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Eine Grosswindanlage im Appenzellerland? - zwei HSG-Professoren im Streitgespräch

Rolf Wüstenhagen und Peter Hettich diskutieren über den Bau von Grosswindanlagen in der Region. Die beiden Professoren der Universität St. Gallen beurteilen deren Chancen und Risiken höchst unterschiedlich.
Interview: Jesko Calderara
Gemäss dem Energiekonzept des Kantons Appenzell Ausserrhoden könnte Windstrom bis zu 15 Prozent des Energieverbrauchs decken. (Bild: Olivier Maire/Keystone)

Gemäss dem Energiekonzept des Kantons Appenzell Ausserrhoden könnte Windstrom bis zu 15 Prozent des Energieverbrauchs decken. (Bild: Olivier Maire/Keystone)

Das geplante Windenergie-Projekt bei Oberegg sorgt in der Öffentlichkeit für heftige Diskussionen. Auch in der Fachwelt sind die Meinungen dazu geteilt. Für Rolf Wüstenhagen, Professor für das Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen, kann Windstrom vor allem im Winter einen Beitrag zur Deckung der Stromnachfrage leisten. Skeptisch gegenüber der Nutzung dieser Energiequelle zeigt sich Peter Hettich, Professor für öffentliches Recht an der Universität St. Gallen. Er erwartet wegen des Landschafts- und Vogelschutzes in Zukunft noch mehr Widerstände gegen den Bau von Windrädern.

Rolf Wüstenhagen, Peter Hettich, eine liebliche Hügellandschaft mit Streusiedlungen prägt das Appenzellerland. Wie stark würden da grosse Windenergieanlagen das Landschaftsbild beeinträchtigen?

Rolf Wüstenhagen

Rolf Wüstenhagen

Wüstenhagen: Die Landschaft ist tatsächlich wunderschön, sie ist allerdings über die Jahrzehnte auch stets im Wandel. Der Bau der Appenzeller Bahnen, die Verbreitung des Automobils, der Bau von Einfamilienhäusern und Gewerbegebieten haben die Landschaft verändert. All das braucht Energie, zu deren Gewinnung es einen Beitrag zu leisten gilt.

Peter Hettich

Peter Hettich

Hettich: Das Appenzellerland ist einzigartig, vor allem durch seine traditionelle Streubauweise, die menschliche Nutzung und unberührte Landschaft ineinanderfliessen lässt. Auch diese historisch gewachsene Baukultur weist aber eine Dynamik und durchaus markante Bauten wie die Strukturen auf dem Säntis auf. Wenn die Appenzeller eine Nutzung von Windenergie sinnvoll finden, sollte diese auch ermöglicht werden.

Kann Windstrom überhaupt einen nennenswerten Beitrag zur Stromversorgung der Region leisten?

Wüstenhagen: Die beiden geplanten Windräder in Oberegg würden 13,4 Gigawattstunden Strom pro Jahr produzieren. Das entspricht 40 Prozent des Strombedarfs der Innerrhoder Haushalte. Nimmt man Industrie und Dienstleistungen hinzu, sind es immer noch 15 bis 20 Prozent. Das Energiekonzept 2017 -2025 des Kantons Appenzell Ausserrhoden beziffert das langfristige Potenzial ebenfalls auf 15 Prozent des gesamten Stromverbrauchs.

Hettich: Weil Appenzell Ausserrhoden drei bis vier Mal so viel Strom verbraucht wie Innerrhoden, müssten zur Ausschöpfung dieses Potenzials also drei bis vier Projekte der Grösse Obereggs – sprich sieben oder acht solche Anlagen – realisiert werden. In Kantonen mit verstreuten Siedlungen und vielen Ausschlussgebieten wird das nur schwer machbar.

2017 hat das Volk die Energiestrategie 2050 angenommen. Was ist der konkrete Beitrag der Windenergie zu einer sicheren Energieversorgung in der Schweiz?

Hettich: Die Verfassung will eine «breit gefächerte» Versorgung, weshalb Windenergie eine gute Ergänzung ist. Die Versorgungssicherheit selbst hat viele Aspekte: Manchen ist wichtig, dass wir nicht von Ölimporten abhängig sind. Mir persönlich ist wichtig, dass die Elektrizität, die wir brauchen, jederzeit verfügbar ist. In diesem Punkt schneidet die Windkraft in der Schweiz allerdings schlecht ab; die Verhältnisse sind mit der Nordseeküste nicht vergleichbar. Deshalb ist Windenergie hierzulande auch relativ teuer.

Wüstenhagen: Bei Windenergie kommt es tatsächlich sehr auf den Standort an. Aufgrund der bergigen Topografie in der Schweiz sind die lokalen Unterschiede gross: In einem Föhntal können die Windverhältnisse sehr gut sein, ein paar Kilometer daneben bereits nicht mehr. Der Hauptgrund für die höheren Kosten ist die Tatsache, dass Projektentwickler im Ausland Skaleneffekte erzielen. Wenn ich Hunderte Windturbinen pro Jahr einkaufe, bekomme ich einen anderen Preis als wenn ich alle drei, vier Jahre mal ein halbes Dutzend Turbinen aufstellen kann. Was die Verfügbarkeit anbelangt, braucht es einen Mix mit anderen Energieträgern. Dank der Wasserkraft können wir Windstrom sehr gut speichern. Der Wind weht mehr im Winterhalbjahr. Er würde also gerade in jener Jahreszeit einen Beitrag leisten, in der wir am meisten Elektrizität benötigen.

Wie viele Windenergieanlagen sollte die Schweiz denn bauen?

Hettich: Zur Realisierung des Potenzials bis 2035 wollen Suisse Eole und WWF 400 Anlagen ermöglichen. Für die vom Bundesrat angestrebte Produktion bis 2050 braucht es 1000 Anlagen. Professor Anton Gunzinger von der ETH spricht von 1800-2250 Anlagen – heute haben wir 37 Grosswindanlagen. Die Widerstände gegen so viele Anlagen werden gigantisch sein, vor allem wegen des Landschafts- und Vogelschutzes. Die Anlagen sind ja an die 200 Meter hoch und die jährlich knapp 21 Vogelopfer pro Anlage sind beachtlich.

Wüstenhagen: Man muss das in Relation sehen. Ein starkes Argument für Windenergie ist der Klimawandel. Da laufen wir in etwas hinein, das sehr viele Gefahren für die Ökosysteme, einschliesslich der Vögel, beinhaltet. Man muss also Kosten und Nutzen von Klimaschutzmassnahmen im Vergleich zu den Folgen eines unkontrollierten Klimawandels abwägen. Wenn wir die Elektromobilität in Kombination mit erneuerbaren Energien weiterentwickeln, dann gibt es netto mehr positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und auf die Ökosysteme.

Was sind die grössten Hindernisse für die Ausschöpfung des Windenergie-Potenzials in der Schweiz?

Wüstenhagen: Die langen Bewilligungsverfahren – momentan dauert es bis zu zehn Jahre, um eine Windkraftanlage zu errichten.

Hettich: Das sind halt lokale Prozesse, die an sehr vielen Standorten durchlaufen werden müssen. Wenn eine Gemeinde sich zum Bau einer solchen Turbine entschliesst, wäre ich der Letzte, der das verhindern wollte. Solche Beschlüsse brauchen aber Zeit. Wir sehen dies bei allen grösseren Projekten. Die Verfahren, die bei der Windenergie zu erheblichen Verzögerungen führen, werden von Umweltverbänden ja auch gerne ausgenutzt, um Einkaufszentren oder Fussballstadien zu verhindern.

Wüstenhagen: Der Widerstand kommt einerseits von Landschaftsschützern, andererseits von Leuten, die eine persönliche Betroffenheit haben und eine Anlage in ihrer Nachbarschaft verhindern möchten. Andererseits gibt es vor allem bei jüngeren Menschen auch viele, die mit der Windenergie ein Zeichen für künftige Generationen setzen wollen. Sich stark gegen Windturbinen zu wehren und gleichzeitig davon auszugehen, dass selbstverständlich irgendwo Strom produziert wird, ist nicht sehr konsistent.

Hettich: Herrscht diese Mentalität nicht gerade in grünen Kreisen vor? Die Idee ist, dass der Strom aus der Steckdose kommt und keine Zielkonflikte bestehen, weil man aus der Kohle sowie der Kernenergie aussteigen kann und somit auch keine Leitungen braucht. Generell scheint die Dagegensein-Haltung weit verbreitet zu sein. Rechtliche Verfahren vermitteln heute Veto-Positionen, und die kann man einsetzen für was auch immer. Es gibt ein starkes Bewusstsein dafür, was die eigenen Rechte sind, und die setzt der Betroffene oft auch durch, selbst wenn er leicht verzichten könnte.

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