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HISTORISCH: Rückblick auf die Landsgemeinde

Die Landsgemeinde existiert heute nur noch in Appenzell Innerrhoden und im Kanton Glarus. Die Institution gilt als älteste Form der direkten Demokratie. Erinnerungen an die ausserrhodische Landsgemeinde.
Elias Eggenberger
Kinder und Frauen dürfen nicht in den Ring. Landsgemeinde um 1925 in Hundwil. (Bild: Staatsarchiv AR)

Kinder und Frauen dürfen nicht in den Ring. Landsgemeinde um 1925 in Hundwil. (Bild: Staatsarchiv AR)

Elias Eggenberger

elias.eggenberger@ appenzellerzeitung.ch

Vor 20 Jahren wird der Landsgemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden per Urnenabstimmung ein Ende gesetzt. Anlass genug, um auf diese ehemalige Tradition zurückzuschauen. Wenig bekannt ist über die Entstehung der Landsgemeinde. Ihre Anfänge sind kaum protokolliert, deshalb kann darüber nur gemutmasst werden. Der ehemalige Ausserrhoder Kantonsbibliothekar Walter Schläpfer sieht die Ursprünge in der frühmittelalterlichen Gerichtsgemeinde im oberen Teil des Thurgaus, die heute zum Appenzellerland gehört. Regelmässig zusammengetreten seien die Appenzeller aber erst nach ihrer erfolgreichen Befreiung vom Kloster St. Gallen im Jahr 1403, schreibt Walter Schläpfer weiter. Wie sonst, als mit einer Landsgemeinde hätte man demokratische Beschlüsse fassen können.

Entstehung Appenzell Ausserrhoden

Die Reformation macht auch vor Appenzell keinen Halt. Per Landsgemeindebeschluss teilt sich Appenzell 1597 in Innere und Äussere Rhoden. Ausserrhoden stellt sich auf die Seite der Protestanten, Innerrhoden bleibt katholisch. Es beginnen die Diskussionen um einen neuen Austragungsort der Landsgemeinde. Von der Eidgenossenschaft wird Herisau als Hauptort vorgeschlagen. Dieses Ansinnen bleibt aber in Ausserrhoden unbeachtet. Drei Monate nach der Landteilung, am 2. Dezember 1597, findet die Landsgemeinde in Hundwil statt. Dort wird Trogen zum neuen Hauptort gekürt. Interessant dabei ist, dass dieser Landsgemeindenbeschluss nie rückgängig gemacht wurde. Streng genommen wäre also Trogen bis heute Hauptort des Kantons. Herisau erhielt aber den inoffiziellen Status als Hauptort im 18. Jahrhundert, als dort die Ratskanzlei errichtet wurde.

Der Stimmrechtsausweis bleibt bis zum Schluss derselbe: das Seitengewehr. Später wird der Degen durch einen Ausweis ergänzt. Bundesrat Lepori wundert sich bei einem Besuch der Landsgemeinde um 1950 darüber, dass es keine Unfälle gebe, bei so vielen bewaffneten Männern. Tatsächlich weiss man, dass es in den früheren Jahrhunderten vermehrt zu Gefechten gekommen ist an der Landsgemeinde. Ein solches Beispiel stellt die Landsgemeinde von 1798 dar. Gabriel Rüsch schreibt damals, dass es ein Wunder gewesen sei, dass niemand tot auf dem Platz liegen geblieben sei. Zu verdanken habe man das wohl den schlechten Waffen und den guten Kopfbedeckungen. Um solchen Konflikten vorzubeugen, wird den Wirten in einem Mandat aus dem Jahre 1654 das Ausschenken von Alkohol vor der Landsgemeinde verboten. Interessant ist es, einen Blick auf die Landsgemeinde des Jahres 1838 zu werfen. Die Landsgemeinde gerät stark in Kritik. Einerseits verwehrt sie dem amtierenden Landammann Jakob Nagel den Rücktritt. Dieser wollte sich aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt verabschieden. Der Rücktritt gelingt 1839, als er sich am Tag der Landsgemeinde ausser Landes begibt. Denselben Trick wendet Landammann Schläpfer ein Jahr danach an. Anderseits wird über die Gewaltentrennung der Legislative und der Judikative abgestimmt. Bisher übernahm der Grosse Rat auch die Aufgaben des Gerichts. Dadurch müsse der Grosse Rat zu viele Sitzungen halten. Dies soll sich ändern: Die Regierung schlug vor, dass ein Obergericht gegründet wird. Die Umstände einer Annahme standen noch nie so günstig, schreibt das «Appenzellische Monatsblatt». Trotz schlechter Witterung erscheinen die Landsleute in grosser Anzahl. In den sieben vorgehenden Jahren wurde bereits zweimal über eine Gewaltentrennung abgestimmt, beide Male ohne Erfolg. So auch dieses Mal. Wider alle Erwartungen wird die Trennung von Judikative und Legislative nach vierfacher Abmehrung abgelehnt. Das «Appenzellische Monatsblatt» schreibt dazu, dass es eine merkwürdige Erscheinung sei, dass eine Obrigkeit um dringende Verminderung ihrer Gewalt bitten würde und das Volk dies verwehrt. Politische Unmündigkeit sei durch diesen Unfall an den Tag gelegt worden.

Laut um die Landsgemeinde wird es auch im Jahre 1989, als es einmal mehr um das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene geht. Im Vorfeld häufen sich Leserbriefe in der «Appenzeller Zeitung». Als Argumentarium bietet sich unter anderem die Bibel an. Es wird damit argumentiert, dass die Bibel eine Unterstellung der Frau fordere und das Stimmrecht deshalb nicht gerechtfertigt sei. Gleichzeitig aber ist in den Leserbriefen die Rede davon, dass das Hauptthema der Bibel die Nächstenliebe sei und dazu auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau gehöre. Den Ausserrhodern Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, wäre in diesem Fall etwas vermessen. Vielen geht es nicht um die Stellung der Frau, sondern um die Erhaltung der Landsgemeinde. Angst um den Verlust einer geliebten Tradition macht sich breit. Die Weltwoche titelt schon fast böswillig: «Konservative Anarchisten sind sie, die Appenzeller.» Bei Nichtannahme des Frauenstimmrechts droht ein Diktat des Staats, davon lassen sich die Gegner allerdings nicht beirren. «Wir lassen uns wegen des Frauenstimmrechts nicht unter Druck setzen, weder vom Regierungsrat, 40 Kantonsräten oder der angeordneten Bundesintervention und schon gar nicht von den Medien», heisst es in einer Reklame. An der überraschend ruhigen Landsgemeinde wird das Frauenstimmrecht schliesslich angenommen. So kommt es, dass ab 1990 die Versammlung mit Frauen stattfindet.

An der letzten Landsgemeinde 1997 wird Hans Rudolf Merz in den Ständerat gewählt. Zudem wird mit Marianne Kleiner erstmals eine Frau ins Amt des Landammanns gewählt.

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