«Ich fühlte mich wie ein erloschener Stern»: Warum für Landschaftsmaler Fred Sager der Kosmos ein Seelenpflaster ist

In Fred Sagers Bildern dominieren irdische und ausserirdische Landschaften. Gerade Letztere helfen ihm, über eine dunkle Phase seines Lebens hinwegzukommen. Das Museum für Lebensgeschichten in Speicher widmet dem 80-Jährigen nun eine Ausstellung. 

Claudio Weder
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Fred Sager vor einem seiner Landschaftsbilder im Hof Speicher. (Bild: Claudio Weder)

Fred Sager vor einem seiner Landschaftsbilder im Hof Speicher. (Bild: Claudio Weder)

Fred Sager wollte eigentlich schon immer mal eine eigene Maschine konstruieren. Verwirklichen konnte der studierte Maschineningenieur seinen Traum aber nur auf dem Papier, in Form theoretischer Modelle. Heute ist Sager 80 Jahre alt. Seinen Lebensabend verbringt er gemeinsam mit seiner Frau Ursula im Altersheim Hof Speicher. Traurig darüber, dass es mit dem Bau seiner Maschine nie so recht klappen wollte, ist der gebürtige Aargauer aber nicht. «Ich kreiere stattdessen nun einfach Bilder», sagt er.

Die Malerei entdeckte Fred Sager schon in früher Kindheit. Erste Bleistiftzeichnungen, so etwa das «Bergkirchli von Arosa», entstanden im Alter von zehn Jahren. Später, als Sager im Berufsleben stand, wurde die Malerei immer mehr zum kreativen Ausgleich, dank welchem er «auch mal die andere Hirnhälfte walten lassen konnte». 150 Bilder sind bis dato entstanden. Eine Auswahl wird ab kommender Woche im Museum für Lebensgeschichten im Parterre des Hof Speicher zu sehen sein.

Adolf Weber als Lehrmeister

Obwohl Fred Sager in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen ist – sein Vater war Inhaber einer Werkstatt für die Fabrikation von Drahtstiften –, unterstützten und förderten seine Eltern seine Leidenschaft für die schönen Künste. «Keine Selbstverständlichkeit in jener Zeit nach dem Krieg», sagt Sager. Neben seiner kunstinteressierten Mutter war es aber vor allem der impressionistische Landschaftsmaler Adolf Weber, der in ihm die Faszination für die Malerei weckte und später zu seinem Lehrmeister wurde. Weber wohnte im selben Dorf, in Menziken, sein Atelier war gleich neben dem Schulhaus. Sager erinnert sich:

«Oft habe ich die Pausen genutzt, um ihn zu besuchen – und kam nachher meist zu spät in den Unterricht.»

In die Ostschweiz kam Fred Sager dann aber erst später. Nach dem ETH-Abschluss mit anschliessender Promotion arbeitete er in leitenden Positionen in der Uhren- sowie Maschinenbauindustrie in Solothurn und Schaffhausen, bevor er 1974 als Dozent und Projektleiter an die HSG berufen wurde. Er zog nach St. Gallen, liess sich am Rosenberg ein grosses Haus nach seinen eigenen Ideen bauen. Parallel dazu machte er sich mit einer Beratungsfirma für KMU selbstständig.

Nicht immer sind es konkrete Motive

Was ihn an der Ostschweiz schon immer fasziniert habe, seien die Landschaften, sagt Fred Sager. Kaum verwunderlich also, dass es gerade die Wiesen, Wälder und Berge zwischen Säntis und Bodensee sind, die seit da immer mehr Eingang in seine Malerei fanden.

Ein Bild vom Alpstein aus dem Jahr 2003. (Bild: Claudio Weder)

Ein Bild vom Alpstein aus dem Jahr 2003. (Bild: Claudio Weder)

Nicht immer aber sind es konkrete Motive, die Fred Sager anfangs mittels Pinsel und Ölfarben, später mit Spachtel und Acryl auf die Leinwand brachte. Gerade in späteren Jahren – nun unter dem Einfluss seines zweiten «Förderers» Krzysztof Pecinski – nahmen seine Landschaftsbilder auch vermehrt abstrakte Züge an.

Und seit dem Jahr 2000 malt Fred Sager fast nur noch Landschaften, die mehrere tausend Lichtjahre von unserem Planeten entfernt sind: Galaxien, Gas-Nebel, Supernovae, Planeten und Schwarze Löcher treten an die Stelle von Bergen, Seen und Wäldern.

Adler-Nebel: eine Interpretation nach einem Foto des Weltraumteleskops Hubble, die für Sager eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Sternentstehungsgebiet hat. (Bild: Claudio Weder)

Adler-Nebel: eine Interpretation nach einem Foto des Weltraumteleskops Hubble, die für Sager eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Sternentstehungsgebiet hat. (Bild: Claudio Weder)

Das Malen von Astrobildern habe ihm eine neue Welt voller Farben und Formen und unvorstellbarer Zusammenhänge eröffnet, sagt Sager, der sich seit seiner Studienzeit für Astronomie und Luftfahrt interessiert. Das Wissen hat er sich selbst angeeignet, wälzte Bücher, besuchte zusätzliche Vorlesungen. Dass er heute alles noch präsent hat, beweist Sager, während er durch die Ausstellung schlendert und dem Besucher die komplexen Zusammenhänge im All zu erklären versucht – natürlich nicht ohne die bescheidene Anmerkung, er wisse das alles ja selber auch nicht so genau, er sei schliesslich kein Astrophysiker.

Die Malerei spendet ihm Trost

Seit 2015 wohnt Fred Sager in einer Dreieinhalbzimmerwohnung im Altersheim Hof Speicher. Eines der Zimmer dient ihm als Atelier. Noch immer malt er Bilder vom Weltall. Als Grundlage dienen ihm meist Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble, die er in Büchern vorfindet und die er nachher nach seiner ganz eigenen Vorstellung interpretiert.

Er brauche die Malerei, sagt Fred Sager. Sie gebe ihm Halt in dunklen Zeiten. Ganz freiwillig ist er nämlich nicht im Altersheim: Im Jahr 2012 erlitt seine Frau Ursula zuhause einen schweren Unfall, ist seither halbseitig gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Das Leben der Familie Sager wurde mit einem Schlag auf den Kopf gestellt. Der Umzug vom geliebten Haus in St. Gallen ins Altersheim nach Speicher wurde bald unumgänglich.

Das Bild «Garnelen-Nebel» entstand unmittelbar nach dem Unfall von Ursula Sager. (Bild: Claudio Weder)

Das Bild «Garnelen-Nebel» entstand unmittelbar nach dem Unfall von Ursula Sager. (Bild: Claudio Weder)

Eine Zäsur, die auch an Fred Sagers Bildern ablesbar ist: Waren seine gemalten kosmischen Landschaften bisher von Ruhe und weichen Farbtönen geprägt, sind es nun vor allem Eruptionen mit dunklen Farben, welche die Bilder dominieren. Die Emotionen sind bei Sager noch immer präsent:

«Genauso fühlte ich mich nach dem Unfall von Ursula. Wie ein Stern, der explodiert und danach seine Leuchtkraft verliert.»

Verarbeitet hat er das tragische Ereignis noch nicht, gibt Sager zu. Wolken hängen immer noch über seinem Himmel. Auch wenn sie heute nicht mehr ganz so düster sind. Und sie sich langsam aber sicher verziehen.

Hinweis: Die Vernissage findet am Samstag um 17 Uhr statt. Die Ausstellung dauert bis 29. Februar 2020.