Hühnerhaut schon vor der Abreise

Sennenschwinger Bruno Näf freut sich mit einem täglich steigenden Ruhepuls auf seine erste Teilnahme an einem Eidgenössischen. Er wird in der riesigen Arena vorwiegend auf grössere und schwerere Gegner treffen. Bruno Näf wäre glücklich, wenn er auch am Sonntag noch schwingen dürfte.

Urs Huwyler
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Bruno Näf hat 2012 und 2013 den Kranz am St. Galler Kantonalen gewonnen. (Bild: Urs Huwyler)

Bruno Näf hat 2012 und 2013 den Kranz am St. Galler Kantonalen gewonnen. (Bild: Urs Huwyler)

HEMBERG. Am letzten Eidgenössischen in Frauenfeld sass Bruno Näf wie schon 2007 unter den Zuschauern. «Hätte mir damals jemand gesagt, in drei Jahren sei ich als Aktiver dabei, ich wäre…» Der 23jährige Hemberger muss den Satz nicht beenden. Alles klar. Mit seiner schwingerischen Minigrösse (180 Zentimeter) und dem Untergewicht (80 Kilogramm) entspricht er nicht dem gängigen Bild des bärenstarken Nationalsportlers. «Umso grösser», fügt er an, «ist die Freude über die Selektion.» 2013 gewann er am St. Galler Kantonalen nach vier Siegen, einem Gestellten und der Niederlage gegen Raphael Zwyssig den (zweiten) Kranz. Ein Jahr zuvor wurde er am eigenen Kantonalen Neukranzer. In Burgdorf werden gleichzeitig mehrere Schwingfeste stattfinden. Die Spitze kann um den Sieg und die Kränze kämpfen. Mit jenen gewichtigen Bösen wird der in Ebnat-Kappel beim schwingerfreundlichen Johannes Heim arbeitende Landmaschinenmechaniker Näf nur im Athletendorf in Kontakt kommen. Doch auch die zweite Reihe muss sich Gang für Gang nach vorne kämpfen. «Für mich wäre es ein grosser Erfolg, dürfte ich am Sonntag auch schwingen. Aber es wird nicht einfach», weiss er um die schwierige Ausgangslage.

Eine Schwinger-Familie

Bruno Näf erhält am ersten Tag im grössten Stadion der Schweiz vor 52 000 Besuchern wohl viermal einen körperlich überlegenen Sennen oder Turner vorgesetzt. Die Einteilung wird neben der Nervosität eine zentrale Rolle spielen. «Wenn ich mir die riesige Arena auf Bildern anschaue und dann vorstelle, dort einzulaufen, bekomme ich Hühnerhaut. Es dürfte», so Näf, «bei jedem Gang so sein. Aber ich muss mich auf den Sport zu konzentrieren versuchen, nach jedem Gang zurückziehen und wieder in Ruhe vorbereiten.» Am Freitag um 13 Uhr startet das Abenteuer «Burgdorf 2013» mit der gemeinsamen Fahrt ins Emmental. Dann steht die Besichtigung des Geländes auf dem Programm, bevor es nach Sumiswald ins Quartier geht.

Kämpfe zwischen einem typischen Schwinger und einem Herausforderer, der nicht über die Sägemehl-Gardemasse verfügt, liebt das Publikum. «Meistens unterstützen die Zuschauer den Aussenseiter», hat Defensivkünstler Näf festgestellt. Wenige Kilometer von ihm entfernt wohnt der aus geographischen Gründen für die Appenzeller schwingende Landwirt Emil Signer (St. Peterzell). Er gehört mit 175 Zentimetern/77 Kilogramm unter den Riesen ebenfalls zur «Zwergen-Fraktion». Könne ein nominell stärkerer Gegner gebodigt werden, sei die Genugtuung umso grösser, erzählt das Mitglied des Schwingklubs Wattwil. Seit dem siebten Lebensjahr zieht Bruno Näf die Zwilchhosen an. Früher fuhr er mit dem Bus, Postauto und von den Eltern chauffiert zum Training nach Ebnat-Kappel. Der sportliche Weg war insofern vorgegeben, weil seine älteren Brüder schwangen, seine Cousins Köbi und Ueli Roth ebenfalls, Onkel Jakob Roth auch. An Unterstützung fehlt es dem ESAF-Debütanten demnach nicht. Er sei, lautet die Selbsteinschätzung, nicht ganz so ruhig wie Eidgenosse Köbi Roth, «aber gelassener geworden». Obwohl ihn zweifelhafte Kampfrichterentscheide ärgern können. «Ein Viertel mehr kann grosse Auswirkungen auf den Festverlauf haben. Auf der Schwägalp hätte ich lediglich 0,25 Punkte mehr gebraucht und wäre nicht nach vier Gängen ausgeschieden.» Manchmal «menschele» es auch bei den Kampfrichtern.

Erfolgreicher Club

Burgdorf sollte vom Alter her nicht der einzige eidgenössische Auftritt des Toggenburgers bleiben. Er gehört zu jenen Kranzern, die in Wattwil irgendwann die Lücke hinter Nöldi Forrer und Köbi Roth schliessen sollen. Bruno Näf hat den Aufstieg zum erfolgreichsten Club in der Schweiz hautnah erlebt. 1998 wurde Jörg Abderhalden erstmals Schwingerkönig. «Es machte schon Eindruck, wenn mich die Kollegen fragten, ob ich Jörg und Nöldi kenne, und ich sagen konnte, sie seien im gleichen Club.» Und er will noch festgehalten haben: «Von uns gehen acht Schwinger ans Eidgenössische. Andere Clubs sind nicht einmal vertreten.»

Von der Mischung aus erfahrenen Eidgenossen und aufstrebenden Talenten müsste vor allem der Nachwuchs profitieren. «Dem ist so», bestätigt Bruno Näf, «wir haben das Glück, uns im Training auch mit Spitzenleuten messen zu können. Ich hoffe, dass wir uns künftig weiter steigern werden.» 2016 findet wiederum ein Eidgenössisches statt. «Aber im Moment zählt nur Burgdorf. Ob in den Medien oder unter den Kollegen, es gibt fast nur ein Thema. Es ist unglaublich, welchen Stellenwert der Schwingsport hat.» Eine Woche später startet Bruno Näf auf der Wolzenalp in einer andern Welt. Auch darauf freut er sich.