Hund, Katze und Mediator

Die beiden kantonalen Appenzeller Tourismusorganisationen wollen eine Mediation einleiten. Ein Verfahren, das in Wirtschaft, Verwaltung und im Privatbereich an Bedeutung gewinnt. Eine erfahrene Mediatorin ist die Herisauer Gemeinderätin Annette Joos.

Patrik Kobler
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herisau. Nach der Auflösung der gemeinsamen Marketingorganisation per Ende des letzten Jahres haben sich die beiden verkrachten kantonalen Appenzeller Tourismusorganisationen zu einer Mediation entschlossen. Ein Verfahren, das sowohl in der Wirtschaft und Verwaltung als auch im Privatbereich zunehmend an Bedeutung gewinnt – auch aufgrund der neuen Schweizerischen Zivil- und Strafprozessordnung. Die Kantonsrätin und Herisauer Gemeinderätin Annette Joos ist seit 15 Jahren in diesem Bereich tätig.

Mediation bezeichnet sie als ein aussergerichtliches Konfliktlösungsverfahren.

Bei einer Mediation wird nicht auf einen einfachen Kompromiss hingearbeitet. Vielmehr werden entsprechend den Bedürfnissen der Beteiligten ganz verschiedene Lösungsmöglichkeiten entwickelt. Wobei die Lösung nie vom Mediator aufgezeigt wird. Sie stammt immer von den Beteiligten.

Deshalb sollte jeder Verhandlungspartner in der Lage sein, die eigenen Interessen in der Gesprächssituation zu vertreten.

Brücke bauen

Der Mediator nimmt laut Annette Joos eine neutrale Rolle ein. Als Ausserrhoderin würde sie deshalb den Tourismus-Fall nicht übernehmen. Sie hält sich auch mit Einschätzungen dazu zurück.

Sie glaubt jedoch, dass sogar hier ein Konsens gefunden werden kann – selbst wenn die beiden Appenzell seit jeher ein Verhältnis wie Hund und Katze pflegen. Ein Mediator sei weniger an der Vorgeschichte als an der Lösung interessiert, sagt sie. Wichtig sei es, eine Brücke des Verständnisses zu bauen und die Bedürfnisse zu klären.

Joos: «Wenn die beiden Tourismusorganisationen trotz der Verschiedenheiten eine Zusammenarbeit als sinnvoll erachten, kann eine Lösung zustande kommen.» Eine erfolgreiche Mediation setze Folgendes voraus: Die beteiligten Parteien anerkennen, dass sie Probleme miteinander haben. Sie stimmen darin überein, dass diese Streitpunkte gelöst werden sollen, und sie sind beide bereit, sich auf eine faire Beilegung des Konflikts unter Mithilfe von dritter Seite einzulassen.

Wenn diese Voraussetzungen vorhanden sind, ist die Erfolgsquote der Mediation gemäss Annette Joos hoch. Sie sei immer wieder erstaunt, wie viele Konflikte gelöst oder entschärft werden können. Sie schreibt das neben der Arbeit der Mediatoren vor allem dem menschlichen Bedürfnis, Konflikte lösen zu wollen, zu. Eine Erfolgsgarantie gebe es aber nicht.

Grosse Vielfalt

Die Herisauerin arbeitet in einem Mediations-Team in der Stadt St. Gallen. Von Haus aus ist sie Juristin, wie so viele ihrer Berufskollegen. Früher absolvierten vor allem Juristen und Psychologen die Ausbildung zum Mediator. Mittlerweile habe sich das verändert, sagt Annette Joos. Es seien Leute aus verschiedensten Branchen in diesem Metier tätig – Bauingenieure ebenso wie Lehrpersonen.

Sie erachtet diese Vielfalt als sinnvoll, weil die Mediatoren in allen erdenklichen Bereichen tätig sind.

Ihr eigenes Spezialgebiet sind Familienkonflikte: Scheidungen und Erbschaften beispielsweise. Ein emotionales Gebiet. In den Gesprächen können giftige Worte fallen. «Das ist normal», sagt Annette Joos. «Unterschiedliche Positionen gehören dazu.» Wenn es allzu heftig wird, schreitet der Mediator allerdings ein und versucht, die Emotionen zu dämpfen.

Mediatoren sind zunehmend auch in der Wirtschaft und Verwaltung tätig. Viele Grossunternehmen beschäftigen sogar eigene Mediatoren oder Ombudsstellen. Annette Joos dazu: «Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich der Konfrontationskurs in vielen Fällen nicht ausbezahlt.» Erstens seien die Verfahrenskosten hoch, zweitens könnten Konflikte viel Energie einer Firma lahmlegen. Deshalb hätten die Unternehmen ein handfestes Interesse an einer Lösung.

In der Regel würden sich die Vorgesetzten melden und die Personen nennen, zwischen denen ein Konflikt besteht. Es komme auch vor, dass sich die Chefs an der Mediation beteiligen. Dabei müssen sie sich nicht auf die Couch legen und ihr Innerstes nach aussen kehren – die Mediation verfolgt keine therapeutischen Zwecke. Sie baut auf der Eigenverantwortlichkeit der Beteiligten und deren Fähigkeit, ihre Konflikte selbst zu lösen, auf.

Wer sinnvollerweise an der Tourismus-Mediation teilnehmen sollte, lässt Annette Joos offen. Das müsse sich der zuständige Mediator gut überlegen, sagt sie. Es gelte der Grundsatz, lieber zu viele als zu wenig Leute zum ersten Gespräch einzuladen. Ein späterer Einstieg ist meist schwierig. Alle Beteiligten sollten von Anfang an wissen, was besprochen werde und dürften nichts hinter dem Rücken erfahren. Eine offene Kommunikation innerhalb der Mediation sei entscheidend für den Erfolg.

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