Homo automobilis

Von Natur aus bin ich ja eher der friedliebende und gemütliche Typ. Immer wieder einmal kommt es aber vor, dass ich mich selber vergesse und zu einem überlaunigen, besserwisserischen und cholerischen Ungeheuer mutiere. Vor allem, wenn ich im Auto sitze.

Koni Bruderer
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Bild: Koni Bruderer

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Von Natur aus bin ich ja eher der friedliebende und gemütliche Typ. Immer wieder einmal kommt es aber vor, dass ich mich selber vergesse und zu einem überlaunigen, besserwisserischen und cholerischen Ungeheuer mutiere. Vor allem, wenn ich im Auto sitze. In meinem Auto. An meinem Steuer. Da liegt virtuell die ganze Welt offen vor mir und ich könnte mein Auto lenken, wohin ich will. Und was geschieht in der real existierenden Welt? Da schleicht der da vor mir mit 47 in der Gegend herum statt mit 52 wie ein normaler Mensch. Und dann meint die da, sie müsse sich noch schnell vor mir in die Kolonne drängeln. Und überhaupt: Können die denn keine Strassen bauen, auf denen man vorwärts kommt statt still zu stehen – mit entsprechendem «Zeitverlust»!

Wenn ich dann wieder zu mir selber komme – also aus dem Auto steige –, frage ich mich, was denn da beim Lenken in mich gefahren (!) ist. Was hat mein Auto mit mir angestellt? Vielleicht etwas, das mit dem zu tun hat, was die Psychologie «Allmachtsphantasien» nennt: In der religiösen Sprache gibt es das Bild des Weltenlenkers – ein Begriff, der Gott als dem höchsten und allmächtigen Wesen zugeschrieben wird. Könnte es sein, dass wir uns als Lenker manchmal wie kleine Götter vorkommen? Mit dem Gefühl, dass uns im Auto die Welt zu Füssen liegt? Jetzt stellen Sie sich einmal vor: In unserem Land leben 8 Millionen Menschen. Die besitzen insgesamt 6 Millionen Motorfahrzeuge. Wie käme das heraus, wenn sich alle wie die Götter fühlen wollten – jeder und jede in ihrem Auto? Man müsste sich wundern, dass sich überhaupt noch jemand auf die Strasse wagt. Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, hat einmal gesagt: «Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.» Hatte er nicht recht? Ist nicht das Pferd das wahre Auto-mobil? Weil es sich im Unterschied zum Auto nämlich tatsächlich selber bewegen kann, wie ein kluger Kopf einmal herausgefunden hat.

Vielleicht sollte ich mir zur Vermeidung künftiger Wutanfälle und als Heilmittel gegen meine Allmachtsphantasien überlegen, ob ich nicht mein Auto gegen ein Pferd eintausche.

Bild: Koni Bruderer

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