Hohe Nachfrage nach Krippenplätzen

Ein neuer Verfassungsartikel will die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit fördern. Dies dank eines breiten Angebots an ausserfamiliären Betreuungsplätzen in Krippen oder Kinderhorten. Die Nachfrage danach ist zwar auch im Toggenburg hoch, Engpässe existieren jedoch keine.

Jesko Calderara
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TOGGENBURG. Der Familienartikel, über den das Schweizer Stimmvolk am 3. März entscheidet, steht bis anhin im Schatten der Abzocker-Initiative. Er verpflichtet die Kantone, für ausreichend Betreuungsplätze in Krippen, Tagesschulen oder Kinderhorten zu sorgen. Im Toggenburg existieren verschiedene ausserfamiliäre Angebote. Sie sind dank privater Initiativen entstanden, werden jedoch von der öffentlichen Hand finanziell unterstützt. Eine Umfrage des Toggenburger Tagblatts zeigt, dass solche Institutionen einem wachsendem Bedürfnis junger Familien entsprechen.

Dies stellt etwa der Verein Tagesfamilien Toggenburg fest, der Plätze bei Gastfamilien vermittelt. «Seit drei Jahren wächst die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen», sagt Präsidentin Elisabeth Frei. Dies habe mit dem Wunsch vieler Frauen zu tun, nach der Geburt im Berufsleben zu bleiben. «Nicht nur wie früher Akademikerinnen oder Alleinerziehende, sondern vermehrt auch Mütter aus allen Berufsgattungen arbeiten heute in Teilzeit», erläutert sie.

Bedarf für zusätzliche Kita?

150 Kinder erhalten dank der Tätigkeit des Vereins einen Betreuungsplatz in einer Tagesfamilie. «Sie können, im Gegensatz zu Krippen, auch während der Ferien oder an Wochenenden dort verbleiben», betont Elisabeth Frei die Vorteile. «Wir sehen uns daher als Ergänzung zu Kinderkrippen.» Ein Mangel an Tageseltern besteht zwar nicht, jedoch könne der Verein nicht in allen Dörfern immer eine Auswahl anbieten, sagt die Präsidentin. Eine stärkere Rolle des Staates, so wie es die Abstimmungsvorlage vorsieht, ist aus ihrer Sicht unnötig. «Wir sind mit den finanziellen Beiträgen der Gemeinden zufrieden.» Nebst Spenden, kommen die Eltern über einkommensabhängige Tarife für den grössten Teil der Kosten auf. «Dank einer schlanken Organisation sind diese vergleichsweise tief», sagt Elisabeth Frei. Die Kinderbetreuung dürfe aber durchaus ihren Preis haben. «Familien, bei denen beide Elternteile einer Erwerbstätigkeit nachgehen, müssten sich über ihre Motive bewusst sein», sagt sie. Falls sie auf das Zweiteinkommen angewiesen sind, sei es wichtig, die Aufwände familienergänzender Angebote in der Gesamtrechnung zu berücksichtigen. Elisabeth Frei glaubt, dass aufgrund des wachsenden Bedürfnisses mittelfristig Potenzial für eine zusätzliche Kindertagesstätte in Wattwil oder Nesslau vorhanden ist.

Über mangelnde Nachfrage kann sich auch die Kindertagesstätte Bärehuus in Wattwil nicht beklagen. Nachdem die Kapazitäten vor zwei Jahren verdoppelt wurden, betreut das Bärehuus insgesamt 45 bis 50 Kinder, jedoch höchstens 24 davon am Tag. «Das Interesse ist konstant hoch, eine Warteliste haben wir hingegen nicht mehr», sagt Präsidentin Susanne Schläpfer. Die Kita sei fest etabliert und verankert. «Die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden funktioniert. Gleichzeitig erhalten wir auch Spenden von Unternehmen.» Dennoch sieht Susanne Schläpfer Handlungsbedarf und begrüsst daher den Familienartikel. «Um Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen, sind optimale Strukturen notwendig.» Jedoch seien etwa Blockzeiten an Schulen längst noch nicht überall selbstverständlich, sagt Susanne Schläpfer, die hauptberuflich als Gemeindepräsidentin von Neuenhof im Kanton Aargau amtet.

Kein Anliegen der Arbeitgeber

Vom Verfassungsartikel und seiner konkreten Umsetzung, argumentiert der Bundesrat im Abstimmungsbüchlein, profitiere auch die Wirtschaft. Sie habe ein Interesse an zusätzlichen Krippen und Kinderhorten, weil so Frauen und Männer Beruf und familiäre Verpflichtungen besser vereinbaren könnten.

Bei den Toggenburger Arbeitgebern scheint dies jedoch kein prioritäres Anliegen zu sein. «Wir haben darüber nie diskutiert, weil in den letzten Jahren keine Anfrage um Unterstützung einer Kindertagesstätte direkt an uns gestellt wurde», sagt Ruedi Bannwart, Präsident der Arbeitgebervereinigung Region Toggenburg (ART). Für Firmenkrippen seien die Unternehmen zu klein. «Ich bin der Auffassung, dass es nicht zu den Aufgaben der Arbeitgeber gehört, sich für Frage rund um die Familienpolitik stark zu machen», sagt Ruedi Bannwart, der als Geschäftsführer die Turbo Separator AG in Lichtensteig leitet. Dafür sei primär jeder Einzelne verantwortlich. Das sollte nicht staatlich verordnet werden. Ruedi Bannwart betont, dass dies seine persönliche Meinung sei und nicht jene der ART-Mitglieder.

Im BPW Business and Professional Women Club Toggenburg haben sich berufstätige Frauen zusammengeschlossen, die grösstenteils in verantwortungsvollen Positionen tätig sind. «Viele unserer Mitglieder sind jedoch in einem Alter, in dem sie keine Betreuungsplätze mehr benötigen, da ihre Kinder bereits grösser sind», erläutert Präsidentin Marlies Porchet. Daher habe sich der BPW Toggenburg nie mit der Thematik beschäftigt. «Institutionen wie die Kita Bärehuus sind bestimmt hilfreich für junge Familien» Marlies Porchet vermutet zudem, dass in ländlichen Gegenden Grosseltern oder Verwandte bei der Betreuung kleiner Kinder mithelfen würden.