«Ich bin kein Entertainer»

WATTWIL/LICHTENSTEIG. Diesen Sonntag feiert Pfarrer Philipp Müller in der evangelisch-reformierten Kirche Lichtensteig seinen ersten Gottesdienst als neuer Seelsorger der Kirchgemeinde. Sein Engagement ist vorerst auf ein Jahr befristet.

Urs M. Hemm
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Philipp Müller ist seit dem 1. Juli für die Ev.-ref. Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg als Pfarrer tätig. (Bild: Urs M. Hemm)

Philipp Müller ist seit dem 1. Juli für die Ev.-ref. Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg als Pfarrer tätig. (Bild: Urs M. Hemm)

Ein wenig nervös sei er, wenn er an seine erste Predigt von kommendem Sonntag vor einer neuen Gemeinde denke. «Haben die Menschen aber erst einmal mich und ich sie ein wenig besser kennengelernt, wird sich das schon legen», ist Philipp Müller überzeugt. Der Theologe aus dem bernischen Kirchberg ist seit dem 1. Juli neuer Seelsorger in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg, zu der Wattwil und Lichtensteig gehören. Er entlastet – vorerst mal für ein Jahr – das Pfarrteam. Dieses sieht sich nach dem Weggang von Tobias Claudy in eine Gemeinde im oberen Toggenburg mit zusätzlicher Arbeit konfrontiert.

Nicht dem Zeitgeist anpassen

Der Wunsch, Theologie zu studieren, sei bereits in der siebten Klasse gewachsen. So habe er denn auch den Matura-Typus A gewählt mit Latein und Altgriechisch sowie Hebräisch im Nebenfach. Sein Vater, der in Kirchberg BE während 37 Jahren als Pfarrer tätig gewesen sei, habe jedoch nicht aktiv auf diese Entscheidung Einfluss genommen. «Ich interessierte mich einfach für theologische Themen und wollte die Liebe Gottes, die ich dadurch erfahren hatte, anderen Menschen weitergeben», sagt Philipp Müller. In einem Zwischenjahr in England habe er dann in einer Kirche auf freiwilliger Basis mitgearbeitet und einerseits festgestellt, dass er die Arbeit mit den Menschen sehr gerne mache. Anderseits habe er gemerkt, dass seine Art, die Botschaft Gottes zu verkünden, auch gut ankomme.

Trotzdem sehe er sich nicht als eine Art Entertainer. «In einer gewissen Weise spielt es sicher eine Rolle, wie man als Pfarrer die Botschaft überbringt. Der Fokus liegt aber eindeutig auf dem Inhalt dieser Botschaft, die man den Menschen weitergeben will», erläutert der 36-Jährige. Sein wichtigstes Anliegen dabei ist, den Menschen zu vermitteln, dass der Glaube nichts Totes, nicht einfach eine Theorie oder eine Philosophie ist. «Im Glauben liegt Kraft, die einen in schwierigen Situationen tragen, führen und auf die man sich verlassen kann.» Dabei sei es ihm zwar wichtig, die Botschaft in die heutige Zeit zu übersetzen. Er lege aber ebenso Wert darauf, dass man die Bibel nicht einfach dem gegenwärtigen Zeitgeist anpasse. «Gewiss hat sich die Art und Weise, wie das Wort Gottes den Menschen zugetragen wird, über die Zeit geändert und wird sich, ja muss sich auch in Zukunft verändern. Das Wort Gottes selbst jedoch, das in Jesus Christus Fleisch und Blut wurde, ist Wahrheit und die Wahrheit ist zeitlos.»

In der Rolle des Zuhörers

«Ein Gottesdienst», sagt Philipp Müller, «soll möglichst viele Sinne ansprechen.» So sei sicher das Wort im Zentrum, er lege jedoch auch viel Wert auf die Kraft der Musik. Dabei kann es vorkommen, dass er selber zur Gitarre greift. Denn neben seiner Vertretung als Pfarrer besucht Philipp Müller eine semiprofessionelle Jazzschule in Bern, die er in einem Jahr abschliessen wird. «Deswegen bin ich froh, dass ich zurzeit eine niedrigprozentige Anstellung habe. Nach dem Abschluss werde ich aber eine höherprozentige Stelle als Pfarrer suchen.»

Für seine Gottesdienste nehme Philipp Müller in der Regel Bezug auf Bibeltexte. Er thematisiere aber auch aktuelle Problemstellungen, wenn es sich anbiete. «Wichtig für mich ist dann die Entscheidung, worauf ich abziele, welches Hauptanliegen ich den Gottesdienstbesuchern mitteilen will», erläutert Müller. Die Predigt selbst notiere er sich nur stichwortartig, weshalb er vor den Gottesdiensten jeweils Sprechproben für sich mache, damit er möglichst frei reden könne. «Dabei versetze ich mich auch in die Rolle des Zuhörers und überprüfe, wie dieser die Worte erlebt und wahrnimmt.» Zudem sei es ihm wichtig, immer auch einen Kommentar oder Text einer aussenstehenden Person mit einzubeziehen, damit auch andere Meinungen und Inputs einfliessen und so nicht «alles auf meinem Mist gewachsen ist». Natürlich mache er sich im Verlauf dieses Prozesses bereits auch Gedanken zur Musik, die den Gottesdienst begleiten soll. Am Sonntag, direkt vor dem Gottesdienst, achte er darauf, beizeiten in der Kirche zu sein. «Dort kann ich mich noch einmal mit allen Beteiligten in Ruhe absprechen und habe dann noch ein paar Minuten Zeit, in denen ich mich entspanne und bete», sagt Philipp Müller. Im Bewusstsein, sich gut vorbereitet zu haben, könne er dann einigermassen ruhig vor die Gemeinde treten.

Kraft aus der Familie

Neben dem Glauben tankt Phillipp Müller auch Kraft bei seiner Frau, seinen Freunden und Bekannten. «Ein stabiles Umfeld, auf das man sich verlassen kann, ist sehr wichtig», sagt er. Entspannung findet er in seiner Musik und in Büchern. «Ich lese gerne Fantasyromane, beschäftige mich aber auch mit Fachbüchern zu Themen wie Wirtschaft, Ernährung oder Psychologie.» An schönen Tagen ist Philipp Müller auch mal mit seinen Wanderschuhen anzutreffen, Klettern und Windsurfen kämen jedoch in letzter Zeit zu kurz.

«Vor allem möchte ich nun aber so schnell wie möglich meine Mitarbeitenden und vor allem die Gemeindemitglieder besser kennenlernen. Darauf und auf meine Arbeit in der Kirchgemeinde freue ich mich sehr.»

Gottesdienst zum Thema «Freude im Leid», Sonntag, 19. Juli, 9.40 Uhr, in der evangelisch-reformierten Kirche Lichtensteig