HISTORISCH: Zweistimmig pfeifen und singen

Ein ehemaliges Oltner Arbeiterkind erinnert sich an das Jahr 1945 im Toggenburg: Im Buch mit dem Titel «Oltner Rosinen mit Muskatnuss» erzählt die 1930 geborene Blanka Stampfli Geschichten aus ihrer Kindheit.

Fabian Brändle
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Die Ferienkolonie Sternen in Hemberg auf 960 Metern über Meer, fotografiert im Jahr 1935.

Die Ferienkolonie Sternen in Hemberg auf 960 Metern über Meer, fotografiert im Jahr 1935.

Fabian Brändle

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Hermann Walter Bion (1830–1909) aus Affeltrangen, Pfarrer in Rehetobel, Trogen und an der Predigerkirche Zürich, widmete sich mit grossem Engagement und Organisationstalent der drängenden «sozialen Frage». «Vater Bion», wie er von seinen Verehrern genannt wurde, begründete unter anderem das Krankenhaus Trogen, das Schwesternhaus zum Roten Kreuz in Zürich-Fluntern, und, ab 1876, mit weltweiter Ausstrahlung, so genannte Ferienkolonien für arme, bisweilen ungesunde Stadtkinder, deren Eltern sich keine Ferien leisten konnten. Die Idee der Ferienkolonien verbreitete sich von der Schweiz aus rasch in Europa und auch in den USA; in Japan oder in Südamerika.

Arbeiten und wandern auf dem Land

Pfarrer Bions Idee war, seine Zürcher Stadtkinder möglichst «einfach zu halten» und sie mit hauswirtschaftlichen Arbeiten zu beschäftigen. Daneben sollten sie Spaziergänge, Wanderungen und Ausflüge machen dürfen. Dem Zürcher Vorbild folgten noch im späten 19. Jahrhundert Städte wie Basel (1878), Bern, Genf, Lausanne, Aarau oder Wädenswil. Im Jahre 1899 besuchten bereits rund 3500 Schulkinder eine ländliche Ferienkolonie. Die Eisenbahnstadt Olten führte eine solche Ferienkolonie im Jahre 1896 ein. Ein «Armleutekind» von dort, die 1930 geborene Lehrerin Blanka Stampfli, publizierte ihre Lebenserinnerungen mit dem lustigen Titel «Oltner Rosinen mit Muskatnuss». Weniger amüsant war Blankas Kindheit und Jugend. Ihr gutwilliger Vater war im weltweit schwierigen Jahrzehnt der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1939) oft arbeitslos und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht durch. Die Familie war oft auf (frei-)kirchliche Sachspenden wie Kleider oder Schuhe angewiesen. Blanka Stampfli musste mit an sich verbotener,. monotoner Kinderarbeit, die sie «Sklavenarbeit» nannte, sogar zum Unterhalt der Familie beitragen. Sie war eher eine Einzelgängerin, aber sehr gut in der Schule. Der Haussegen hing öfters schief, denn die Mutter, eine Genferin, war mit dem harten Los sehr unzufrieden und schimpfte daher oft.

Ein einmaliges Erlebnis für Blanka Stampfli und weitere 40 Oltner Schulkinder war bestimmt die Reise in eine Toggenburger Ferienkolonie im Sommer 1945, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa: «Kinder mittelloser Eltern dürfen an den Ferienlagern kostenfrei teilnehmen. Für mich hat das mein Lehrer organisiert, und ich darf sogar in beiden Kolonien bleiben, der ersten und der zweiten. Also ganze fünf Wochen lang weg von zu Hause. Einfach herrlich!» Seit 1919 bot die Stadt Olten, eine Hochburg der Sozialdemokraten, bedürftigen Familien Ferienkolonien oberhalb von Ifenthal sowie, einige Jahre später, auch im toggenburgischen Dreien an.

«Eine weitgehend unbeschwerte Zeit verbracht»

Für Blanka Stampfli sowie ihre Zimmergenossin Denise waren die Wochen im Toggenburg trotz einer strengen Ordnung eine weitgehend unbeschwerte Zeit voller Schabernack. Die Kinder mussten an sich schon früh ins Bett. Da es aber draussen noch hell war, trieben sie sich im Nachthemd in den Gängen herum. «Das aber wird vom Leiter entdeckt, der das gar nicht so lustig findet wie wir. Er jagt alle in die Zimmer zurück, und es solle sich niemand unterstehen, noch einmal den Korridor zu betreten.»

Einmal begaben sich die Freundinnen Denise und Blanka gar in das Restaurant im unteren Stock der Herberge. Der Dorfpolizist wollte, dass die Mädchen den Gästen ein Lieder vorsingen. Ihm war nämlich zu Ohren gekommen, dass Blanka besonders talentiert sei und gar «zweistimmig» pfeifen und singen könne. Die Jugendliche, ohnehin vom Wesen her scheu, war verlegen, nervös, kein Ton wollte zum Gaudium der Stammgäste herauskommen. Nach einem Schluck Bier ging es besser. Der Dorfpolizist war zufrieden und bot dem Mädchen einen Einfränkler an: «Dies blieb zeit meines Lebens die einzige Gage, die ich für meine künstlerische Darbietung erhalten habe.»

Heim, Peter (Herausgeber): Blanka Stampfli. Oltner Rosinen mit Muskatnuss. Ein Oltner Arbeiterkind erlebt die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Olten: Weltbild-Verlag 2014. Amacker, Niklaus. Die Lebensgeschichte eines armen Bergbuben aus dem Toggenburg. Winterthur.