«Hungsüügl» und «Hebschtenzian»: Zsuzsanna Berdán erforscht in ihrer Doktorarbeit das botanische Volkswissen der Innerrhoder Bergbauern

Die Ethnobotanikerin Zsuzsanna Berdán will in ihrer Dissertation die Rolle von Pflanzen im Alltag der Innerrhoder Bergbauern untersuchen. Während vier Monaten betrieb sie Feldforschung im Alpstein.

Claudio Weder
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Zsuzsanna Berdán sammelt und herbarisiert für ihre ethnobotanische Studie 280 verschiedene Pflanzenarten, die im Alpstein vorkommen.

Zsuzsanna Berdán sammelt und herbarisiert für ihre ethnobotanische Studie 280 verschiedene Pflanzenarten, die im Alpstein vorkommen.

Bild: PD

Was wissen die Innerrhoder Bergbauern eigentlich über die heimische Pflanzenwelt? Welche Bedeutung haben Pflanzen und Pilze in ihrem Alltag? Diesen Fragen will die Ethnobotanikerin Zsuzsanna Berdán in ihrer Doktorarbeit nachgehen. «Mein Ziel ist es, ein möglichst klares Bild über die Beziehung zwischen den Innerrhoder Bauern und der Natur zu erhalten», sagt sie. Dabei erhofft sie sich, an Wissen zu gelangen, das in keinem Buch geschrieben steht.

Dass die gebürtige Ungarin gerade den Alpstein als Forschungsgebiet wählte, hat nicht nur damit zu tun, dass dieser einen «Katzensprung» von ihrem Wohnort Rebstein entfernt liegt. «Für die Bauernkultur habe ich mich schon immer interessiert», sagt die 34-Jährige. Dasselbe mit den Pflanzen. Aufgewachsen ist Berdán in Keszthely, einer Kleinstadt am Ufer des Plattensees. Dort arbeitete sie als Ethnologin in einem Museum, bevor sie vor neun Jahren in die Schweiz kam. Diese Tätigkeit hier weiterzuführen, sei jedoch schwierig, gibt sie zu. Ihr Geld verdient sie momentan als Musiklehrerin, an der Dissertation arbeitet sie in ihrer Freizeit.

Bauern kennen im Durchschnitt 36 Arten

Seit 2016 wird Berdáns Forschungsprojekt von einer Professorin am Institut für Systematische und Evolutionäre Biologie der Universität Zürich betreut. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildeten Gespräche mit mehreren Hobbygärtnern, Bauern oder Naturheilpraktikern aus der Ostschweiz. «In dieser kleinen Vorstudie haben sich besonders die Gespräche mit den Appenzeller Bauern als fruchtbar erwiesen», sagt Berdán.

«Mir fiel auf, dass diese über ein authentisches, traditionelles und fast einheitliches Wissen über die heimische Pflanzenwelt verfügen.»

Eine These, die sich im Laufe ihrer Recherchen bestätigte. Zwischen Januar und April 2017 führte Zsuzsanna Berdán Interviews mit 56 Innerrhoder Bergbauern (davon 46 Männer und 10 Frauen) durch. In den Gesprächen bat sie die Teilnehmenden, alle ihnen bekannten Pflanzen und Pilze frei im Dialekt aufzuzählen. Mit einigen Bauern führte sie noch zusätzlich Bildbetrachtungsrunden durch, bei welchen sie ihnen 35 in der Region vorkommende Pflanzen und Pilze zeigte.

Die Auswertungen haben ergeben: «Die Bergbauern kennen ihre natürliche Umwelt relativ gut. In den Interviews wurden insgesamt 280 verschiedene Arten genannt. Im Durchschnitt waren es 36 Arten pro Interview.» Wobei die Anzahl Nennungen von der Zeit, dem Wissen und dem Interesse abhing:

«Einer der Befragten war botanisch besonders interessiert. Er konnte 140 verschiedene Pflanzenarten aufzählen.»

Am meisten wurden die Hahnenfussgewächse erwähnt, gefolgt von dem Ampfer, der Fichte und den Enzianen, so Berdán. Ihre Erklärung: «Alle diese Pflanzen sind für die Bauern sichtbar, sie wachsen überall, im Tal oder auf der Alp. Andererseits haben die Bauern zu allen diesen Pflanzen einen Bezug. Sie sind entweder Unkräuter oder Nutzpflanzen.»

Eine Pflanze zu kennen, heisse aber nicht nur ihren Namen zu kennen, führt Berdán weiter aus. «Meist nannten die Befragten in den Gesprächen auch Zusatzinformationen wie Farbe, Form, Geruch oder die Lebensräume der Pflanzen.» Es zeige sich:

«Ihr Wissen beziehen die Bergbauern nicht nur aus dem Buch, sondern lernen es vorwiegend aus dem Leben.»

Berdán will in ihrer Arbeit das spezielle Volkswissen der Innerrhoder Bauern dokumentieren. Neben spezifischen Verwendungsarten – als Heilpflanzen, Baumaterialien oder Nahrungsmittel – interessiert sich die Forscherin etwa auch für die volksbotanische Klassifikation. Diese funktioniere ähnlich wie die wissenschaftliche, sei aber noch viel komplexer, sagt sie. «Meist verwenden die Innerrhoder Bergbauern sprechende Namen», sagt Berdán.

Das heisst: Sie beschreiben mit ihren individuellen Bezeichnungen die Farbe der Frucht oder Blüte (Goldblueme, Tinteblüemli), die Form oder Grösse (Stängelenzian, Rossampfere), die Blütezeit (Hebschtenzian, Oschtereblueme), den Geschmack (Suumöpsli, Hungsüügl) oder andere Charaktereigenschaften der Pflanzen (Sonnwendlig, Beestöck). «Bei manchen volkstümlichen Namen war es aber gar nicht so einfach, den Hintergrund ausfindig zu machen», sagt Berdán. So zum Beispiel beim Guggäs Chäs und Brot (Wald-Sauerklee) oder beim Täghüffeli (Hagebutte).

Buch über den Alpstein geplant

Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. Zur Zeit arbeitet Zsuzsanna Berdán daran, alle 280 in den Interviews genannten Arten zu herbarisieren. Im nächsten Sommer will sie ihre Recherchen in den Ost-Karpaten weiterführen. «Diese Region ist aufgrund des ähnlichen Klimas und ähnlichen Pflanzenvorkommen gut mit Appenzell Innerrhoden vergleichbar.» Die Ethnobotanikerin hofft, dass durch diese vergleichende Analyse letztlich auch ein Wissensaustausch über die Grenzen hinweg stattfindet: «Die Bauern im Osten können dabei etwas von den Bauern im Westen lernen – und umgekehrt.»

Das im Rahmen des Projektes gesammelte Pflanzenwissen der Appenzeller Bergbauern will Zsuzsanna Berdán irgendwann in Form eines Buches veröffentlichen. Doch vorerst wartet die Dissertation darauf, fertig geschrieben zu werden.

Was ist Ethnobotanik?

Die Ethnobotanik ist ein Teilbereich der Ethnologie (Völkerkunde), der die Beziehungen zwischen Menschen, sozialen Gruppen und der Pflanzenwelt untersucht. Ethnobotanische Studien werden bevorzugt in Gebieten mit hoher Biodiversität durchgeführt. Hierbei wird in traditioneller Weise das Leben indigener Völker (Naturvölker, traditionale Kulturen) untersucht, indem Ethnobotaniker mit deren Angehörigen leben und bei ihnen die Verwendung von Pflanzen studieren. (wec)

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