«Ich bin an einem Sonntag geboren»

Franz Bollhalder ist in Alt St. Johann geboren, zur Lehre gegangen und hat sich später als Gemeindeammann der Gemeinde Alt St. Johann für die Bevölkerung eingesetzt. Heute geniesst der Pensionär seine Freizeit. Am liebsten in der Natur oder beim Jassen mit Kollegen.

Christiana Sutter
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Franz Bollhalder im Büro seines Hauses im Dörfli Alt St. Johann. (Bild: Christiana Sutter)

Franz Bollhalder im Büro seines Hauses im Dörfli Alt St. Johann. (Bild: Christiana Sutter)

ALT ST. JOHANN. Auf dem Fenstersims vor dem Bürofenster sitzt die Hauskatze. Im Innern des Büros hängen Auszeichnungen, Diplome und Fotos der sieben Enkelkinder. An der Wand ein Regal mit Ringordnern. Hier drinnen arbeitet ein aktiver Mensch.

Franz Bollhalder kommt pfeifend die Treppe herunter. Braungebrannt mit seinen weissen Haaren strahlt er Weisheit aus. Der 74-Jährige bewegt sich geschmeidig. Das sei nicht immer so gewesen, sagt er einen Moment später in seinem Büro. «Wegen einem Geburtsgebrechen, das vor dem 20. Lebensjahr diagnostiziert wurde, konnte ich nicht meinen Traumberuf Bauer erlernen.» Franz Bollhalder ist im Gubel, oberhalb Alt St. Johann zusammen mit einem Bruder aufgewachsen. Er war 4jährig, als er seinen Vater, der Bergbauer war, verlor. Die Mutter musste die beiden Knaben alleine aufziehen. «Ich ging acht Jahre in die Primarschule nach Alt St. Johann», erzählt er weiter. Der Lehrer hat der Mutter empfohlen, Franz in die Sekundarschule zu schicken. «Ich wollte aber nicht», sagt er mit einem Schmunzeln.

Klares Berufsziel

Franz Bollhalder lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, verschränkt die Hände im Schoss und erzählt, dass er trotz der fehlenden Sekundarschule einen Beruf erlernen wollte und natürlich musste. Trotz der Hüftarthrose habe er nach der Schulzeit die Landwirtschaftliche Schule in Flawil besucht. Er stellte aber fest, dass er sich wohl oder übel beruflich anders orientieren musste. Die Sekundarschule absolvierte er danach im Winter in der Bénédict Schule in St. Gallen. Ganz nach dem Motto, das ihm die Mutter schon früh auf den Weg mitgab, gestaltete er seine Zukunft. «Sie sagte mir, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.»

Das war der Beginn seiner beruflichen Laufbahn. In Alt St. Johann konnte der damals 18jährige eine Verwaltungslehre beginnen. «Bereits von Beginn weg sahen meine Lehrmeister in mir eher einen Angestellten als einen Lehrling.» Sein Berufsziel hatte er damals schon klar definiert. Nach der Lehre bildete er sich weiter zum Grundbuchverwalter und erwarb anschliessend auch noch das St. Gallische Patent als Rechtsagent.

Pragmatisch und einfach

Während der Jugendzeit konnte er seine Hobbies noch nicht ausleben. «Mir war bewusst, dass die Zeit noch kommen werde.» Seine berufliche Laufbahn setzte er nach Abschluss der Kaufmännischen Lehre für drei Jahre in Buchs als Adjunkt der Grundbuchverwaltung fort. «1967 kam ich zurück nach Alt St. Johann. Dort wurde ich zum Gemeindeschreiber gewählt.» 1970 wurde er 31jährig von der Bevölkerung zum Gemeindeammann der Gemeinde Alt St. Johann mit einem 50 Prozent Pensum, gewählt. «Nebst mir beschäftigte die Gemeinde noch drei weitere Mitarbeiter und zwei Lehrlinge.» Er denkt kurz nach und sagt: «Früher war es sicher noch einfacher, eine Gemeinde zu führen. Heute ist der Formalismus in einer Verwaltung sehr hoch.» Er erinnert sich und erzählt weiter, dass das Führen der Gemeinde eine grosse Befriedigung war. «Die Tätigkeit in der Öffentlichkeit konnte aber auch eine grosse Belastung sein.» Für Franz Bollhalder war klar, dass er immer im Interesse des Bürgers handelte und nach einfachen, pragmatischen Lösungen suchte.

Nebst der Tätigkeit als Gemeindeammann, war der heute 74-Jährige zu 50 Prozent Verwalter der Raiffeisenbank in Alt St. Johann. Diese beiden Tätigkeiten führte er zusammen bis 1992 aus. Von 1972 bis 1992 war Franz Bollhalder auch CVP-Kantonsrat. «Für mich war sehr wichtig, die Anliegen der Gemeinde und der Region im Kanton zu vertreten.» Nach seinem Rücktritt als Gemeindeammann übernahm er die Verwaltung der Raiffeisenbank bis zu seiner Pension am 1. Januar 2004 zu 100 Prozent. «Wenn ich zurückdenke, konnte ich während meiner beruflichen Zeit einiges für die Bevölkerung in der Gemeinde bewegen», sagt der rüstige Pensionär. Ein grosses Anliegen sei ihm die Bereitstellung und der Weiterausbau der Infrastruktur, wie Aus- und Neubau der Gemeindestrassen, der Ausbau der Wasserversorgungen, die Abwassersanierung und der Neubau der Kläranlage in Stein, gewesen. Als Mitglied des Initiativkomitees für den Bau der Chäserruggbahn konnte er mithelfen, ein touristisches Zeichen zu setzen.

Freiwilliger Helfer

Franz Bollhalder ist leidenschaftlicher Skifahrer und immer noch interessiert an der Weiterentwicklung der Region. Daher sieht er eine Erhöhung der Förderleistung auf den Chäserrugg als eine Notwendigkeit. «Ich war auch bei der Erstellung der Tennishalle in Unterwasser involviert.» Etwas, worauf er auch zurückschauen kann, ist die Renovation und der Ausbau des damaligen Bürgerheims. «1988 haben wir das Bürgerheim im Horb saniert. Damals ging es Richtung Seniorenzentrum. Heute ist es ein Alters- und Pflegeheim. «Noch heute besuche ich ab und zu die Bewohner.» Er lächelt, man sieht Franz Bollhalder an, dass dies eine Tätigkeit ist, die ihm Freude bereitet.

Ein weiteres Hobby das er nicht missen möchte, ist das Singen. Seit der Gründung des Churfirstenchörlis 1985 ist er aktiver Sänger und Jodler. «Das Sing-Gen habe ich von meiner Mutter in die Wiege gelegt bekommen.» Sie sei eine Huber vom Burst gewesen. Das «Johlen» und Singen habe er immer als Ausgleich zu seiner Tätigkeit angeschaut. «Und», wie er sagt, «ist es ein Teil der Toggenburger Kultur.» Da versteht es sich von selbst, dass sich Franz Bollhalder auch aktiv für die Klangwelt einsetzt. Seit Beginn vor zehn Jahren ist er Mitglied der Rechnungskommission. «Am Naturstimmen-Festival engagiere ich mich jeweils als freiwilliger Helfer.»

22 Berggipfel im Sommer

Er schaut kurz auf die Uhr. «Meine Frau Vreni ist in Unterwasser am Tennisspielen. Das ist nicht so mein Ding.» Eine Sportart, die Vreni und Franz Bollhalder zusammen ausüben, ist das Velofahren im Frühling. Die Bewegung sei ihm sehr wichtig, sagt Franz Bollhalder. «Denn ich bin ein Bewegungsmensch.» Jede Jahreszeit habe für ihn eine bestimmte Sportart auf Lager. Im Sommer sei es das Bergwandern. «Da kommt meine Frau etwas weniger mit. Sie liebt es vielmehr, zügig auf den Wanderwegen im Tal zu laufen. Für mich müssen es die Berggipfel in meiner Umgebung sein, die ich besteige.» Franz Bollhalder hat sich für dieses Jahr zum Ziel gesetzt, 22 Berggipfel in der Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann zu erklimmen. «Auf 16 Gipfeln war ich bereits.»

Jeden Tag nehmen, wie er ist

Dass er überhaupt so aktiv sein kann, verdankt er seiner guten Gesundheit, aber auch seiner Frau Vreni, mit der er bereits seit 44 Jahre verheiratet ist. «Während meiner Berufszeit hat sie die drei Knaben grossgezogen und mir so den Rücken für meine Tätigkeiten freigehalten und sie hält das Eigenheim im Dörfli innen und aussen im Schuss.» Auch jetzt sei sie die gute Seele in der Familie. Wenn die sieben Grosskinder zu Besuch kommen, sei es selbstverständlich, dass sie sich um die Kinder kümmere. «Mit den Grösseren gehe ich jedoch gerne auf die Ski oder wie letzthin wandern, auf den Wildhauser Gulmen.» Wenn er nicht gerade z'Berg geht, trifft man ihn in irgend einem Wald beim «Böschele» an. Nebst Heuen und Emden an steilen Hängen in der Gemeinde, ein weiteres Hobby. «Diese <Böscheli> brauche ich zum Einfeuern meines Kachelofens.» Ist es einmal nasses Wetter, trifft man Franz Bollhalder beim Jassen an. «Das kann ich mit meinen Kollegen gut und gerne einen ganzen Nachmittag lang», sagt er amüsiert. Er wird ganz andächtig und seufzt, dennoch lächelt er. «Ich versuche jeden Tag zu nehmen, wie er ist, immer frohen Mutes und vorausschauend. Denn ich bin an einem Sonntag geboren.»

Druck (Bild: CHRISTIANA SUTTER)

Druck (Bild: CHRISTIANA SUTTER)

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