«Ich dachte, ich erlebe nichts»

Irgendetwas fehlte ihnen zum tiefen Glück: Die Herisauerin Monica Herrsche Uzunyerliler und ihr Ehemann wanderten im Herbst 2012 aus und bauten an der türkischen Ägäis ein kleines Hotel. Das Schweizer Fernsehen hat sie begleitet.

Michael Genova
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Bild: MICHAEL GENOVA

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HERISAU/ALAçAT?. Monica Herrsche Uzunyerliler und ihr Mann Bertan hatten eigentlich alles: einen sicheren Job, eine Wohnung, die Familie in der Nähe. Der türkischstämmige Bertan Uzunyerliler hatte sich bei Huber+Suhner in Herisau hochgearbeitet und leitete zuletzt ein Team mit 25 Mitarbeitern. Trotzdem waren die beiden auf der Suche. «Etwas hat uns gefehlt», sagt Monica Herrsche, «tief im Innern waren wir nicht ganz glücklich.»

Die 41-Jährige ist in Herisau aufgewachsen, machte eine Lehre als Schneiderin, absolvierte das KV und arbeitete danach einige Jahre für ein St. Galler Textilunternehmen. Schon damals plagte sie das Fernweh: «Ich dachte, ich werde nur älter und erlebe nichts.» Mit 30 Jahren wurde sie Reiseleiterin und lernte in einem türkischen Ferienort ihren heutigen Mann kennen, der damals ein grosses Hotel leitete. Sie heirateten und Bertan Uzunyerliler folgte seiner Frau ins Appenzellerland. Die beiden wollten sesshaft werden, eine Familie gründen, doch im Winter sehnten sie sich nach dem warmen Süden. «Die Idee auszuwandern kam nicht von heute auf morgen», sagt Monica Herrsche. Sie hätten davon geträumt, etwas Eigenes zu gründen. Damals sagte ihr Mann: «Wenn wir weggehen, bewerben wir uns beim Schweizer Fernsehen für die Sendung <Auf und davon>.»

Schwerer Abschied

Auch die erste Begegnung mit ihrer heutigen Heimat hat mit dem Fernsehen zu tun. Dort sah Monica Herrsche eine Reportage über Alaçat?, ein Paradies für Kite-Surfer an der türkischen Ägäis – und war begeistert. Während ersten Ferienaufenthalten knüpfte das Ehepaar Kontakte zu Hotelbesitzern und kaufte nach anstrengender Suche ein Grundstück. Der Abschied aus der Schweiz fiel der Herisauerin schwer. «Mein Vater war damals sehr krank», sagt Monica Herrsche. Die Mutter habe ihren Traum zwar unterstützt, andererseits habe sie nicht verstanden, warum die Tochter alles aufgeben wollte.

In der Türkei angekommen, realisierten die frisch Ausgewanderten, worauf sie sich eingelassen hatten. Neun Monate lang begleiteten sie den Bau ihres Boutique-Hotels persönlich und kamen dabei an ihre Belastungsgrenzen. Sie stritten mit den Handwerkern und kämpften mit den Behörden. «Vieles wird versprochen, wenig eingehalten», so Herrsche. An gewissen Tagen habe sie sich gefragt, was sie hier verloren hätten. An anderen Tagen schöpfte sie Mut und sagte sich: «Andere Länder, andere Sitten.» Es waren die Ermutigungen von Freunden und Familie, die ihnen halfen. Am 7. Juli 2013 eröffneten Bertan und Monica Uzunyerliler ihr Hotel und tauften es auf den Namen La Vela.

Warten auf die Gäste

Zurzeit ist in Alaçat? wenig los. In den Wintermonaten sei es im Städtchen ruhig, fast ein wenig langweilig, sagt Monica Herrsche. Trotzdem feierte das Ehepaar Uzunyerliler Weihnachten nicht in der Schweiz. «Wir haben an Weihnachten mit meiner Mutter über Skype angestossen.» Im Moment lebt das Hotel noch hauptsächlich von der Laufkundschaft, und Silvester verspricht im Küstenort traditionell gute Geschäfte. «Wenn wir Gäste haben, geht es uns gut», sagt Monica Herrsche. Weil das Hotel mitten in der Saison fertig wurde, habe die Zeit für eine grosse Werbekampagne gefehlt. Für das neue Jahr hat Herrsche deshalb einen grossen Wunsch: «Gerne möchte ich eine Tafel aufstellen – ich muss sie allerdings noch kaufen.»