«Ich fühlte mich nie gestresst»

WILDHAUS. Köbi Hofstetter ist heute auf der letzten Tour. Der Briefträger hat in seiner 47jährigen Tätigkeit einiges erlebt. Die vielen Geschenke, die er in den letzten Tagen erhalten hat, zeugen davon, dass seine Arbeit geschätzt worden ist.

Beatrice Bollhalder
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Heute ist Köbi Hofstetter aus Wildhaus nach 47jähriger Tätigkeit als Pöstler das letzte Mal auf der Tour. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Heute ist Köbi Hofstetter aus Wildhaus nach 47jähriger Tätigkeit als Pöstler das letzte Mal auf der Tour. (Bild: Beatrice Bollhalder)

WILDHAUS. Köbi Hofstetter, im Brüggli aufgewachsen und heute noch dort lebend, ist ein Briefträger der alten Schule. 47 Jahre lang hat er – anfangs nur der Bevölkerung der Gemeinde Wildhaus – bei jedem Wetter Briefe, Pakete und Zeitungen zugestellt. «47 Jahre sind es nun geworden», sinniert Köbi Hofstetter und erinnert sich daran, dass er in seinem ersten Winter einmal gedacht habe, dass er diesen Job nicht länger machen wolle. Er sei an einem Tag, an dem der Neuschnee den Briefträger bei jedem Schritt einsinken liess, auf der Tour im Schönenboden unterwegs gewesen. Mit Rucksack am Rücken, Pöstlertasche vor der Brust und den Ski unter dem Arm – weil er mit den Latten ja nicht fahren konnte, da er immer einsank – habe er sich irgendwann einfach in den Schnee gesetzt. «Damals habe ich gedacht: Nein, das mache ich nicht mehr, das ist zu streng», blickt «Brüggli-Köbi», der bei Jung und Alt unter diesem Namen bekannt ist, heute leicht amüsiert zurück. Irgendwann habe er sich aber wieder aufgerafft und sei weiter auf seiner Tour. Und irgendwann war dann auch der Winter vorbei und die Arbeit wieder etwas «ringer» geworden.

Unterstützung durch Familie

Gelernt hat er die Dienstleistung des Pöstlers nicht, der menschenfreundliche «Schönenbödler» verfügt aber einfach über die richtige Einstellung zu diesem Beruf. Er ist einer, der glücklich ist, wenn seine Kunden zufrieden mit ihm und seiner Arbeit sind. Hie und da gab es ein Schnäpsli auf der Tour, dies bezeugt die Zufriedenheit der Leute.

Eine Ausbildung hat er aber trotzdem genossen. Der Bauernsohn hat nämlich die landwirtschaftliche Fortbildungsschule besucht. Da er anfangs nur als Ablöser tätig war, half er auf dem elterlichen Hof mit. Ausserdem war er als Milchwäger und Ortsagent für eine Versicherung tätig, um den Lohn aufzubessern. 1976 hat er den Betrieb übernommen. 13 Kühe gehörten zum Bestand von rund 30 bis 35 Tieren auf seinem Bauernhof, auf dem Milchwirtschaft und Aufzucht betrieben wurde. Auch Schweine und Geissen belebten den Brüggli-Hof. 1980 hat er dann seine Lisa geheiratet. Ihr und seinen drei inzwischen erwachsenen Kindern hat Köbi Hofstetter zu verdanken, dass er seine Tätigkeit als Pöstler nebst der Arbeit auf dem Hof nie aufgeben musste. Ein Teil der Tiere wurde im Sommer auf der Alp Hintergräppelen gesömmert. «Und da habe ich, auch wenn ein Knecht vor Ort war, täglich nach dem Rechten gesehen». 1986 ist das Wohnhaus im Brüggli teilweise einem Brand zum Opfer gefallen. Nach dem Wiederaufbau haben Hofstetters drei Wohnungen für Feriengäste zur Verfügung gestellt. Um die Geruchsimmissionen zu verringern, habe man damals von den Schweinen auf Schafe gewechselt, erzählt Köbi Hofstetter. Und diese wurden jeweils auf dem Schafberg gesömmert. Klar dass der Besitzer regelmässig zu seinen Tieren auf den Wildhauser Hausberg stieg. Zudem hat er sich in der Kommission der Schaftzuchtgenossenschaft engagiert. Zugute sei ihm gekommen, dass er erst um sieben Uhr Arbeitsbeginn in der Poststelle Wildhaus hatte, so konnte er vorher noch die Wiesen mähen und nachmittags das Heu einbringen. «Meine Familie hat immer tatkräftig mitgeholfen», lobt der ab morgen zu den Rentnern zählende Wildhauser. Und dass er als Rentner einmal keine Zeit haben wird – wie dieser Altersgruppe oft unterstellt wird –, ist in diesem Fall sogar verständlich. Denn Köbi Hofstetter hat in den letzten 47 Jahren einiges nebst seiner Arbeit als Pöstler gemacht, und das wird auch in Zukunft so sein.

Mit dem Auto unterwegs

Aber der Reihe nach. Anfangs hat Köbi Hofstetter als Ablöser den rund 530 Wildhauser Haushalten und noch einmal so vielen Feriendomizilen bei jedem Wetter die Post zugestellt. Im Winter waren es in den ersten Jahren die Ski, auf denen er sich vorwärts- bewegte. Später bekam er ein Auto zur Verfügung gestellt. Mit dem Töffli sei er nur hie und da unterwegs gewesen. In den 47 Jahren hat sich auch bei der Postzustellung einiges geändert. Aber selbst, als die Touren mit einer Stopuhr festgelegt und dem Pöstler weniger Zeit zur Verfügung gestellt worden ist, habe er sich nie stressen lassen. Er hat immer Zeit gefunden, mit den Leuten, die er traf, ein paar freundliche Worte zu wechseln. Er kennt wie kein Zweiter die Wildhauser, aber auch die Ferienhausbesitzer. Die Umadressierung vor drei Jahren hat ihm denn auch kaum zu schaffen gemacht. Er liest einen Namen, ordnet ein Gesicht zu und braucht keine Adresse, um die Sendung ins richtige Fach zu werfen. Auch der geschäftliche Umzug nach Unterwasser – die Post wird seit ein paar Jahren dort sortiert – hat ihn wenig gestört. Er hat ja weiterhin seine Wildhauser Kunden bedienen können. Weder das Wetter noch Hunde haben ihn davon abhalten können, seinen Beruf zu lieben. Anstatt eines Steckens hat er «Hundeguezli» dabei und weiss damit die Vierbeiner zu bestechen. Bestimmt werden auch diese den grosszügigen Pöstler künftig vermissen. Wenn einer seiner Kunden das Haus gerade nicht verlassen konnte, aber ein paar Briefmarken oder eine Vignette benötigt hat, wurde ihm das Gewünschte von Köbi Hofstetter am folgenden Tag ins Haus geliefert. «Das hätte zwar nicht zu meinen Aufgaben gehört», erklärt Brüggli-Köbi, ist sich aber darüber im klaren, dass genau das die Zufriedenheit vieler Kunden ausmacht. Und diese zahlte sich in den letzten Tagen aus. Er ist sehr überrascht, mit wie vielen Geschenken er derzeit überhäuft wird. Das zeigt ihm, dass seine Arbeit und seine fröhliche Art von den Mitmenschen geschätzt werden. Auf der heutigen, endgültig letzten Tour wird er noch viele Dankesworte hören und da und dort auf die Pensionierung anstossen können.

Im Dienst der Allgemeinheit

Seinen Bauernhof hat Köbi Hofstetter vor zwölf Jahren endgültig aufgegeben, nachdem er bereits 1995 den Melkstuhl an den Nagel gehängt und auf Aufzucht umgestellt hatte. Das Land hat er an seinen Nachbarn verpachtet. Ohne Tiere ist der Brüggli-Hof aber auch heute nicht. Im Gegenteil, hier tummeln sich zahlreiche Zwergziegen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hühner und auch Schildkröten. Ein ganzer Streichelzoo also. «Aber einer, der gratis besucht werden kann», erklärt Köbi Hofstetter lachend. Viele Familien mit Kindern kämen hier vorbei und hätten ihre helle Freude an den Tieren. Er geniesst es jeweils, wenn die Geschöpfe ihn richtig umzingeln, wenn es ums Füttern geht. Aber nicht nur für Tiere hat er ein grosses Herz, sondern auch für Vereine und öffentliche Institutionen. So hat er den katholischen Kirchenchor mitgegründet, während 20 Jahren präsidiert und ihn schliesslich auch wieder aufgelöst. «Seitdem singe ich halt im evangelischen Kirchenchor weiter», erklärt er. Auch im Männerchor war seine Stimme gefragt, und während zweier Jahre sang er im Schafbergchörli mit. Zwei Jahrzehnte gehörte Brüggli-Köbi als Vizepräsident dem Kirchenverwaltungsrat an. Genau so lang engagiert er sich auch für die Ortsgemeinde, davon 14 Jahre bereits an vorderster Front als Präsident. Zusammen mit der Alt St. Johanner Ortsgemeinde werden die Alpen Laui-Gräppelen-Mutteli verwaltet. In dieser Verwaltung fallen in den letzten Jahren besonders viele Sitzungen und Besprechungen an, gilt es doch hier alle Alpställe auf Vordermann zu halten. Bei der Politischen Gemeinde hat Hofstetter während vier Amtsperioden der GPK angehört.

Im Garten oder auf dem Berg

Gab es im Leben von Köbi Hofstetter überhaupt noch Zeit für Hobbies? «Ja, klar. Eines davon ist das Gärtnern. Wir sind Selbstversorger. Blumenkohl, Kohlrabi, Randen und Rüebli gedeihen hervorragend», erzählt er stolz. Wenn das Wetter es erlaubt, geht er auch sehr gern einmal z'Berg. Im Alpstein- und im Churfirstengebiet kennt er sich aus. Dann wäre er ja der geborene «Wegwisser», oder? «Nein, Ämtli übernehme ich vorläufig keines mehr. Aber wenn jemand fragt, helfe ich ihm gerne weiter.» Zum Pilzesammeln muss er momentan noch nicht, denn dieser Sommer war eindeutig zu trocken. Dafür hat er einmal mehr eine seiner Ferienwochen dafür eingesetzt, beim Aufbau des «WildesHouse Open Air» an vorderster Front mitzuhelfen. Ist es die Musik, die es ihm angetan hat? «Es macht mir einfach Spass, wenn ich jemandem eine Freude machen kann. Und ein solcher Anlass ist sehr wertvoll für Wildhaus und fürs Toggenburg. Da setze ich mich gerne dafür ein», erklärt er sein unentgeltliches Engagement. Büscheli für den Eigengebrauch, aber auch für den Verkauf, stellt er genauso gern her, wie er in einem Restaurant aushilft, wenn ein vierter für einen Jass gesucht wird. Bei den Teilnehmern von Preisjassen im Tal ist sein Name beinahe gefürchtet, denn er hält immer vorne mit. Im Winter gehört natürlich das Skifahren zu seinen Hobbies, heute allerdings ohne Posttasche und auf der präparierten Piste.

Nachdem er es beruflich nicht weiter als nach Starkenbach geschafft hat, konnte er in den vergangenen Jahren doch noch seinen Horizont erweitern. Kanada, Gran Canaria oder die Türkei waren einige der Ferienreiseziele des Wildhausers.