Hungertod bedroht Genuss

Brosmete

Alex Baumann
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Früher gab es Hungernde und Essende, heute gibt es Vegetarier, Veganer, Flexitarier, Frutarier, und neuerdings Insektarier. Essen ist mit der einfachen Verfügbarkeit von Lebensmitteln aus aller Welt sehr kompliziert geworden. Vorbei die Zeiten, als Joe E. Lewis auf der Bühne noch ungestraft sagen durfte: «Ich habe eine Diät gemacht und fettem Essen und Alkohol abgeschworen – in zwei Wochen verlor ich vierzehn Tage.» Früher gab es Dünne und Dicke, heute nennt man sie Hungerkünstler und Leute mit Sättigungsdefizitsyndrom (SDS). Früher verteidigte man in Glaubenskriegen seine Religion, heute seinen Lifestyle. Getrieben von akuter Gedankenbulimie wird geistige Rohkost in den sozialen Medien unzerkaut wiedergegeben. Fotos vom selbst zubereiteten Wirsing-Carpaccio (#foodporn#) lassen alle an der kranialen Darmspiegelung teilnehmen (#privileged#). Nirgends ist der Konflikt hitziger als beim Thema Fleisch. Eingefleischte Karnivoren stehen fundamentalistischen Pflanzenfressern, den sogenannten Salatisten, gegenüber. Darf man Tiere essen und falls ja, wie bringt man sie glücklich an den Haken? Leider sind sich das Schwein und der Mensch nur selten über die Garstufe einig. Idealerweise würden nur noch Tiere mit suizidaler Absicht verwertet, doch der Rücklauf an lebensmüden Schweinen war bisher enttäuschend. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Biotechnik, wenn wir den Schweinen hinkünftig Gene von Lemmingen oder Sonnentemplern verpflanzen können, dass sie sich alsbald massenhaft freiwillig ins Messer stürzen. Oder noch besser, wir integrieren Stotzen-DNS in Gemüse, dass die polnischen Gastarbeiter gleich das komplette Spargelschinkenmenü stechen können. Kaizen pur. Bei soviel Ideologie auf den Tellern ist der Genuss höchstens noch Beilage. Dabei ist alles doch so einfach: Wer sich mit 100 noch ungesund ernährt, wird nicht alt werden.

Alex Baumann

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