Ich wäre gerne ein Wildschwein…

Auf der immerwährenden Suche nach möglichem Sinn des Religionsunterrichtes bin ich auf das «Sprechen in Bildern» (der Herr ist mein Hirte – bin ich ein Schaf?) gestossen. Ich stelle fest, dass viele Erwachsene mit dieser Sprache nichts mehr anfangen können.

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Auf der immerwährenden Suche nach möglichem Sinn des Religionsunterrichtes bin ich auf das «Sprechen in Bildern» (der Herr ist mein Hirte – bin ich ein Schaf?) gestossen. Ich stelle fest, dass viele Erwachsene mit dieser Sprache nichts mehr anfangen können. Haben sie keine Bilder mehr? Oder haben sie nicht gelernt, in Bildern zu denken? Sie zu benutzen als Beschreibung von Dingen, über die man eigentlich nicht sprechen kann?

Dann ans Werk, dachte ich. Meine Religionsschülerinnen und -schüler werden diese Sprache lernen. Zum Einstieg ins Thema sah ich mit ihnen Bilder von Quint Buchholz an. Nach dieser und einer weiteren Religionsstunde musste ich über die Bücher. Mein Vorhaben lag weit ausserhalb der möglichen Interessen meiner Schülerinnen und Schüler. Vielleicht lag es ja an meiner Art zu vermitteln – sicherlich. Aber ich fragte mich trotzdem, ob mein Ziel sinnvoll und nötig sei.

Und kam zum Schluss: Sinnvoll vielleicht, nötig nicht. Also weiter suchen! Neulich hörte ich ein Interview mit Jörg Zink, anlässlich seines 90. Geburtstags. Man fragte ihn nach seinem Lieblingstier. Das Wildschwein, war seine Antwort. Weil es im Unterholz umherschweife und mit seiner Nase im Boden wühle. So würde er auch gerne sein. Im Unterholz der Menschen sich bewegen, die Nase immer suchend am Boden. Jörg Zinks Sprache ist auch so: Nicht in den theoretischen Höhen, sondern geerdet, ehrlich und klar. Sie ist für die Menschen verständlich. Er benützt keine religiösen Worthülsen, keine theologischen Floskeln. Das ist es, dachte ich. So würde ich gerne von Gott sprechen, von den Dingen, über die man eigentlich nicht sprechen kann.

Diese Sprache fordert mich heraus, wahrhaftig zu sein: Glaube ich das, wovon ich spreche? Verstehen mich die Menschen, verstehe ich es selbst, was ich da erzähle? Und – sie fordert Klarheit von mir: Was glaube ich eigentlich? Wie ist das mit der «Trinität» ? Oder der «Seele», oder der «Auferstehung»?

Dann wieder ans Werk, denke ich. Was geschieht, wenn ich zum Wildschwein werde, überlege ich mir. Die Nase immer in der Erde. Frei im Dickicht wühlend und umherschweifend. Könnte befreiend sein, denke ich, und ganz schön anstrengend:

Jedes theologische Wort müsste auf die Alltagstauglichkeit, auf seine Verständlichkeit geprüft werden. Wir sprechen selbstverständlich von der Seele und ringen nach Worten, wenn wir erklären müssen, was die Seele eigentlich ist.

Ich müsste eine andere Haltung einnehmen, anders denken, denke ich. Anders denken. Dann kommt das anders Sprechen (und das Schweigen) von alleine.

Und was mache ich jetzt im Religionsunterricht? Ich versuche, anders zu denken. Der Rest kommt von alleine, denke ich.

Regula Gamp

Pfarrerin/Religionslehrerin