Ich bin mir selbst eine grosse Frage geworden

Am Beginn meines Studiums bin ich einmal in einer Vorlesung dem heiligen Augustinus begegnet. Eine ganze Vorlesung wurde diesem Mann gewidmet. Dieser Bischof aus Nordafrika, der die junge Kirche und die Kirche insgesamt mit seinem Denken geprägt hat wie kein anderer.

Michael Nolle
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Michael Nolle Pfarreibeauftragter für Wildhaus und Alt St. Johann (Bild: pd)

Michael Nolle Pfarreibeauftragter für Wildhaus und Alt St. Johann (Bild: pd)

Am Beginn meines Studiums bin ich einmal in einer Vorlesung dem heiligen Augustinus begegnet. Eine ganze Vorlesung wurde diesem Mann gewidmet. Dieser Bischof aus Nordafrika, der die junge Kirche und die Kirche insgesamt mit seinem Denken geprägt hat wie kein anderer.

Dieser Mann, der einen Hunger nach Leben hatte, wie man es von kaum einem anderen in der Kirche zu berichten weiss. Man weiss es, weil er eine Autobiographie hinterlassen hat – die Confessiones – also die Bekenntnisse. Dabei versteht Augustinus Bekenntnis nicht nur so, dass man sich auf die Brust klopft und sich schuldig fühlt. Zuerst will er, wenn er bekennt, die Grösse Gottes bekennen. An einer Stelle schreibt er: «factus eram ipse mihi magna questio – ich bin mir selbst eine grosse Frage geworden».

Er hat in seinen Lehrjahren verschiedenste Lebensentwürfe und Philosophien ausprobiert und die Freuden des Lebens weiss Gott nicht verachtet. Dabei hat er sich auch viele Male verirrt und ist dabei wohl auch schuldig geworden.

Wenn wir nüchtern über uns nachdenken, geht es uns vielleicht auch manchmal so, dass wir dann da so unsere Fragezeichen haben. Wie konntest du den gleichen Fehler, über den du dich schon beim letzten Mal so geärgert hast, wieder machen? Warum sind wir nicht einfach eine bessere Ausgabe unserer selbst oder warum sind wir nicht einfach perfekt? Aber da kommen dann schon wieder die nächsten Fragen: Wer bestimmt eigentlich, was perfekt ist?

Und wer sagt dir dann, wenn du in diese Falle gelaufen bist, dass du einem falschen Ideal von dir selbst nachrennst?

Viel später kam dann der Philosoph Immanuel Kant, der sagte: «Über zweierlei staune ich: über den besternten Himmel über mir und über das moralische Gesetz in mir.» Über das moralische Gesetz staunen, das klingt dem heutigen Hörer vielleicht etwas schräg. Wie kann man bloss staunen, dass man zwischen Gut und Böse unterscheiden kann? Schon wenn wir das Wort Moral hören, meinen wir wohl auch unser Versagen spüren zu können – schon seltsam. Es ist komisch mit dem Menschen: Nur weil er weiss, dass er es immer wieder nicht schafft, geht er heute zwei Irrwege. Er tut so, als ob Moral nur eine Erfindung wäre, um die Gesellschaft stabil zu halten, und also nur für die Dummen, die sich daran halten.

Damit ist er entschuldigt. Oder er verzweifelt gar an seiner Unmoralität. Beides ist schade. Moral ist eben, wie Kant festgestellt hat, nicht nur, dass ich spüre, was falsch und was richtig ist. Wissen wir doch, dass das Richtige oft auch eine gewisse Vorläufigkeit hat, also muss es etwas Dahinterliegendes geben, wir nennen es Wahrheit.

Und hier könnte man auch die Perspektive verändern und sagen: Nicht ich strenge mich nur an, gut zu sein, sondern in diesem Mich-Anstrengen werde ich gezogen von einem Licht, das genauso überirdisch ist wie das Leuchten der Sterne.

Und so schliesst sich der Kreis. Staunen Sie! Und geniessen Sie das Wochenende. Und geniessen Sie sich selbst, trotz aller Fragwürdigkeit oder gerade: in aller Fragwürdigkeit.