«Ich vermisse hier die irischen Pubs»

Kieran O'Hara fühlt sich in Wattwil mittlerweile ebenso zu Hause wie in Irland. Was ihm von seiner Heimat Irland aber fehlt, das sind vor allem die irische Musik, die Lebensfreude und Offenheit seiner Landsleute und natürlich die typisch irischen Pubs, wo sich all das konzentriert.

Matthias Giger
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Bild: Matthias Giger

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Wattwil. Der Liebe wegen und weil er zwei Jahre arbeitslos war, ist Kieran O'Hara im August 1992 ins Toggenburg gekommen. «Damals lag die Arbeitslosenquote in Irland bei 18 Prozent. Viele meiner Landsleute verliessen wie ich zu dieser Zeit ihre Heimat. Und heute ist es erneut so. Für mich ist das wie ein Déjà-vu», sagt Kieran O'Hara.

Verliebt hat er sich in die Toggenburgerin Birgitta Steck, heute Birgitta O'Hara. «Sie war neun Monate als Au-pair in Mountshannon und hat im Hotel gegenüber gearbeitet», erzählt Kieran. Bis zu seiner Abreise in die Schweiz wohnte er bei den Eltern. «Mein Vater war Dorfpolizist und wir wohnten im Polizeigebäude», sagt der 41-Jährige. In Irland habe man nicht viele Möglichkeiten gehabt. Kieran arbeitete als Metallbauer und Schweisser, nahm aber auch viele Gelegenheitsjobs an. In seiner Freizeit spielte er Hurling (siehe Stichwort), Fussball, Gaelic Football oder ging fischen. Mit seinen beiden Kindern Ronan (10 Jahre) und Sinéad (12 Jahre) spielt er auch im Toggenburg ab und zu Hurling.

Eltern stolz, Schwestern traurig

Mit seiner Freundin Birgitta hatte er nach ihrem Sprachaufenthalt regelmässig Briefkontakt. In den Ferien flog sie regelmässig zu ihm nach Irland. «1991 besuchte ich Birgitta im Toggenburg. Es war nicht nur mein erster Besuch in der Schweiz, sondern auch das erste Mal, dass ich in einem Flugzeug sass. Es gab ein Gewitter und ich lehnte dankend ab, als mich die Stewardess fragte, ob ich auch etwas essen möchte», erzählt Kieran lachend. Beeindruckt hätten ihn die Berge. «Vom Säntis kann man wirklich weit sehen», sagt er und man hört ihm an, dass ihn die Aussicht vom Säntis auch nach 22 Jahren noch begeistert.

«Als ich 1992 Irland den Rücken kehrte, reagierte meine Familie unterschiedlich. Meine Eltern waren stolz, dass ich den Mut hatte auszuwandern. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Aussichten fanden sie, mein Entscheid sei richtig. Meine Schwestern aber waren traurig», erinnert er sich. Seine Mutter, seine beiden Brüder und die beiden Schwestern leben alle noch in Irland. «Mein Vater ist vor sieben Jahren gestorben», sagt Kieran. Eine seiner Schwestern sei Büroangestellte, die andere arbeite als Barkeeper auf einem Golfplatz. Der eine Bruder sei Lastwagenchauffeur und der älteste Bruder arbeite als Diamantenschleifer.

Verfolgt das Geschehen in Irland

Nach Irland reise er unterschiedlich oft, «wenn die Flüge günstig sind häufiger», sagt er. Soeben sei er mit seiner Frau Birgitta und ihren beiden Kindern Ronan und Sinéad aus den Irlandferien zurückgekehrt. «Das Geschehen in Irland verfolge ich über die Internet-Ausgaben der lokalen Zeitungen. Die irischen Fernsehsender kann man hier leider nicht empfangen», sagt Kieran.

Aller Anfang ist schwer

Das erste Jahr sei für ihn in der Schweiz nicht einfach gewesen. «Bis ich etwas Deutsch gelernt hatte, dann ging es. Schweizerdeutsch gefällt mir gut. Das ist wie in Irland mit den unterschiedlichen Dialekten», erzählt er. Etwas Mühe habe er als Ire mit der Schweizer Mentalität aber schon, gesteht er. «Ihr seid einfach etwas distanziert, zumindest, bis man euch richtig kennt», meint er. Die Iren seien viel offener, was ihm auch geholfen habe, in der Schweiz schnell Anschluss zu finden. «Heute fühle ich mich in der Schweiz aber ebenso zu Hause wie in Irland. Ich lebe ja auch fast schon gleich lange hier wie ich in Irland gelebt habe», sagt er und muss schmunzeln, als er beim Modellstehen für das Porträt-Bild eine Hand in die Hosentasche schiebt «wie ein richtiger Schweizer». So abwegig ist das aber nicht, denn nachdem er anfangs bei Fondue und Raclette die Nase rümpfte, so könne er heute nicht mehr ohne. «Von mir aus könnte es jeden Tag Raclette oder Fondue geben», sagt Kieran. Beim Anblick der Fotos, aufgenommen vor seinem Entscheid, zu seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau ins Toggenburg zu ziehen, bemerkt er, wie schlank er damals war. «Meine Frau kocht zu gut», begründet er die Gewichtszunahme.

Vermisst die Pubs

Bei all dem Positiven an der Schweiz, gibt es aber auch etwas, das Kieran hier fehlt: «Ich vermisse hier die irischen Pubs», tönt es wie aus der Pistole geschossen. «Zwar gibt es auch im Toggenburg Bars, aber mit dem Nachtleben in Irland ist das kaum zu vergleichen. Dort bekommen die Leute ihren Lohn wöchentlich und entsprechend gut ist auch die Stimmung im Pub an den Wochenenden», umschreibt er diplomatisch. Doch nicht nur die fröhliche Stimmung, Whisky, Bier und Cider vermisse er, auch die irische Live-Musik fehle ihm. Er besuche daher gerne Irish-Open-Airs in der Schweiz und freue sich schon auf das Irish-Open-Air in Ennetbühl. Seine Kinder versucht Kieran zweisprachig zu erziehen. «Das ist nicht immer so einfach, denn ausser mir spricht im Toggenburg kaum jemand Englisch. Bei den Italienern, Spaniern oder Türken ist das anders, die haben ihre Treffpunkte und Vereine, wo sie ihre Sprache pflegen können», meint er. In der Schule würden seine Kinder eher amerikanisches Englisch lernen. «Sie betonen einige Wörter ganz anders als ich», erzählt er.

Gearbeitet hat Kieran in der Bürstenfabrik Ebnat-Kappel AG, und bei der Lorenz Neher AG. Nun arbeitet er für die Thyssen Krupp AG in Bronschhofen.

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