathe Nisple in Appenzell ihren Weg zur international arrivierten Künstlerin.

Margrith Widmer
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Die Künstlerin Manon in Appenzell. (Bild: Margrith Widmer)

Die Künstlerin Manon in Appenzell. (Bild: Margrith Widmer)

APPENZELL. «Ich wusste schon als Kind, dass die Mutterrolle nicht mein Weg war. Ich wollte Einfluss nehmen; ich habe ihn mir genommen.» Im Gespräch mit der St. Galler Kunsthistorikerin Corinne Schatz schilderte Manon am Sonntag an der Finissage in Appenzell ihren Weg zur international arrivierten Künstlerin.

Hier zeigte die in St. Gallen aufgewachsene Manon in der grün gestrichenen Station «Die gesammelten Ängste», «Notfallstation», ein rotes Brett, ein altes Wandtelefon, eine «sprechende Uhr». Dazu gehörte ein Plakat mit Plakette «Die gesammelten Ängste». Durch Agathe Nisple habe sie die spannende Kulturszene in Appenzell kennengelernt, sagt sie.

Künstlerin in Zeitnot

Manon, die Kultfigur der 1970er-Jahre, der sexuellen Revolution, die bekannteste Performance-Künstlerin der Schweiz, Selbstdarstellerin, arbeitet immer sehr intensiv auf ein Ziel hin. Wenn das Projekt beendet ist, macht sie einen Punkt. Zur Finissage erschien sie in Rot-Grün: Rotes, langes Kleid, helle Toque und grüne Sonnenbrille: «Die Welt ist durch eine Sonnenbrille viel schöner», sagte sie im Gespräch. Die grüne ist ihre liebste Sonnenbrille: «Alles ist viel intensiver.» Die zerrinnende Zeit, die damit einhergehenden Ängste, je älter man wird. «Ich weiche nicht aus», sagt Manon, «ich arbeite daran.» Wie viele Künstler ist sie in Zeitnot: «Ich werde nie alles machen können, was ich noch machen möchte.» Und: «Ich könnte nicht leben, ohne zu arbeiten.»

Zusammengewachsen

Richtig berühmt wurde Manon mit ihrem rasierten Schädel: «La dame au crâne rasé». Sie sei damals in einer schwierigen Lebenssituation gewesen: «Mit rasiertem Kopf ist ein neuer Anfang leichter möglich.» Im Gespräch mit Corinne Schatz erzählte Manon, wie sie mit kahlem Schädel nach Paris gegangen sei, im Araberviertel gelebt habe. Die Araber hätten gedacht, die androgyn wirkende Frau sei ein Transvestit: «Sie liessen mich in Ruhe.» Und: «Das störte mich nicht; ich habe auch männliche Anteile in mir.»

Weiblichkeit und Frau-Sein waren Manons Themen in den 1970er-Jahren. Früher habe sie sich stark als zwei Personen wahrgenommen. Diese seien zusammengewachsen. «Ich bedaure, dass es nur ein Leben gibt; ich hätte gerne mehrere parallele Leben gelebt, um alle Facetten auszuleben.» Es sei schwierig, herauszufinden, wer man sei: «Was ist Prägung? Was wurde vorgelebt? Das ist unheimliche Arbeit.» Sie habe ein sehr egoistisches Leben führen müssen, um sich als Künstlerin durchsetzen zu können, gestand sie. Heute ist Manons Thema die Vergänglichkeit, die eigene und die Vergänglichkeit an sich.

Glamour und Rebellion

Damals habe eine wunderbare Aufbruchstimmung geherrscht – eine gute Zeit, sich als Künstlerin zu emanzipieren. Heute wollten die jungen Frauen nichts anderes als einen Mann, der gut verdiene. «Daran habe ich nie einen Gedanken verschwendet. Es ging immer irgendwie. Die jungen Frauen halten sich für emanzipiert und merken nicht, dass sie es gar nicht sind.» Das löste beifälliges Gemurmel im vorwiegend weiblichen Finissage-Publikum aus.

Zur Finissage zeigte Agathe Nisple den SRF-Film «Manon – Glamour und Rebellion», der aus Anlass der Verleihung des Grossen St. Galler Kulturpreises an Manon 2013 gedreht wurde.

Am 17. September ist Vernissage zu Manons monographischer Fotoausstellung im Centre de la photographie in Genf, «Ich freue mich wahnsinnig darauf», so die Künstlerin.