Höchste Virtuosität und pianistische Poesie

Der irische Meisterpianist Barry Douglas präsentiert in der Kunsthalle Ziegelhütte zum Auftakt seiner Europatournée monumentale Klavierwerke von Beethoven und Modest Mussorgsky und wird mit Beifalljubel bedacht.

Ferdinand Ortner
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APPENZELL. Eines der seltenen Musikevents, die fesseln und echt begeistern, erlebte das Publikum am Freitagabend beim Rezital des irischen Weltklassepianisten Barry Douglas, der zum Auftakt einer Europatournée in der Ziegelhütte gastierte. Seit seinem Triumph beim Tschaikowsky-Wettbewerb 1986 in Moskau zählt er zum kleinen Kreis der nichtrussischen Preisträger dieses renommierten Wettbewerbs und ist auf der internationalen Bühne eine feste Grösse.

Dieser Spitzenkönner der Pianisten-Szene präsentierte zwei monumentale Werke der Klavier-Literatur: Beethovens epochale viersätzige Hammerklavier-Sonate in B-Dur, op. 106, und den berühmten Zyklus «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky. In der stimmigen Atmosphäre der gut besetzten Kunsthalle Ziegelhütte entwickelte sich eines jener besonderen Konzerte, die den Zuhörern durch das überragende Können und die künstlerische Faszination des Interpreten eine neue Dimension des Musikerlebnisses schenken. Der sympathisch-bescheiden auftretende Künstler überzeugte sowohl als vitaler Virtuose wie auch als sensibel gestaltender Klavierpoet, wobei ihm der nuancenreiche Anschlag und die Authentizität und Strahlkraft seines Ausdrucksvermögens sehr zustatten kamen.

Hammerklaviersonate

Barry Douglas zog das Publikum durch seine engagierte Spielweise und seine volle Identifikation mit Beethovens aufwühlender Musik sofort in seinen Bann. So stellte er bei der auch spieltechnisch ungemein schwierigen Hammerklaviersonate, dem Gipfel Beethoven'scher Konzertsonaten, seine verblüffende Virtuosität ganz in den Dienst des vor Empfindungen, Leidenschaft und Rasanz überquellenden Werkes, das lange infolge seiner ausgeweiteten Dimensionen, des gewaltigen Aufwandes an Kunst und der Fülle des Gehalts als unaufführbar gegolten hatte.

Schon die Grösse und Kraft des Kopfsatzes – von einem trompetenartigen, rhythmisch-akkordischen Motiv geprägt – umfasste mit den Kontrasten von Energie und Gefühl, von rhythmischer Härte und lyrischer Weichheit die ganze Weite der Empfindungen. Bezaubernd das Schlussthema mit der zarten hinschwebenden Melodie.

Den Eindruck äusserster Leichtigkeit mit kontrastierend emporjagenden Figuren und grotesken Forte-Schlägen hinterliess das «Scherzo», das am Ende gespenstische Züge annahm. Überaus gefühlvoll und tiefgründig gestaltete Barry Douglas das «Adagio», wo zwei Welten des Gefühls am Schluss dem Erstarren in tiefer Resignation und die Verklärung folgten. Ein Ruhe- und Höhepunkt und Ausdruck melancholischen Meditierens! Das überleitende «Largo» – eine Improvisation – mündete in eine überwältigende Fuge, eines der grössten kontrapunktischen Werke Beethovens. Diesen wohl schwierigsten Satz der klassischen Klavierliteratur meisterte der Künstler bravourös und entfesselte einen furiosen «Vulkan» der Emotionen.

«Bilder einer Ausstellung»

Farbenreiche musikalische Bilder eines Rundganges durch eine Ausstellung von Werken des russischen Architekten und Malers Victor Hartmann, vermittelte Barry Douglas in begeisternder Weise durch die subtil-emotionale Interpretation der «Bilder einer Ausstellung» von Modest Mussorgsky. Bei der Aufführung des Gesamtzyklus – er besteht aus zehn voneinander unabhängigen Klanggemälden – waren Highlights von bezaubernder Zartheit, aber auch von vitaler Expressivität zu erleben.

Beifallsjubel

Beim vollgriffigen und mit besonderen Spieleffekten gespickten Klaviersatz streifte der Solist Grenzen der pianistischen und vor allem auch der klanglichen Realisierbarkeit.

Beifallsjubel und zwei Zugaben beschlossen das denkwürdige Solistenkonzert.

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