«Ich könnte nicht mehr hier leben»

Bereut hat Hans Lenzlinger, der vor fast 40 Jahren nach Amerika ausgewandert ist, seinen Entscheid nie. Er hat den Amerikanern die Schweiz nähergebracht. Seine Häuser sind typisch schweizerisch, nicht nur die Küche. Im 2200-Seelen-Dorf sind Wilhelm Tell und Heidi allgegenwärtig.

Beatrice Bollhalder
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UNTERWASSER. Drei Dreiersesselbahnen, zwei Schlepplifte und einer der ersten Borderparks. Schöne weisse Pisten mit mehr als genug Schnee auf rund 48 Hektaren Fläche in einer Höhe von 480 Metern über Meer. Nein, dieses Paradies befindet sich nicht in der Schweiz, sondern mitten in Amerika. Es hat aber trotzdem einen Bezug zum Toggenburg. Denn einer der vier Eigentümer des Skigebietes ist der in Unterwasser aufgewachsene Hans Lenzlinger. Lenzlinger ist Schweizer und Amerikaner auf dem Papier. «Das Leben in der Schweiz könnte ich mir nicht mehr vorstellen», sagt er bei einem Gespräch auf dem Flughafen Zürich – er kommt gerade von einem Besuch bei seiner Schwester Marie-Theres in London und wird in Kürze zu Bruder Peter nach Neuenburg weiterreisen. Aber auch wenn Hans Lenzlinger nicht mehr in der Schweiz leben könnte, um ihn herum ist alles schweizerisch. Er wohnt seit fast vierzig Jahren in New Glarus im Staat Wisconsin.

Grössere Chancen in Amerika

New Glarus ist 1845 entstanden, als eine Gruppe von rund 100 Auswanderern aus dem Glarnerland auf diesem Landstück, siebentausend Kilometer von zu Hause entfernt, eine neue Heimat gründete. Hans Lenzlinger betrat Amerika, das junge Leute damals grossartig und beeindruckend fanden, im Jahr 1969 zum ersten Mal. Zuvor hatte er, der gelernte Koch und Hotelierssohn aus Unterwasser, an zahlreichen Stellen immer mit grossem Heimweh zu kämpfen gehabt. «Das ging mir am Anfang in Amerika nicht anders», sagt er. So kam es, dass er die folgenden sieben Jahre – er hatte in Amerika einige Bekanntschaften geschlossen, die ihn dort fördern wollten – immer wieder zwischen Unterwasser und Amerika hin und her pendelte. Hans Lenzlinger war in einem Zwiespalt. Er hatte gemerkt, dass er drüben die grösseren Chancen haben würde, dass er aber auch seine Mutter und seine zwei und vier Jahre jüngeren Geschwister nicht im Stich lassen wollte. Die Mutter führte das Hotel Alpina seit dem Tode seines Vaters – Hans Lenzlinger war zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt – ganz alleine. Bei einem seiner Einsätze in Amerika – zu jener Zeit war es noch leicht, einen Job als Koch in Amerika zu erhalten – lernte er eine junge Frau namens Vicky kennen. Dadurch blieb er immer öfter und länger in Übersee. Mit ihr zusammen ist er dann 1974 in die Schweiz geflogen. Beide haben während der Wintersaison im elterlichen Betrieb in Unterwasser gearbeitet – sie als Zimmermädchen, er in der Küche. Mit diesem Einsatz habe er herausfinden wollen, ob sie beide sich in der Schweiz eine Zukunft aufbauen könnten. Obwohl Vicky nie gesagt habe, sie wolle heim, habe er doch gespürt, dass sie beide hier keine unmittelbare Zukunft haben würden, sagt er heute. Zudem wäre seine Mutter damals noch zu jung gewesen, um den Hotelbetrieb übergeben zu können. So kam es, dass er, wieder zurück in Amerika, an einem Sonntagnachmittag im Frühsommer 1975 einen Fünfjahresvertrag für das «Hotel New Glarus» unterzeichnete. Und ab diesem Zeitpunkt war für ihn klar, dass er nicht mehr ins Toggenburg zurückkehren würde.

Harte Arbeit – grosser Erfolg

Die folgenden Jahre haben Hans Lenzlinger und seiner Frau – er wurde am 8. November 1976 Amerikaner und hat acht Tage später seine Vicky geheiratet – viel Arbeit, aber auch grossen Erfolg beschert. Er hat selber in der Küche gestanden und sogar die Fleischstücke eigenhändig «ausgebeint». Ihm war wichtig, seinen Gästen eine gute schweizerische Küche mit hoher Qualität anzubieten – amerikanisch kochen konnte ja hier jeder. Nach fünf Jahren bekam er die Gelegenheit, das Hotel käuflich zu erwerben.

Volksmusik und Unterhaltung für die Gäste nahmen einen grossen Stellenwert ein. «Dem Jodelclub und dem Männerchor, den es in New Glarus gibt, bin ich nicht beigetreten, denn ich kann nicht singen», erzählt Hans Lenzlinger bei Kaffee und Gipfeli. «Aber bei den Tellspielen, die jährlich aufgeführt werden, bei denen habe ich jahrzehntelang mitgespielt», führt er aus und zieht einen Prospekt – ein Programm mit verschiedenen Festivals – aus seinem Koffer. Den Schriftzug seines Hotelprospektes «New Glarus Hotel» zieren übrigens – wen wunderts – die Schweizer und die St. Galler Fahne und natürlich das Lenzlinger-Wappen. Auf dem Bild ist das schmucke Hotel Hans Lenzlingers zu sehen – Geranien zieren die Fenster (in Amerika wohlverstanden!). Beim Eingang im Erdgeschoss winkt dem Betrachter auch noch das Tessiner Wappen entgegen, denn dort ist eine typisch südschweizerische Pizzeria untergebracht. Alles aus rustikalem Holz gebaut und an den Wänden Bilder von Gegenden der Schweiz. Schweiz also, wo man auch hinschaut. Mit verschiedenen Festivals und Events werden heute zahlreiche, vor allem amerikanische Touristen ins «Little Switzerland» gelockt. Jodeln, Alphornspielen und vor allem die währschafte Schweizer Küche haben es seinen Gästen angetan.

Zweites Haus gebaut

Da er oft Gruppen zu seinen Gästen zählen konnte, genügten die sieben Gastzimmer nicht mehr. 1980 wurde deshalb mit Partnern zusammen das Hotel Chalet Landhaus gebaut, das Hans Lenzlinger vor acht Jahren dann auch noch übernahm.

Als Gewerbevereinspräsident hat er einem jungen Paar dazu verholfen, sich den Traum einer eigenen Brauerei zu erfüllen. In der Zwischenzeit sind daraus zwei grosse, sehr gut laufende Betriebe entstanden.

Während Hans Lenzlinger in den vergangenen fast vier Jahrzehnten hauptsächlich für seinen Betrieb gelebt und gearbeitet habe, geniesse er heute auch seine Familie wieder öfter – er hat drei inzwischen erwachsene Kinder. Vor allem mit seinem Enkel Jack geht «Grandpa» gerne Skifahren. Stolz zeigt er ein Bild der Familie seiner ältesten Tochter Andrea, die ihm bereits zwei Enkelkinder geschenkt hat. Und natürlich zeigt er auch Fotos seines Skigebietes. Dank des kältesten Winters seit Jahrzehnten – ein Foto beweist, dass das Thermometer in New Glarus in den letzten Monaten bis auf minus 32 Grad gesunken ist – gibt es dort mehr als genug Schnee. Auch ein Adler hat sich vor zwei Wochen auf einem Baum bei einem Stall Hans Lenzlingers niedergelassen. «Die kommen sonst nicht in unsere Nähe. Die Wetterbedingungen werden wohl dafür verantwortlich sein», vermutet er.

Besuch aus der Schweiz hat Hans Lenzlinger in all den Jahren sehr viel erhalten. Unter anderem hat auch das Churfirstenchörli eine Reise nach Übersee angetreten. «Der Jodelclub Säntisgruess hat sich bisher noch nicht bei mir blicken lassen, obwohl ich die Jodler schon mehrfach eingeladen habe», bedauert er.

Die Heimat vorgestellt

Im vergangenen Sommer war er dafür mit seiner gesamten Familie in seiner alten Heimat. Anlässlich seines 65. Geburtstages hat er seine Lieben für ein paar Wandertage ins Toggenburg eingeladen. «Ich war so glücklich, dass alle mitkommen konnten», erinnert er sich. Sein Freund Fritz Forrer habe eine Wanderung organisiert. Von Starkenbach her ging es mit der Selunbahn in die Höhe – allein dies dürfte schon eine besondere Erfahrung für Amerikaner sein. Auf dem Weg zum Sellamatt wurde auch ein Halt auf der Breitenalp eingelegt – dort wo Hans Lenzlinger in seiner Jugend besonders glücklich war. Lächelnd erinnert er sich am Samstag wieder an seine Kindheit. Er selber kam, als seine Mutter noch lebte, zweimal, jetzt noch einmal pro Jahr zu Besuch in die Schweiz. Trotzdem ist er auf dem aktuellen Stand, was in der Schweiz läuft, denn er nimmt als Doppelbürger auch an den Abstimmungen teil. Bis vor ein paar Jahren hat er als Vertreter der Auslandschweizer im Mittleren Westen jährlich an der Auslandschweizer-Tagung in Bern teilgenommen.

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