HISTORISCH: Eine Rarität im Museum

Eine wertvolle Kabinettscheibe aus dem späten 16. Jahrhundert hat den Weg ins Toggenburger Museum gefunden. Die Darstellung bezieht sich auf die Flucht des aus Israel verbannten Daniel und seiner drei Freunde.

Hans Büchler
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André Meyer senior und Michel Meyer (von rechts) übergeben die wertvolle Scheibe an Hans Büchler, ­Vertreter des Toggenburger Museums in Lichtensteig. (Bilder: PD)

André Meyer senior und Michel Meyer (von rechts) übergeben die wertvolle Scheibe an Hans Büchler, ­Vertreter des Toggenburger Museums in Lichtensteig. (Bilder: PD)

Im 16. und 17. Jahrhundert galten die rechteckigen oder runden, buntfarbigen Kabinettscheiben als besondere Zierde in den Fenstern von privaten und öffentlichen Bauten. Ihre Verbreitung fanden sie vor allem im Gebiet der Eidgenossenschaft und ihren Grenzregionen, weshalb als Oberbegriff auch «Schweizerscheiben» verwendet wird. Entsprechend dem Aufbau einer Scheibe tauchen als Unterbegriffe Wappen-, Allianz-, Bauern- oder Bildscheibe auf. Dieses Brauchtum sicherte zahlreichen Schweizer Glasmalern eine Existenz.

Der Brauch der Scheibenschenkung

Mit der Schenkung einer Scheibe an befreundete Familien war der Brauch verbunden, den eigenen Namen, manchmal auch den der Ehefrau auf das Glasgemälde aufmalen zu lassen, um sich beim Beschenkten in Erinnerung zu erhalten. Auch anlässlich von «Staatsbesuchen» bei befreundeten Städten und Landschaften schenkten die politischen Vertreter Standesscheiben mit den Wappen des eigenen Ortes und gleiches taten handwerkliche Vereinigungen unter ihresgleichen. Im Toggenburg setzte der Brauch privater Schenkungen erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts ein, dafür umso intensiver und länger. Das Phänomen dieser «ländlichen Verspätung» ist hier auch in anderen Bereichen wie Hausorgelbau und Hinterglasmalerei zu beobachten.

Unter den Spendern finden wir vor allem reiche oder einflussreiche Persönlichkeiten oder Familien: Amtsleute, Wirte, ­Müller, Vieh- und Käsehänd- ler sowie Gewerbetreibende, die das öffentliche Leben bestimmten. Aber auch einfache Bauern, deren Namen nur im Tauf- oder Sterbebuch der Kirchgemeinde zu finden sind, leisteten sich den Brauch einer Scheibenschenkung. Das gibt uns den Hinweis auf einen allgemein verbreite- ten Wohlstand im Toggenburg des 17. Jahrhunderts. Die Scheibenstifter finden wir vor allem im Raum zwischen Lichten- steig und Nesslau, wobei evan­gelische Stifter deutlich häufi- ger anzutreffen sind als katholische. Es waren meist Familien, die ihren Wohlstand aus der ­Alpwirtschaft und der damit verbundenen Säumerei oder aus dem Solddienst gewonnen hatten.

Eine Bildscheibe aus Sidwald

Ende des vergangenen Jahres hatte die Unternehmerfamilie Meyer aus Neu St. Johann dem Toggenburger Museum in Lichtensteig eine seit rund 90 Jahren in Familienbesitz befindliche Bildscheibe zum Geschenk gemacht. Die nachfolgende Erklärung soll Einblick in die Gedankenwelt des ausgehenden 16. Jahrhunderts geben.

Als Scheibenschenker tritt hier «Meister Clous Keller zuo / Sidwald im Durdal 1590» in Erscheinung. Im Mittelpunkt steht das mit zwei Säulen flankierte Hauptbild nach dem alt­testamentlichen Thema im ­dritten Kapitel des Buches Daniel mit den drei Männern im Feuerofen; daneben steht der babylonische König Nebukadnezar mit Gefolge. Darunter steht im rotfarbenen Schriftband: DER GLOUB WIRT IM FÜR PROBIERT (Der Glaube wird im Feuer erprobt).

Die Geschichte nimmt Bezug auf die Flucht des aus Israel verbannten Daniel und seiner drei Freunde an den Hof des babylonischen Königs Nebukadnezar. Dieser wurde als weiser Traumdeuter, jene als Diener des Königs in Dienst gestellt. Da der König von der Vielgötterei nicht abweichen wollte, liess er ein goldenes Gottesbild errichten, das alle Amtsträger des Reichs anbeten sollten. Daniels Freunde weigerten sich und überlebten den Feuerofen, in den sie zur Strafe geworfen wurden. Daraufhin gebot der erschütterte König, den Glauben an einen einzigen Gott im Königreich zu praktizieren. Besonderes Interesse dürfen die beiden Oberbilder der Scheibe in Anspruch nehmen. Sie zeigen links einen Schneider, der auf einem Tisch mit der Schere einen braunen Stoff zuschneidet, daneben ist ein nähender Schneider zu erkennen. Auf dem Tisch sind ein Messstab und Nähzeug, an der Wand eine befestigte Lichtquelle (Schusterkugel?) zu erkennen. Da Darstellungen aus dem Schneiderberuf äusserst selten anzutreffen sind, ist der kulturgeschichtliche Wert der Scheibe kaum zu überschätzen.

Über den Scheibenstifter Klaus Keller erfahren wir Genaueres aus dem evangelischen Kirchenbuch Nesslau. Hier wird unter dem Datum des 12. Februar 1595 seine Verheiratung mit «Elsbeth Cluserin» (Klauser) vermerkt. Die Ehe scheint kinderlos geblieben zu sein, da sich keine Taufeintragungen finden. Ein weites Mal erscheint Keller noch 1616 als Taufpate. Im Text ist das Wappen Kellers erkennbar, ein grüner Dreiberg, darüber eine grosse geöffnete weisse Schere, in der Öffnung ein Kreuz, links und rechts die Initialen CK. Über die Person des Glasmalers gibt die Scheibe keine Anhaltspunkte, sie ist aber mit einiger Wahrscheinlichkeit in Zürich oder in der Ostschweiz entstanden. Das Original wird im Fenster des Handwerkraums im Toggenburger Museum in Lichtensteig ausgestellt.

Hans Büchler

redaktion@toggenburgmedien.ch

Hans Büchler ist ehemaliger Kurator des Toggenburger Museums in Lichtensteig.