HUNDWIL: Das Luusmeitli bleibt auf der Höhi

Manche sagen, die Hundwiler Höhi sei ein Kraftort. Aber an diesem späten Freitagmorgen zehrt der Aussichtsberg an den Kräften der Wanderer. Der Sommer ist über das Appenzellerland gekommen. Nur im Wald ist die Hitze auszuhalten.

Michael Genova
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Stammgäste auf der Hundwiler Höhi: Sie halten auch nach dem Tod von Wirtin Marlies Schoch an ihren Gewohnheiten fest. (Bild: mge)

Stammgäste auf der Hundwiler Höhi: Sie halten auch nach dem Tod von Wirtin Marlies Schoch an ihren Gewohnheiten fest. (Bild: mge)

Manche sagen, die Hundwiler Höhi sei ein Kraftort. Aber an diesem späten Freitagmorgen zehrt der Aussichtsberg an den Kräften der Wanderer. Der Sommer ist über das Appenzellerland gekommen. Nur im Wald ist die Hitze auszuhalten. Dort schimmert die Sonne durch die Baumwipfel und taucht die moosbewachsenen Nagelfluhwände in ein sanftes Licht. Der letzte Aufstieg zur Höhi ist die Hölle. Die einzige Hoffnung sind die rotgelben Sonnenschirme, die in der Ferne ein kühles Bier ankündigen.

Lebendige Erinnerung

Vor dem Bergrestaurant Hundwilerhöhe sind nur drei Tische besetzt. Ein braungebrannter Wanderer mit verspiegelter Sonnenbrille und Muskel-Shirt isst einen Schüblig mit Chäshornli. Am Nachbartisch erzählt ein Mann seinen zwei Begleitern die Geschichte von Marlies Schoch. Die in der ganzen Schweiz bekannte Höhi-Wirtin ist vor zwei Monaten im Alter von 75 Jahren gestorben. Sogar nationale Zeitungen veröffentlichten Nachrufe und erinnerten daran, wie Schoch in ihrer Gaststube mit Bundesräten debattierte und immer wieder Aussenseiter bei sich aufnahm.

In der Küche steht Mirlinda Fazliu am Kochherd und nimmt Bestellungen entgegen. Sie arbeitet seit 14 Jahren auf der Hundwiler Höhi und hält nun die Stellung. Es vergehe kein Tag, an dem sie mit Besuchern nicht über Marlies Schoch rede. Einsam fühle sie sich nur, wenn keine Gäste kommen. «Dann hilft mir das Bild», sagt Fazliu und zeigt auf ein riesiges Porträt von Schoch, das im hinteren Teil der Bergbeiz hängt. Viele Stammgäste halten an ihren Gewohnheiten fest. Sie wandern auch nach dem Verlust ihrer Wirtin auf ihren Berg. Viele einmal pro Woche zu einer festen Zeit.

Die Aussicht von der Hundwiler Höhi ist legendär. An diesem Sommertag verschwinden Kronberg und Säntisgipfel jedoch im Dunst. Es ist ruhig. Nur aus der Ferne hört man ab und zu ein dumpfes Grollen. Es sind die Schützen vom Schiessplatz Gonten. Die Appenzeller Hügel zeigen sich zur Abwechslung in einem Schachbrettmuster: hell, dunkel, hell. Auf den hellgrünen Flächen fahren die Aebi-Transporter der Bauern. Sie bewegen sich wie rote Ameisen zwischen den Heuhaufen.

Wie eine Wallfahrt

Im Schatten eines grossen Baumes sitzt Pia aus Andwil mit ihrem Cousin und dessen Frau. Ihr Nachname spiele keine Rolle, sagt sie. «Man kennt mich hier oben.» Pia steigt seit Jahren zwei- bis dreimal pro Woche auf die Hundwiler Höhi. «Das ist wie eine Wallfahrt.» Und wenn sie ankomme, stehe schon der Kaffee und das Glas Wasser auf dem Tisch für sie bereit. Und wie fühlen sich die Besuche auf der Höhi an, seit Marlies Schoch nicht mehr in der Gaststube auf sie wartet? Pia lacht und sagt: «Sie ist schon noch da, dieses Luusmeitli!»