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«Ich arbeitete fast die ganze Woche durch» - Appenzellerin über ihren Einsatz im Krisengebiet

Anigna Waldegg stand neun Monate lange mit «Ärzte ohne Grenzen» in einem sudanesischen Krisengebiet im Einsatz. Im Interview erzählt die in Appenzell wohnhafte Bündnerin, wie sie den Einsatz erlebte und warum sie Backpulver im Gepäck hatte.
Interview: Claudio Weder

Anigna Waldegg, Sie sind seit 2016 im Pflegenden-Pool von «Ärzte ohne Grenzen»/«Médecins Sans Frontières» (MSF) und haben bereits zwei mehrmonatige humanitäre Einsätze hinter sich. Was treibt Sie an, Menschen in der Not zu helfen?

Ich bin schlecht im Akzeptieren von Ungerechtigkeiten – und das, was momentan auf der ganzen Welt passiert, ist mehr als ungerecht. Als gelernte Pflegefachfrau habe ich das Privileg, einen Beruf ausüben zu dürfen, der mir die Möglichkeit gibt, anderen Menschen zu helfen. Die Arbeit mit «Ärzte ohne Grenzen» gibt mir die Möglichkeit, dies auch auf der ganzen Welt zu tun. Das ist toll. Natürlich ist da aber immer auch ein Stück Abenteuer- und Reiselust sowie ein Interesse für andere Kulturen mit dabei.

Ihr letzter Einsatz, von dem Sie erst kürzlich zurückgekehrt sind, führte Sie in ein Flüchtlingslager im sudanesischen Bundesstaat Ost-Darfur. Wie intensiv war der Einsatz?

Im Vergleich zu meinem vorangehenden MSF-Einsatz im Libanon war der Einsatz im Sudan um einiges intensiver. Teils arbeitete ich fast die ganze Woche durch, Freizeit hatte ich nur sehr wenig.

Sie arbeiteten dort in einem medizinischen Camp, das MSF im Juli 2017 ins Leben gerufen hat (siehe Kasten). Was waren Ihre Aufgaben?

Mir oblag die Hauptverantwortung für den Pflegebereich. Meine Aufgaben waren vor allem administrativer Art: Ich verfasste Arbeitspläne oder kontrollierte die Einhaltung der Hygienevorschriften. Auch war ich für unsere eigene kleine Apotheke verantwortlich.

Sie hatten also gar nicht oft mit den Patienten selber zu tun?

Nein, ich stand nur dann am Patientenbett, wenn es etwa um Qualitätskontrollen ging.

Vor Ihren Einsätzen mit MSF arbeiteten Sie in verschiedenen Schweizer Spitälern als Pflegefachfrau. Wie unterscheidet sich die Schweiz vom Sudan hinsichtlich der Krankenpflege?

Im Sudan läuft es ganz anders als bei uns in der Schweiz. Das, was wir hierzulande unter Pflege verstehen, übernehmen im Sudan die Angehörigen der kranken Person. Das medizinische Pflegepersonal übernimmt die sogenannte Funktionspflege. Dazu gehört etwa das Verabreichen von Medikamenten oder Legen von Infusionen. Ein weiterer Unterschied: Das hierarchische Verhältnis zwischen Ärzten und Pflegenden ist viel stärker ausgeprägt.

Umso stärker wohl noch, wenn es sich bei den Pflegenden um Frauen handelt – schliesslich regiert im streng muslimischen Sudan das Patriarchat.

Das stimmt. Ich habe mich aber bereits im Voraus mit der Frage auseinandergesetzt, was es wohl bedeutet, in einem solchen Land Frau zu sein. Wir wurden diesbezüglich auch gut informiert, auch was die Kleidung betrifft. Die Hierarchie spürte ich allerdings nicht wirklich. Dies war vor allem meiner Position als Stationsleiterin geschuldet.

Wo lebten Sie während Ihres Einsatzes?

Unser Wohncamp lag gleich neben dem Spital. Wir lebten dort in Rundhütten, sogenannten Toukouls. Ich teilte eines mit einer Hebamme. Im Innern fanden sich ein Plastiktischlein, zwei Betten, zwei Moskitonetze sowie ein Schrank. Im Camp gab es zudem zwei Toiletten sowie zwei Duschen im Freien, die wir uns mit 25 weiteren Mitarbeitenden – Ärzten und Pflegenden – teilen mussten. Das Projekt existiert erst seit einem Jahr, und folglich ist vieles noch im Aufbau. Die medizinische wie auch die technische Ausstattung des Spitals werden immer besser, ebenso die Wohnsituation der Mitarbeitenden.

Wie gut kamen Sie mit diesen Lebensbedingungen zurecht?

Ich habe nichts anderes erwartet. Folglich konnte mich einigermassen gut damit zurechtfinden. Was ich allerdings nicht gedacht hätte: dass das Sozialleben aussen vor bleiben wird. Normalerweise arbeitet man bei den Einsätzen mit MSF mit verschiedenen Leuten zusammen – meist 24 Stunden lang. Es ist wie eine kleine Familie. Bei meinem Einsatz im Sudan war das anders: Dadurch, dass wir – das heisst: mein Team, zu dem drei Kenianer, eine Armenierin sowie ein Schweizer gehörten – an verschiedenen Standorten arbeiteten, sahen wir einander nur sehr selten.

Sie hatten Backpulver und Hefe im Gepäck, weil Backen gegen Moralkoller helfen soll. Kamen Sie überhaupt zum Backen?

Nein (lacht). Ich war zu erschöpft. Zudem war Freizeit sowieso Mangelware. So beschäftigte ich mich vor allem mit Schlafen oder habe mir mal einen Film angeschaut. Jede 6. bis 7. Woche durften wir allerdings für ein Wochenende in die Hauptstadt Khartum verreisen, jeden dritten Monat bekamen wir eine Woche Ferien.

Gab es mal eine Phase, an der Sie ans Aufgeben dachten?

Ja. Mein Arbeitskollege war zu dieser Zeit in den Ferien, konnte dann aber nicht zurückkehren wegen der Unruhen in der Hauptstadt. Das hiess: Ich war fünf Wochen alleine für die ganze Pflege verantwortlich. Dazu bin ich noch krank geworden. Da hatte ich eine rabenschwarze Woche. Aber ehrlich – aufgegeben hätte ich trotzdem nie (lacht).

Nun sind Sie zurück: Wie lautet Ihr Fazit?

Ich habe fachlich viel dazu gelernt: etwa, wie man organisiert oder in der Hektik den Überblick behält. Zudem habe ich viele offene, herzliche und gastfreundliche Menschen kennen gelernt. Auch habe ich gelernt, das wertzuschätzen, was wir hier in der Schweiz haben.

Wann folgt der nächste Einsatz?

Ich werde in absehbarer Zeit keinen weiteren MSF-Einsatz absolvieren. Ich will nun länger in der Schweiz bleiben, um hier wieder Fuss zu fassen. Ich habe während meines Einsatzes im Sudan gemerkt, wie sehr ich die Arbeit am Patienten selber brauche. Mitte März beginne ich daher eine neue Stelle auf der Notfallstation in Winterthur – bis ich herausgefunden habe, wie ich meine beiden Welten, das Leben hier und das Leben in der weiten Welt, geschickt kombiniere.

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